Blind Date mit Modeselektor: „Bisschen Kakophonie, aber ansonsten geil!“
Kylie Minogue, Radiohead, Jeff Mills – wie reagiert das Modeselektor-Duo auf unsere Blind-Date-Tracks? Wir checken.
Eigentlich wollten sie nur im eigenen Archiv wühlen und sortieren – doch plötzlich stehen Modeselektor mit einem neuen Album in der Tür. Der staatstragende Titel: CLASSICS VOL. 1.
Wir haben dem produktiven und bei aller Stabilität stets unberechenbaren DJ- und Produzenten-Duo ein paar Songs vorgespielt.
KYLIE MINOGUE – Slow
SEBASTIAN SZARY: Großartiger Track.
GERNOT BRONSERT: „Slow“ heißt der, nicht wahr?
Genau. Den habe ich mit reingenommen, weil ich mir gestern das Ausgangsmaterial für euer neues Album angehört habe. Die Nummer „Tetrispack“ ähnelt ihm.
BRONSERT: War das dasselbe Jahr?
„Slow“ kam zwei Jahre davor.
BRONSERT: Das war ein Moment in Kylie Minogues Karriere, wo sie es in die Panorama Bar geschafft hat. Die ganzen House-DJs haben diese Platte gespielt. So einen coolen Beat habe ich im Pop nie wieder gehört.
SZARY: Der ist simpel-sequenziell, geht so durch – faszinierend einfach.
BASIC CHANNEL – Quadrant Dub I
SZARY: Ich würde sagen, wir sind im Basic-Channel-Bereich, so was wie „Quadrant“?
Richtig! Welche Rolle hat die Musik aus dem Hard-Wax-Umfeld für euch gespielt?
BRONSERT: Den Erstkontakt mit Techno hatte ich schon, bevor ich Basic Channel gehört habe. Wie geil Techno sein kann, haben mir die Basic-Channel-Platten gezeigt. Das war ein Sound, der mehr als nur Production-Skill war, sondern perfekt zum Matschwetter in Berlin gepasst hat. Ein Soundtrack, der die Dirtyness dieser Stadt gut begleitet hat.
SZARY: Das ist absolute Musik, losgelöst von Rave. Da gibt es keinen Peak, keinen Bang. Das transportiert, ohne dich hochzuheben.
BRONSERT: Diese Musik werde ich hören, wenn ich 80 bin, genau wie ich sie vor 25 Jahren das erste Mal gehört habe. Das ist, was Techno ausmachen sollte: eine zeitlose Dimension.
OFF – Electrica Salsa
Was elektronische Musik in Deutschland anbetrifft, folgt nun ein Kontrapunkt.
[Lachen, als die Synths einsetzen]
BRONSERT: Klar, Sven Väth. Lief das nicht unter OFF? Das ist „Electrica Salsa“. Frankfurt, ne?
Darauf wollte ich raus.
BRONSERT: Die Berliner, die Münchner, die Hamburger und die Kölner haben sich immer alle gut verstanden. Und dann gab es noch die Frankfurter.
War das so?
BRONSERT: Nee, Spaß! Als die Nummer rauskam, war ich in der 2. Klasse. Das hat nichts mit Techno zu tun. Das ist astreine Achtziger-Popmusik.
SZARY: Das ist New Beat – die Konsequenz aus der ganzen belgischen Beeinflussung. Ein Kind seiner Zeit. Viele wissen nicht, dass Sven Väth dahintersteckt.
BRONSERT: Ich finde es beeindruckend, was der Typ für eine Energie hat! Bevor er DJ wurde, hat er so was gemacht. Der Wille, berühmt zu werden, und die Rampensau waren da schon stark wahrnehmbar.
SZARY: Wir nehmen uns zu Herzen, was Sven Väth und OFF damals geleistet haben.
BRONSERT: Der ist schon eine coole Sau. Allerdings war der Sven Väth, der später kam, wichtiger als „Electrica Salsa“. Das lässt er nicht raushängen – vielleicht ist es ihm auch ein wenig unangenehm, ich weiß es nicht. [lacht]
TAKTLOSS – Vorhang auf (feat. MC Basstard, Frauenarzt, King Orgasmus One & MC Bogy)
Sorry, ich wusste gar nicht mehr, dass das so explizit ist.
BRONSERT: Taktloss, großer Fan! Ist das was Altes?
Ja, von 2000 oder so.
BRONSERT: Das ist nicht alt, Junge. Obwohl – das war die Westberlin-Maskulin- und Royal-Bunker-Hochzeit, ne?
