Neue Musikexpress-Playlist: K-Pop for Beginners

Seitdem BTS die Stadien füllen und Blackpink (Foto) als Band oder durch ihre Solotracks wie „Lalisa“ TikTok, YouTube und die Musikstreaming-Plattformen zum Glühen bringen, wurden wir immer mal wieder gefragt, wo man denn beim K-Pop-Hören am besten anfangen sollte. Daraus entstand diese Playlist, die einen ersten, alles andere als vollständigen Überblick über das Phänomen K-Pop liefern soll. Eine bunte Tüte aus Liedern, die das Genre prägten, aktuellen Hits und zahlreichen Songs, die musikalisch problemlos in die Review-Seiten unseres Magazins passen würden. Außerdem wollen wir diese Playlist in den nächsten Wochen immer wieder mal aktualisieren und wie auch in diesem Feature exemplarisch einige Lieder etwas genauer vorstellen.

Der K-Pop-Urknall: Seo Taiji and Boys und „Come Back Home“

Der Sound und der Style von K-Pop haben ihren Ursprung nicht in den klimatisierten Meetingräumen großer Produktionsfirmen. Im Gegenteil: Als Jeong Hyeon-cheol alias Seo Taiji Anfang der 90er-Jahre mit Yang Hyun-suk und Lee Juno die Band Seo Taiji And Boys gründete, schockten die drei die Musikindustrie Südkoreas. Die setzte zu der Zeit noch auf patriotisch angehauchte Folk Balladen, Hymnen für die noch sehr junge Demokratie, und Herzschmerz-Schmachtfetzen nach Vorbildern wie Barbra Streisand oder Lionel Richie.

Koreanische Mainstream-Musik war dabei vor allem ein Fernsehthema: Die großen TV- und Radio-Sender veranstalteten Musikrevuen und Formate, die den heutigen Castingshows sehr ähnlich waren. Genau dort gaben Seo Taiji And Boys, auf dem Sender MBC, am 11. April 1992 ihr TV-Debüt. Seo Taiji – Sänger, Produzent und Songwriter – hatte zuvor in der noch heute aktiven Rockband Sinawe gespielt, sich für sein neues Projekt aber noch Tanzen, B-Boy Style und HipHop-Beats draufgeschafft. Ihr erster Song hieß „Nan Arayo“, übersetzt „I Know“, und klang wie eine Kreuzung aus Snap! und den Beastie Boys auf Koreanisch. Die Jury hasste es. Sie bemängelte den aggressiven, ungelenken Tanzstil und die Melodiearmut des Stücks. Doch bei der jungen Generation trafen Seo Taiji And Boys einen Nerv. Sie brachten das Interesse an aktueller US-Musik mit einer eigenen koreanischen Identität zusammen – was noch heute die DNA dieses Genres ausmacht. Seo Taiji And Boys wurden enorm erfolgreich, trennten sich 1996 aber auf der Spitze ihres Erfolgs mit einem Abschiedsalbum, auf dem Seo Taiji sogar explizit sozialkritisch textete – bis dato ein No-Go im koreanischen Mainstream. In dem Cypress-Hill-Klon „Come Back Home“ sang er von jugendlichen Ausreißern, die dem Erwartungsdruck ihrer Familien nicht standhielten. Tänzer und Sänger Yang Hyun-suk gründete übrigens später die Produktionsfirma YG Entertainment, mit der er Acts wie Blackpink, iKon, Big Bang und Treasure groß machte.

Der Vorreiter in Sachen Welteroberung: G-Dragon feat. Zion T & Boys Noize und „I Love It“

„Hey Alex! Hit me!“, ruft G-Dragon in den ersten 20 Sekunden des Songs „I Love It“ auf seinem zweiten Soloalbum im Jahr 2013. Mit Alex ist Alexander Ridha gemeint – besser bekannt unter dem Moniker Boys Noize. Als weiterer Gastsänger ist auf der Nummer der Koreaner Zion. T zu hören. Das Album „Coup D’Etat“ sollte G-Dragons erste Welttournee boosten und kann durchaus als Versuch verstanden werden, K-Pop international anschlussfähig zu machen.

G-Dragon, Mitglied der in schon fast Kultstatus genießenden Band Big Bang und wilder Rapper, war ein guter Kandidat für den Versuch. Sein damals auf Emo getrimmter Style und auch seine Musik passten sehr gut in die Zeit. Spannend ist aber, wen seine Produktionsfirma als Gäste an Bord holte: eben Boys Noize, aber auch Diplo, Baauer und Sky Ferreira waren an dem Album beteiligt. Die bekannteste Stimme auf „Coup D’Etat“ ist Missy Elliott, die auf „Niliria“ G-Dragon den Ritterschlag des westlichen HipHops gibt. Die Rechnung ging auf: Das Album schaffte es weit hoch in die Billboard Charts. Fun Fact: Auf dem Album findet sich mit „Black“ auch einer der ersten Tracks mit Jennie von Blackpink – und die Klatschpresse munkelte in diesem Jahr schon wieder, wie damals, dass die beiden ein Paar seien …

Der Rapper und Produzent bei BTS: Agust D mit „Daechwita“

Wer bei BTS immer noch denkt, sie seien ja nur eine gecastete Boyband, der sollte sich die Skills der einzelnen Mitglieder mal genau anschauen. Vor allem Suga ist dabei ein besonders spannender Fall. Er ist nicht nur der Emoboy und Rapper der Band, er schreibt und produziert auch zahlreiche Songs und war der erste von BTS, der Mitglied der renomierten Korea Music Copyright Association (KOMCA) wurde – wenig später folgten RM und J-Hope. Das schon 1964 gegründete gemeinnützige südkoreanisches Urheberrechtskollektiv für Musikwerke erhebt nur die erfolgreichsten Mitglieder in die Kategorie eines „Full Members“ – und kuratiert die Auswahl durch ein Gremium, das jeweils nur die Gesamtzahl von 25 aktiven Full Members zulässt.

Seine Rap- und Produzenten-Skills lebt Suga auch unter dem Namen Agust D aus. Zwei Alben gibt es von ihm – „Agust D“ von 2016 und „D-2“ aus dem letzten Jahr. Wer sie hört, wird vielleicht überrascht sein, denn beide sind reine Rap-Alben, denen man Sugas Einflüsse bisweilen durchaus anhört: J. Cole, viel 2Pac, Kendrick Lamar, Eminem, aber auch koreanische Rap-Acts wie Epik High, die auch in dieser Liste vertreten sind. Agust Ds Hit vom letzten Album ist – nicht zuletzt wegen des grandiosen Videos – „Daechwita“. Ein kraftvoller Flex-Track, bei dem er gegen die Hater aus dem Rapgame austeilt. So heißt es zum Beispiel übersetzt in einer Strophe: „Shut up, yeah, you calling me a pup, yeah / I was born a tiger I ain’t no weak pill-popper like you / Pathetic fucks putting on a talent show / Not gonna lie what a shitshow / I got no pretensions just kill ‘em all / Ain’t no exceptions I watch you fall“. Das klingt doch eher nach Gang Boss als nach Boygroup.


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