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Popkolumne, Folge 122

THE DOME – HEAT EDITION: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Es durchzuckt mich dieser Tage öfter. Wenn ich mir Sonnencreme ins Gesicht patsche, von irgendwo ein Grillgerüchlein ins Fenster weht oder gewisse Melodien erklingen, dann denke ich an den Sommer von früher: Am Strand einer weit entfernten Insel, kühle Drinks in der Hand, leckere Häppchen parat, Schweiß am Bikini, Sand in der Ritze, ein paar Flirts am Start, die Wertsachen im Hotel, die Tage unendlich, kein Internet und keine Termine. Und alle tanzen diesen einen Tanz, der seit Monaten total beliebt ist: Macarena, Lambada, Bailando, Samba, Coco Jamboo, Conga, Vida Loca, Mambo No.5, Ketchup, Nelly. Wir sind das „hottest thing in west L.A.“, oder in der Karibik, auf Mallorca, Ibiza oder was weiß ich denn. Irgendwo läuft Fußball, auch gut.

Dann fällt mir ein, dass ich das noch überhaupt gar nie erlebt habe. Aber die Erinnerung, das Feeling ist irgendwie „da“. Es war das Versprechen. Erwachsensein bedeutet irgendwann Urlaub von der Arbeit nehmen und „ab in den Süden“. Also für Leute, die nicht selbst im Süden leben und sich das leisten können. Aber Overtourism, Klimawandel und Corona haben diese Illusion zerstört, der Traum ist aus. Es klappt nun nicht mal mehr in der Fantasie, man hofft einfach auf Regen und Abkühlung und träumt nachts voller Angst von diesem HEAT DOME, wegen dem kürzlich einfach mal ein kanadischer Ort abgebrannt ist. Was wie eine geile Eurotrash-Party klingt, ist eine richtig, echte, tödliche Glocke aus fucking Hitze. Wenn von irgendwo Monrose ertönen, klingt das wie eine fiese Drohung. NEIN, KEIN HOT SUMMER, AUS AUS AUS! Aber nun ist er nun mal da, der Sommer, und auch wenn niemand mehr ihn als solchen zelebriert, klingen die Songs trotzdem noch ansatzweise nach dem, was man so lange in ihn reinprojizieren konnte. Nach Liebe, Sex und Fürimmerleben. Kommt, auf ein letztes Mal Sommeridealisierung, bald isses aus.

Sommerhits 2021 bis jetzt

Platz 10: Olivia Rodrigo – „Good 4 U“

Glaube, dieser Hit hat das Potenzial, das in einigen Jahren mal Leute über ihn sagen: „Weißt du noch diesen Sommer, als wir Abi gemacht haben, Malte-Sören Schluss gemacht hat und wir ständig auf TikTok waren? Da haben wir immer dieses Lied gehört!“ Und dann landet es auf irgendeiner Throwback-Playlist.

Platz 9: Riton x Nightcrawlers feat. Mufasa & Hypeman (Dopamine Re-edit) – „Friday“

Dieser absolut kalkulierte Hit ist ja mehr Collage als Lied und es wird sich irgendwann niemand mehr an ihn erinnern oder zumindest nicht sehr gern. Aber für mich hat es absolut gereicht.

Platz 8: Frances Forever – „Space Girl“

Klingt nach Eis, das einem auf die Titte kleckert, während man mit Freundis unkoordiniert nach einem Ball tritt, und kurz danach baut jemand einen.

Platz 7: Chloe Moriondo – „I Eat Boys“

Ist hier einfach drin, weil eh schon mein Lieblingslied des Jahres. Aber es hat auch diese ins Herz kickende MitdemFahrradnachHausefahrigkeit, wenn die Sonne langsam tiefer zieht, was einfach das geilste Gefühl des Sommers ist und schwer zu beschreiben. Und es geht ja um scheiß Typen, die im Sommer besonders viel nerven, Thema hatten wir hier aber schon.

