Kritik

Peter Thorwarths „Blood Red Sky“ auf Netflix: Boarding mit Biss

von

+++ Dieser Text enthält milde Spoiler zum Film +++

Ein Flughafen in Deutschland: Der kleine Elias (Carl Anton Koch) besteigt mit seiner Mutter Nadja (Peri Baumeister) eine Passagiermaschine nach New York City. Da Nadja an einer mysteriösen Krankheit leidet, aufgrund derer sie das Tageslicht meidet, reisen die beiden mit einem Nachtflug. Ihre Erkrankung ist auch der eigentliche Anlass für die Reise, da Nadja in den USA eine Strahlenbehandlung durch einen spezialisierten Arzt wahrnehmen möchte.

Kaum ist der Nachtflug gestartet, ahnt man als Zuschauer*in schnell, dass hier was in der sprichwörtlichen Luft liegt. Und tatsächlich führt eine Gruppe von Kriminellen etwas im Schilde: Das Flugzeug wird nämlich entführt; die Hijacker hegen den Plan, die Maschine über London abstürzen zu lassen. Nach außen tarnen sie die Tat als terroristischen Anschlag, fordern muslimische Fluggäste, darunter Farid (Kais Setti), mit dem sich Elias bereits am Flughafen anfreundete, auf, ein vorbereitetes Statement einzulesen und lassen diese dadurch nach außen hin als die vermeintlichen Täter erscheinen. Das eigentliche Motiv der Entführer scheint jedoch etwas anderes zu sein, nämlich eine bewusste Manipulation der Börsenwerte.

Obwohl sich „Blood Red Sky“ einerseits als quasi klassischer Flugzeug-Thriller in der Tradition von Werken „Flightplan – Ohne jede Spur“ mit Jodie Foster lesen lässt, wird das geradlinige Kammerspiel durch zwei weitere Zutaten ergänzt: Vampire und (irgendwie damit einhergehend) Horror! Diese bissig-blutigen Komponenten machen „Blood Red Sky“ zu einem ziemlich abgedrehten, aber auch konsequentem Stück Horror-Thriller.

Wer ist gut, wer ist böse?

In ihrem Alltag, wie auch an Bord versteckt Nadja zunächst ihr Geheimnis; sie spritzt sich regelmäßig ein Mittel, das körperliche Impulse zum Ausleben ihrer Vampir-Persönlichkeit unterdrückt und sie besonders im Blutrausch zurückhält. Als die Maschine bereits gewaltsam übernommen wurde, wird Nadja von einem der Hijacker (an sich tödlich) angeschossen. Sie wollte ihren Sohn, der ein Versteck ausgemacht hatte, beschützen. Nach dem Schuss bleibt sie blutend liegen, stirbt jedoch nicht, sondern steht wieder auf. In diesem Moment sehen wir Nadja erstmals als Vampirin – und sie stellt sich mit all ihren Kräften folglich der Gruppe der Entführer, darunter Eightball (Alexander Scheer), Karl (Roland Møller) und Berg (Dominic Purcell), als Ein-Frau-Armee entgegen. Doch einige Fluggäste, die Nadja eigentlich mit ihren Attacken auf die Entführer zu beschützen versucht, erkennen aufgrund ihres veränderten Aussehens nicht mehr, ob sie Hilfe oder Bedrohung ist, haben mitunter Angst vor ihr, sehen in ihr ein Monster.

In eben jenen Ausnahmesituationen wird „Blood Red Sky“ auch gruppendynamisch spannend und wirft einige interessante Fragen auf, die man gewissermaßen als Leitmotive im Film sehen kann: Wer ist gut und wer ist böse? Wem kann man vertrauen? Und wer steht auf wessen Seite? Regisseur Peter Thorwarth („Unna-Trilogie“) versteht es, bei derlei Fragen in den richtigen Momenten zu überraschen. Geneigte Zuseher*innen seiner Filme werden diesen Kunstgriff kennen: Schon in Thorwarths bekanntestem Film, dem Ruhrpott-Kult-Hit „Bang Boom Bang“, waren die Motive mancher Figuren nicht immer klar – und die Wahrnehmung, wer hier eigentlich wen über den Tisch zieht, wurde bekanntlich mehrfach verlagert.

Auch „Blood Red Sky“ überzeugt durch die ein oder andere Wendung. Dass in diesem Film die Machtspielchen an Bord nicht nur durch psychologische Kniffe, sondern auch durch Fäuste (oder Zähne) geführt werden, dürfte klar sein: Die aufgeladene, ja geradezu panische Atmosphäre im fliegenden Mikrokosmos ist packend eingefangen. Das Setting wird wunderbar etabliert, auch weil die Kamera einen in nahezu jeden Winkel der Passagiermaschine mitnimmt, sodass man mit der Zeit glaubt, diese komplett zu kennen.

