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Nachruf

Nachruf auf Eddie Van Halen: Die rechte und die linke Hand des Teufels

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Dass sämtliche sozialen Netzwerke beim Ableben eines prominenten Musikers unisono zu Kondolenz-Kanälen werden, ist nicht neu. Auffällig hingegen ist es, wenn die Beileidbekundungen in solch hoher Zahl und Breitenwirkung auftreten. Im aktuellen Todesfalle Eddie Van Halens ist der allgemeine Ausdruck der Trauer über das Dahinscheiden des ikonischen Gitarristen eruptiv. Keineswegs allein auf Van Halens Hauptwirkungssegment, den Hardrock und Heavy Metal, beschränkt, outen sich zum Beispiel auch Brian Wilson, Curtis Stigers und Cat Stevens/Yusuf Islam als Bewunderer. Was viel über den Stellenwert des Saitenvirtuosen Edward Lodewijk „Eddie“ Van Halen verrät, von dem manche sagen, er sei das größte Gitarrengenie seit Jimi Hendrix gewesen.

Am 26. Januar 1955 in Amsterdam geboren, verschlägt es den jungen Edward mit seiner Familie 1962 in die USA, wo man sich im kalifornischen Pasadena niederlässt. Zusammen mit seinem Bruder Alex beginnt Eddie bereits in frühen Jugendjahren die Welt der Musik zu erkunden. Zunächst am Piano, an dem er als Notenlegastheniker improvisierend bei einem lokalen Wettbewerb mehrfach den ersten Platz belegt. In Schlagzeug und Gitarre findet das Brüderpaar schließlich seine individuelle instrumentale Berufung und gründet gemeinsam eine Band. Diverse Inkarnationen und Umbenennungen später stehen 1974 Name und Line-Up: Neben Eddie und Alex komplettieren Bassist Michael Anthony und Sänger David Lee Roth die Band Van Halen. Deren neue Basis wird Hollywood, genauer gesagt die Clubszene des Sunset Strips, wo man sich zunächst in eher zweitklassigen Schuppen wie dem Gazzarri’s regelmäßig die Nächte auf der Bühne um die Ohren schlägt, aber auch ein immer größeres Publikum in seinen Bann zieht. Dass Van Halen heiß sind, weiß auch Kiss-Bassist Gene Simmons, der mit hohen Temperaturen bekanntlich bestens vertraut ist. So produziert der an einem Signing interessiere Simmons 1977 ein Demosession-Tape mit der jungen Band, welches jedoch vom Kiss-Management zurückgewiesen wird. Kurz darauf nimmt Produzent Ted Templeman Van Halen unter seine Fittiche und sichert ihnen einen Plattenvertrag.

Van Halens bandbetiteltes Debüt-Album gerät 1978 zum ersten großen Erfolg der Gruppe und soll sich über zehn Millionen Mal verkaufen. Auf VAN HALEN untermauert die Band nicht nur die Hardrock-Pionierrolle der Kinks mit einem Cover von „You Really Got Me“, sondern revolutioniert das ganze Genre: Eigenkompositionen wie „Runnin‘ With The Devil“ und „Ain’t Talkin‘ ‚Bout Love“ erfinden das Ausdrucksvokabular des harten Rock (fast) neu, während das Instrumental „Eruption“ künftige Generationen von Gitarrenschüler*innen in den Wahnsinn zu treiben gedenkt.

Eddies innovative Tapping-Technik, eine Anschlagsform mit beiden Händen, welche hochrasante Arpeggios ermöglicht, sowie sein experimenteller und exzessiver Gebrauch des Tremolo-Systems erhebt den jüngeren Van-Halen-Bruder und Fender-Fan unmittelbar in den Gitarristen-Olymp. Bilden Eddies Klampfen-Kunststücke und Spezialeffekte das musikalische Rückgrat und Alleinstellungsmerkmal von Van Halen, ist Sänger David Lee Roth weniger versierter Techniker, sondern flamboyanter Vollblut-Entertainer.

Der „Jump“-Erfolg gibt Eddie Van Halen recht

Die Dynamik dieses Zweier-Gespanns befeuert nicht nur Van Halens kometenhafte Karriere in den Achtzigern, sondern bildet auch die Rollenvorlage und Blaupause für viele andere Hardrock-Acts, die der Sunset Strip in den Folgejahren hervorbringen würde. Eddie Van Halen hingegen zeigt sich schon früh nicht nur einer Szene verpflichtet. So nimmt er Quincy Jones‘ Einladung, für den Michael-Jackson-Song „Beat It“ (1983) ein Solo beizusteuern, dankend an und veredelt eine der weltweit bestverkauften Singles in spe mit einem markanten melodischem Motiv. Dass ausgerechnet ein Meister an den sechs Saiten wie Eddie Van Halen zu jener Zeit seine Leidenschaft für Keyboards (wieder) entdeckt, sorgt bei manchen Musik-Kolleg*innen und Fans unterdessen für Kopfschütteln. Der Erfolg des Synthie-getriebenen Van-Halen-Albums 1984 (über zehn Millionen verkaufte Exemplare) und dessen Über-Single „Jump“ gibt letzten Endes jedoch dem tastenverliebten Gitarristen recht.

Der sich anschließende Split mit Roth schadet der Popularität der Band kaum, auch wenn er unter Anhänger*innen künftig die Glaubensfrage provoziert. Mit dem Folge-Frontmann Sammy Hagar eröffnen Van Halen das zweite Kapitel ihrer Erfolgsgeschichte, welches unter anderem einen Hit wie „Why Can’t This Be Love“ (1986) hervorbringt. Nachdem die Hagar-Ära Mitte der Neunziger zu Ende geht und man schließlich Extreme-Sänger Gary Cherone auch für das Album VAN HALEN III (1998) verpflichtet, wird es im Studio fortan sehr ruhig um Van Halen. Erst 2012 erscheint mit Rückkehrer Roth das zwölfte und letzte Van-Halen-Album, A DIFFERENT KIND OF TRUTH.

Gesundheitlich hat Kettenraucher Eddie Van Halen seit Ende der Neunziger mit diversen Erkrankungen sowie den Folgen seiner Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen. Auf eine künstliche Hüfte 1999 folgen die Zungenkrebs-Diagnose und schließlich die Kehlkopfkrebs-Erkrankung. „Ich kann gar nicht glauben das hier schreiben zu müssen, aber mein Vater, Edward Lodewijk Van Halen, hat seinen langen und mühsamen Kampf mit dem Krebs an diesem Morgen verloren“, hat der Sohn des Gitarristen, Wolfgang Van Halen, am 06. Oktober via Twitter bekannt gegeben. Eddie Van Halen verstarb im Saint John’s Hospital, Santa Monica im Kreise seiner Familie.


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