Platz 6: Pashanim – „Sommergewitter“

Jeder Song vom Berliner Pashanim hat den Bann und in dem ist man dann drin. Man sagt ferngesteuert „Ja, guter Song“. Es wird in diesem Jahr ebenjener sein, von dem man sagt: „Komm, noch einmal Pashanim und dann können wir gehen.“

Platz 5: Dua Lipa feat. DaBaby – „Levitating“

Wäre normalerweise natürlich noch weiter vorn, aber es wurde bereits im Oktober veröffentlicht und damit hat man den Sommerhit-Markt und das Beachvideo verpasst. Sind die dumm?

Platz 4:  GASHI – „Don’t Pass On Love“

Im Video ist einiges los, was mir nicht passt (Frauen als tanzendes Meer und ER grinst so zahnig), aber ich bin dem Lied so krass erlegen, schon beim ersten Mal hören. Was geschieht mit mir? Es ist so unvernünftig, aber tut so gut … Oh Gott, du geiles Liedbabe, du!!!

Platz 3: Justin Bieber feat. Daniel Caesar, Giveon – „Peaches“

Ähnliches Phänomen wie oben drüber. Was soll das, warum mag ich es? Ich liebe es! Es ist so geil! Ach, fickt euch, mich doch alle.

Platz 2: Doja Cat feat. SZA – „Kiss Me More“

Und nochmal das gleiche Phänomen!!! Der Gewinner unter den Sommercrushliedern, die man für die Verknallung braucht, die man dann den für den Rest des Jahres bereut. Erinnert mich an „Summertime“ von Beyoncé und P.Diddy von 2003, meinem ewigen Lieblingslied aus dem Genre.

Platz 1: Alexandra Stan – „Mr. Saxobeat“

Ja, es ist schon zehn Jahre alt. Na und, ist mir doch egal? Ich hab es erst jetzt als das verstanden, was es ist: absolut geil! Und es ist ja jetzt eh schon alles egal.

Sommeralbum der Woche: The Go! Team – GET UP SEQUENCES PART ONE“

Warum ich The Go! Team liebe? Es klingt alles nach retro, aber auch wie etwas, das ich noch nie gehört habe, man ist hier irgendwie beim Geschichtsseminar dabei, aber auch bei dem heißesten Shit im Kellerclub, wird also gänzlich umsorgt. Manchmal denke ich dann, ich müsste ja gar nichts anderes mehr hören, hier bin ich ja genau richtig. Aber jedes Album ist auch mal fertig und zu viel gehört. Aber geil, jetzt gibt es wieder Nachschub.

Ian Parton, Ninja und Co. haben hier das für mich bisher geilste Stück Album für den Sommer, weil ich will nix Ruhiges mehr. Ich will Flöten, Drums, Gitarren, Fanfaren, Chöre und wasnichtalles. Ich will Durcheinandergeplappere, Launen, Melancholie und Kampfgeist nebeneinander, Cheerleading fürs Rausgehen. The Go! Team ist die ganz große Runde. Introvertiert mach ich frühestens im Herbst erst wieder mit. Jetzt erstmal das.

Sommer-XXX der Woche: Lil Nas X

Alle sollten es mitbekommen haben: Lil Nas X trat bei den BET Awards in einer ikonischen Performance auf und küsste zwei seiner Tänzer. Da die BET Awards vor allem HipHop-Künstler krönen und HipHop nicht gerade als homofriendly gilt, ist das natürlich eine krasse Nummer. Dann kam Madonna und postete „#Diditfirst“, ja, haha, verstanden, Madonna – Ikone von allem, Hashtag we get it. Leute fanden es uncool, Lil Nas X nahm sie in Schutz, Schwamm drüber.

