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Die besten Serien der 2000er

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In der aktuellen ME.Movies-Ausgabe hat die Redaktion die besten Serien aller Zeiten gewählt. Und zwar jeweils unterteilt nach dem Jahrzehnt, in dem sie erschienen sind. An dieser Stelle präsentieren wir Euch die zehn besten Serien der 2000er-Jahre. Natürlich mit umfassender Begründung.

10. The Office (UK)

Großbritannien, 2001-2003, mit Rick Gervais, Martin Freeman, Mackenzie Crook

Wenn Inhalt und Form eine Einheit bilden, entsteht große Kunst. Man will sich gar nicht vorstellen, was aus einer Serie wie „The Office“ geworden wäre, hätte man ihr Setting in das Korsett einer mit Lachkonserven unterlegten Mehrkamera-Sitcom gezwängt. Den tristen Alltag einer britischen Großhandelsfirma zeigen Serienerfinder Ricky Gervais und Stephen Merchant nämlich grau und grobkörnig, ohne Musik, mit wackeliger Kamera als in den Ort eingebundenes Subjekt. Die gesamte Serie besteht aus Aufnahmen eines fiktiven BBC-Teams, das in den Räumlichkeiten des Konzerns Wernham Hogg für eine Langzeitdokumentation Material sammelt. Die Figuren präsentieren und produzieren sich also fast die ganze Zeit; in der Differenz zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlichem Auftreten entsteht der Humor.

Wichtiger Unterschied: Es gibt eine Version für den US- und den UK-Markt. Hier geht es um Letztere.
Wichtiger Unterschied: Es gibt eine Version für den US- und den UK-Markt. Hier geht es um Letztere.

Gervais sagte einmal, es gäbe nichts Witzigeres als eine Person, die zugleich unfähig und arrogant ist. Es gibt wahrscheinlich auch nichts Beängstigenderes als so eine Person. Aber ob etwas besonders lustig oder besonders tragisch ist, hängt ja sowieso immer von der Perspektive ab. Menschen, die in miesen Büros für ein unsägliches Arschloch wie den von Gervais gespielten David Brent arbeiten müssen, können sich „The Office“ bestimmt nicht angucken. Für alle anderen gibt es kaum etwas Besseres.

Gervais und Merchant sind präzise Beobachter, und in ihrer Genauigkeit liegt das Geniale. Häufig ist Humor ja einfach das Sichtbarmachen von Trivialem, das Hervorheben menschlicher Eigenarten, die jeder kennt, aber niemand erkennt. Große Komiker besitzen eine besondere Antenne und sind empfänglich für Muster, die anderen verborgen bleiben. Wie Gervais sich als Brent durch die fettigen Haare fährt, seine selbstgefälligen Pausen, der amerikanische Akzent, mit dem er seinen Kollegen ungefragt eigene Lieder vorspielt, dass er überhaupt Lieder schreibt, die dann Titel wie „Life On The Road“ tragen – das alles ist äußerst komisch und entwaffnend traurig, und nicht zuletzt zeugt es von einem der Serie zugrunde liegenden Humanismus.

9. Arrested Development

Der Familienclan der Bluths.
Der Familienclan der Bluths beim Abendessen.

USA, 2003-2006/seit 2013, mit Jason Bateman, Portia de Rossi, Will Arnett

Komödienregisseur David Zucker sagte einmal, der Grund für die frühe Absetzung seiner Serie „Police Squad!“, dem Vorläufer der „Die Nackte Kanone“-Trilogie, sei gewesen, dass man die Serie tatsächlich gucken musste. Die temporeichen Dialoge, die Screwball-Wortgefechte ad absurdum führten, die vielen visuellen Gags, die sich meist im Hintergrund versteckten und häufig erst in Gegenüberstellung zu dem Gesprochenen zu Gags wurden, die albernen Anti-Plots, die gängige Dramaturgien unterliefen – das waren Albernheiten, die Aufmerksamkeit einforderten, das war nichts zum Nebenbei-Laufen-Lassen, und im Jahr 1982, also bevor Fernsehen offiziell gut wurde, da war dieses Maß an Anspruch ein Todesurteil.

„Arrested Development“ startete 2003 und hat es in seinem ersten Leben immerhin auf drei Staffeln gebracht. Die oben genannten Charakteristika treffen hier vielleicht sogar noch stärker zu: Die Serie – eine Art Mischung aus Daily-Soap-Parodie, Sitcom und Mockumentary, in der die Konflikte, Intrigen und Liebschaften einer wohlhabenden kalifornischen Großfamilie verhandelt werden – ist ungemein schnell und ständig in Bewegung. Ein allwissender Erzähler verbindet spöttisch kommentierend die vielen Handlungsstränge, schlängelt sich durch das ganze Durcheinander und springt munter durch Raum und Zeit. Man muss die Serie also wirklich gucken, damit es sich lohnt. Nahezu jeder Witz sitzt, und die Frequenz ist bemerkenswert, die Pointen zünden im Zehn-Sekunden-Takt.

Mit den Jahren mauserte sich die 2006 abgesetzte Serie vom Kritikerliebling und ständigen Geheimtipp zum Mainstream-Erfolg. Im Mai 2013 wurde auf dem Streaming-Dienst Netflix die vierte Staffel veröffentlicht. Auf dem Papier gab es keinen Anlass zur Sorge, denn Mitchell Hurwitz blieb der Chefautor und das Ensemble kehrte geschlossen zurück. Dennoch: Die Folgen waren träge, die extra langen Netflix-Laufzeiten taten dieser Show, die schnell sein muss, nicht gut. Das Timing stimmte nicht, zum ersten Mal.

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BBC
20th Century Fox


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