Wie ist die Maschine dort nur gelandet?

Regisseur Peter Thorwarth arbeitet in seinem Netflix-Film gelegentlich mit Flashbacks, etwa wenn er in wiederkehrenden Rückblenden von Abschnitten aus Nadjas Lebensgeschichte und ihrer Vampir-Werdung erzählt. Doch liefert er auch einen Vorgriff auf ein späteres Ereignis – und das direkt prominent am Anfang: Die Zuschauer*innen sehen die Situation, in der das besagte Passagierflugzeug nicht in New York City, sondern auf einer Militär-Airbase in Schottland gelandet ist. In der Szene erfährt ein Colonel (Graham McTavish), dass der Pilot sowie der Co-Pilot der Maschine tot seien und sich an Bord Sprengstoff befinden soll; folglich geht er von einem Terrorakt aus. Doch ein klares Bild ergibt sich ihm selbst dann nicht, als der kleine Elias mit seinem Teddy aus dem Flugzeug klettert. Auch sieht man Farid, der verletzt im Cockpit sitzt, von den Gesetzeshütern verdächtigt wird und in Richtung Towers fleht, dass er alles erklären kann. Was genau dort im Flieger los sein soll, versteht man selbst nicht, weswegen man keinen wirklichen Wissensvorsprung – die Szene dient als „Rahmen“ und wird man Ende natürlich noch einmal aufgegriffen – dadurch hat. Einen Nutzen hat die Vorblende aber allemal: Thorwarths Kunstgriff löst auf der einen Seite Verwirrung bei den Zuschauer*innen aus, führt aber, vergleichbar wie bei der Inspektion des Tatorts in einem „Whodunit“-Krimi, zu einem gesteigerten Interesse am Hergang. Man sieht das Flugzeug und fragt sich, wie es dort sprichwörtlich landen konnte und wo die ganzen Menschen stecken, die in diese Passagiermaschine eigentlich reinpassen.

Bissige Action

Abgesehen von dem offenkundigen Entführungs-Motiv, das durch die Übernahme der Maschine durch die Hijacker bedient wird, erzeugt der Film durch andere, für das Genre nicht unübliche, Aspekte: Faktoren wie die weniger werdende Versorgung mit Treibstoff im Flugzeugtank, das knapper werdende Medikament von Nadja oder schlicht der begrenzte Raum im Flieger, aus dem keine*r zu flüchten vermag und der obendrein stark umkämpft ist, halten durchweg den Thrill oben. Neben dem gelungenen Spannungsbogen dürfen auch die Schauspielerleistungen positiv hervorgehoben werden, wie etwa die des Deutschen Alexander Scheer (bekannt aus „Gundermann“ und „Sonnenallee“), der einen skrupellosen Steward spielt, der unter dem Namen Eightball mit den Hijackern zusammenarbeitet. Auch Peri Baumeister sowie der junge Carl Anton Koch überzeugen in den beiden Hauptrollen.

Überzeugend ist auch die Konsequenz, mit der der Film seine Prämisse umsetzt: Ein schnörkelloser und brutaler Thriller, der aber auch Raum für gefühlige Momente zulässt, etwa wenn es um die Vergangenheit von Nadja, ihre Identität als Vampirin oder auch ihre Beziehung zum Sohn, die von einem starken Zusammenhalt geprägt ist, geht. Letzteres ist ein außerordentlich wichtiger Punkt im Film, hat Nadjas Vampirismus doch starke Auswirkungen auf ihre Mutterrolle und den Umgang mit ihrem Sohn. Dabei nimmt sich der „Blood Red Sky“ auch der Perspektive von Elias, der ohnehin schon viele Alltagsaufgaben für seine kranke Mutter übernimmt, an. Dieser lernt während des Fluges, dass seine Mama als Vampirin nicht nur anders ausschaut, sondern auch – Stichwort Blutrausch – eine andere, gefährlichere Persönlichkeit annimmt. Für Elias wird der verantwortungsbewusste Farid während des Fluges zu einem wichtigen, quasi väterlichen, Ansprechpartner und nimmt auch sonst im Film eine wichtige Rolle ein. Thorwarth versteht es, diese dramatischen Momente organisch in den ansonsten eher harten Thriller-Stoff zu verweben.

Der teils englisch-, teils deutschsprachige Film dürfte eingefleischte Actionfans sicher überzeugen: „Blood Red Sky“ ist ein geradliniger Genre-Film, der spannend und packend zugleich ist. Vampire im Flieger? Das klingt erstmal wild, aber die ungewöhnliche Mischung funktioniert, auch wenn die blutige Gewaltorgie sicherlich nicht jedermanns Geschmack sein dürfte. Der bereits blutig anmutende Titel ist in jedem Fall Programm.

„Blood Red Sky“ ist seit Freitag, 23. Juli 2021, auf Netflix im Stream verfügbar.


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