Aber Madonna war ja nicht die einzige, die Vergleiche anstellte zwischen Lil Nas X‘ Auftritt und ihrer Performance von 2003 bei den MTV Video Music Awards. Da küsste sie Britney Spears und Christina Aguilera kurz, war wie das Klischee eines Bräutigams verkleidet und die beiden anderen wie pornöse Bräute. Es gab einen Schwenk auf Justin Timberlake und ein paar Klatschmedien schrieben das Ganze zur Provokation hoch. Es hatte aber wirklich null komma null gemein mit dem Move von Lil Nas X. Drei hetero lebende Frauen machen sich einen Spaß auf der Bühne und promoten dabei das Klischee von „Ist doch nix dabei, wenn sich Frauen küssen“, ist nicht das gleiche wie ein schwuler Mann, der auf einer Bühne Männer küsst. Der Kuss von 2003 war cool und passte zur Performance, aber er hat nix für uns getan. Er war Show. Lil Nas X‘ Kuss ist noch viel, viel mehr. Und er ist tatsächlich eine Provokation, wenn man sich die Reaktionen darauf ansieht. Die er im Übrigen großartig auf Twitter kommentiert:

Sommer-Glotz der Woche: „Rebel“, „Stateless“ und „This Is Pop“

„Rebel“ (Disney+) mit der unglaublichen Katey Sagal macht sofort süchtig, weil es eine richtig gute Serie ist mit ausschließlich bombastischen Schauspieler*innen, die Potenzial für sehr viele Staffeln hätte. Was zum Kotzen ist, weil sie tatsächlich nach dieser einen Staffel aufhören wird. Die Serie basiert auf dem Leben von Erin Brockovich und es geht um den Kampf von Rebel und ihrem Team gegen einen Herzklappenhersteller und ihr Familienleben. Das einzige Manko sind die ab und an schlecht geschriebenen Dialoge, aber es ist zu verzeihen bei allem sonst Gelungenen. Man, bin ich sauer, dass die Serie vorbei sein soll!!!

„Stateless“ (Netflix) ist ziemlich harter Tobak. Es geht um die Geschichten verschiedener Personen, die in einem australischen Internierungslager für Geflüchtete landen. Heraus sticht eine Frau, die weiß ist, aus Deutschland kommen soll und somit eigentlich „nicht in das Lager gehört“, wie sie oft betont. Erst denkt man: Okay, braucht man jetzt eine Weiße, damit die Serie berührt? Aber darum geht es nicht (es ist eh auch eine wahre Geschichte). Es gelingt den Macher*innen hingegen klarzumachen, dass niemand dort hingehört. Weil alle fehl am Platz sind an einem Platz der selbst ein Fehler ist. Auch die Menschen, die dort arbeiten werden portraitiert und dabei ganz und gar nicht geschont.

„This Is Pop“ (Netflix) ist eine neue Dokuserie über Popgeschichte und mit ihren Inhalten hier und da recht willkürlich, das macht es ganz interessant. Vor allem weil man ja so langsam alles weiß, dank Arte und so. Es wirkt manchmal schon komisch, dass zum Beispiel der Heini der „Take Me To Church“ gesungen hat, als großer Protagonist zum Thema Protestsongs gilt, oder dass es beim Thema Festivals durch den amerikanischen Fokus eine schiefe Erzählung gibt, die man eher über Europa hätte machen können, oder dass man bei all den interessanteren Themen wirklich noch mal die olle Blur-vs.-Oasis-Kamelle wiedergibt.

Aber es gibt auch richtig tolle Episoden: Die über Boyz II Men zum Beispiel, anhand derer erzählt wird, wie die Weißen mal wieder was klauten (in dem Fall das Boybandsein), oder die über den Impact der Schweden auf amerikanische Popmusik, oder die über Country und die Versuche von Leuten, die strengen Regeln des Genres aufzubrechen. Kann man gut mal an einem Sonn(en)tag wegbingen.

Zuletzt: Remember Sommerloch? This is it now. Feel old yet?

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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