SZARY: Taktloss, europäischer Meister des synkopischen Rap. Vielleicht ein fragwürdiger Vergleich, aber ich habe mal gehört, dass er großer Fan von Sensational ist – der ist ja das Original. Wenn Taktloss reinkommt, das ist einfach genial.
BRONSERT: Er hat sein Kunst-Ding schon früh gezeigt. Sein Graffiti-Name war übrigens Level; er war so ziemlich der Tagger mit dem größten Fame, den es in Berlin gab. Du wirst damals wahrscheinlich noch nicht in Berlin gewesen sein – oder bist du Berliner?
Bayer.
BRONSERT: Ist ja nicht so schlimm. Wir sind mit Level-Tags aufgewachsen. Taktloss ist ein wichtiger Pfeiler der Berliner Kultur, wenn auch komplett unter der Gürtellinie.
JEFF MILLS – The Bells (Blue Potential Version)
BRONSERT: Ist es das, was ich vermute? Die Klassik-Variante mit dem Meister an der 909?
Ganz recht.
BRONSERT: Ich hab es mir nie reingezogen, weil ich immer Angst davor hatte. Aber ich hab es erkannt. [lacht]
SZARY: Ich habe das auch vermutet und weiß jetzt nicht: Bin ich geflasht oder …
BRONSERT: … peinlich berührt. Ich hatte so einen Moment schon mal mit Laurent Garnier, der etwas Ähnliches gemacht hat. Ich finde es schwierig, wenn man sich so virtuos bewegt, indem man nur eine 909 lauter und leiser macht – unabhängig von Jeff Mills. Aber großen Respekt: Er ist der Meister.
Jeff Mills hat sich musealisiert – ihr erschafft aus euren alten Tracks gerade neue.
BRONSERT: Wir sind keine Konzeptkünstler. Er wollte von Anfang an ins Museum. Es ist aber eine logische Konsequenz, dass aus Jugendkultur Kunst wird. Mit uns kann man das nicht vergleichen.
RADIOHEAD – Idioteque
SZARY: Den kennen wir, ja. [Gelächter]
Das dachte ich mir. Ich muss gestehen: Ich kannte den bis gestern Abend nicht – mein Mitbewohner hat ihn mir gezeigt, als ich ihm sagte, dass ich euch interviewe. Erklärt mir Radiohead!
BRONSERT: Radiohead hatten in den Neunzigern wahnsinnigen Erfolg. 2001 haben sie am 11. September in Berlin gespielt – wir waren da. Mit diesem Stück hat dein Mitbewohner populistisch das elektronischste Stück von KID A genommen. So klingt es, wenn jemand aus der Gitarrenmusik-Welt ein Elektro-Stück machen will, dabei aber auf keinen Fall peinlich sein möchte – und dabei viel Stil und Gefühl hat. Wir haben die kennengelernt: Das sind totale Techno-Fans. Die hätten Basic Channel auch erkannt.
Wart ihr auf den Konzerten im Dezember?
SZARY: Problematische Bühne, bisschen Kakophonie, aber ansonsten geil.
MODERAT – Bad Kingdom (DJ-Koze-Remix)
Den werdet ihr kennen, weil er von euch ist.
BRONSERT: 118 BPM und fast acht Minuten. Stefan Kozalla wollte dafür nicht mal Stems haben – der hat das MP3 genommen.
SZARY: Weißes Vinyl – das war eine erfolgreiche 12-Inch.
Ich war 2014 das erste Mal auf dem Melt! Der Track lief da in jedem Set.
BRONSERT: Koze fragt man nicht nach einem Remix – er fragt dich. Er kam damit um die Ecke. Ich weiß noch, als wir auf der Innervisions-Party auf dem OFF Sónar waren. Wir sind mit der Moderat-Entourage auf die Bühne, als die gerade aufgelegt haben. In dem Moment hat Dixon zufällig diesen Track gespielt. Seinen Blick zu uns rüber werde ich nie vergessen.
Über Modeselektor
Bereits 1996 fanden sich Gernot Bronsert und Sebastian Szary unter dem Projektnamen Modeselektor zusammen. Seit 2005 veröffentlichen sie auch Alben; Ende der Nullerjahre gründeten sie zudem ihr eigenes Label Monkeytown Records. Der Sound der beiden Berliner bewegt sich zwischen Techno, HipHop und Electro. Gemeinsam mit dem Musiker Sascha Ring (Apparat) sind sie außerdem Teil der Band Moderat. Aktuell erschien mit CLASSICS VOL. 1 das jüngste Modeselektor-Album.








