Serien-Kritik

„Phoenix Rising” auf Sky: Evan Rachel Wood vs. Marilyn Manson – Missbrauchsvorwürfe in Hochglanzoptik

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„Phoenix Rising“ ist ein Aufschrei. In der zweiteiligen Dokumentarserie berichtet Schauspielerin Evan Rachel Wood („Westworld“) von dem Missbrauch, den sie in der vier Jahre andauernden Beziehung zu Schock-Rocker Marilyn Manson erfahren haben soll.

Es ist bei Weitem nicht der erste seiner Art. Im Zuge von #MeToo sind unzählige Fälle sexueller Übergriffe – ein Großteil davon aus dem Showbiz – bekannt geworden. Zahlreiche Opfer fühlten sich endlich sicher genug, um sich zu Wort zu melden. Ihre Geschichten werden mitunter filmisch verwertet. Mal mit mehr, mal mit weniger Fingerspitzengefühl. Die popkulturelle Aufarbeitung der Debatte hat sicherlich zu einem größeren Bewusstsein der Öffentlichkeit für Alltagssexismus beigetragen. Fraglich bleibt allerdings, wie groß der Lerneffekt im Umgang mit derlei Anschuldigungen tatsächlich ist.

Der Fall Amber Heard hat es einmal mehr vor Augen geführt. Unabhängig davon, was in der Ehe mit Johnny Depp nun wirklich vorgefallen ist: Der Prozess wurde in kürzester Zeit auf die Größe von abgeschmacktem Trash-Entertainment reduziert, in den sozialen Medien entbrannte prompt eine Art moderne Hexenjagd auf die Schauspielerin. Es wirkte so, als hätte ein breites Publikum nur darauf gewartet, endlich einen Leinwand-Helden gegen Misshandlungsvorwürfe verteidigen und vor der damit verbundenen drohenden Verbannung aus dem Unterhaltungsgeschäft bewahren zu können.

Das wichtige Thema der häuslichen Gewalt geriet dabei schnell ins Hintertreffen – und die Häme, die sich über Amber Heard ergoss, wird es Betroffenen künftig sicherlich nicht leichter machen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Fallstricke des Showbiz

Ob die unter der Regie von Amy Berg („Deliver Us from Evil“) entstandene Dokumentarserie der #MeToo-Bewegung dienlich ist – oder zumindest nicht schadet – ist in dieser neuerlich aufgeladenen Stimmung, in der sich erste Übersättigungserscheinungen breitzumachen scheinen, keine unwesentliche Frage. Die Antwort darauf lautet: Es ist kompliziert.

„Phoenix Rising“ macht Vieles richtig. Das liegt vor allem daran, dass in den zwei knapp ein- beziehungsweise anderthalbstündigen Episoden genug Kontextualisierung stattfindet. Nach einer Eröffnungssequenz, in der Wood mit Freundin und Aktivistin Ilma Gore alte Tagebucheinträge aus der Kennenlernphase mit Marilyn Manson kommentiert, wagt „Phoenix Rising“ einen Sprung in ihre Kindheit.

Unterfüttert mit Archivmaterial, privaten Aufnahmen der Familie und durch erstaunlich offene Interviews mit Woods Vater, Mutter und Bruder, geht die Dokumentarserie auf die turbulente Ehe der Eltern der Schauspielerin ein und verdeutlicht auf diesem Weg, wie sich Streit und Psychoterror früh als normales Beziehungsverhalten eingeprägt haben.

Wichtiger noch: Durch den Blick in die Vergangenheit beleuchtet „Phoenix Rising“ Woods frühe schwierige Erfahrungen in der Unterhaltungsbranche. Nach ersten Rollen im Alter von nur fünf Jahren folgte mit dem skandalumwitterten Film „Dreizehn“ der Durchbruch für Wood.

Der zeitige Erfolg kam allerdings mit einem hohen Preis: Die Schauspielerin schildert wie unwohl sie sich als Vierzehnjährige am Set fühlte, als sie mit einem doppelt so alten Spielpartner Zungenküsse austauschen musste – und wie ihr nach dem sexuell aufgeladenen Jugenddrama um Drogen- und Alkoholexzesse plötzlich das Image eines Problem-Teenagers, einer verruchten Lolita, aufgedrängt wurde.

„Phoenix Rising“ ist Aufschrei und Abrechnung

„Phoenix Rising“ ist also nicht nur Aufschrei, sondern auch systematische Abrechnung: Mit den strukturellen Problemen eines Showbiz, das (zu) junge Frauen erst sexualisiert, um sie dann für ebenjenes Image zu stigmatisieren – und sie so zum perfekten Opfer erzieht.

Besonders stark ist die Dokumentarserie auch dann, wenn sie auf die rechtlichen Missstände um häusliche Gewalt eingeht. Wood spielte eine maßgebliche Rolle bei der Umsetzung des „Phoenix Act“, durch den die Verjährungsfrist für entsprechende Fälle von drei auf fünf Jahre angehoben wurde.

Zusammen mit anderen Betroffenen setzte sie sich eigentlich für eine zehnjährige Frist ein – auch weil sich Opfer erst viele Jahre später sicher genug fühlen, um gegen die Täter vorzugehen. Leider sind die Szenen, in denen sich Berg diesem Thema widmet etwas zu rar gestreut – gerade, um relevant genug für den Titel zu sein.

Die Lolita mit der herzförmigen Brille

Was zu den Schwächen von „Phoenix Rising“ führt. Die liegen zunächst vor allem in der visuellen Umsetzung des Erwähnten. Nicht nur die Retrospektion in Woods Kindheit und Jugend wird mitunter über eine Animation erzählt, in der die Schauspielerin irritierenderweise als „Alice im Wunderland“-ähnliche Figur mit übergroßen Augen dargestellt wird.

Auch die erste Begegnung der damals 18-Jährigen mit dem doppelt so alten Marilyn Manson und wie Wood buchstäblich in „seine Fänge gerät“ werden so illustriert: Der Sänger wird als überdimensionale, finstere Krake dargestellt, die ihre Arme um sie legt.

So wird einerseits besagtes zweifelhaftes Lolita-Image reproduziert und, andererseits, die Thematik durch ein disneyhaft-vereinfachtes Gegenüber von Kinderbuch-Heldin und -Bösewicht ihrer Ernsthaftigkeit beraubt.

Unnötig unseriös wirkt auch die Darstellung der einzelnen Schritte, durch die Manson Wood manipuliert haben soll. Schlagworte wie „Grooming“, „Love Bombing“ und „Isolation“ werden vor den Ausführungen Woods zusammen mit kurzen Definitionen – ausgerechnet im Stile eines Märchenbuchs – eingeblendet.

Der Rückgriff auf diese Bildsprache ist vor dem Hintergrund, dass Manson während ihrer Beziehung selbst mit dem kindlichen Image seiner wesentlich jüngeren Partnerin kokettierte, umso befremdlicher. Gleich bei ihrem ersten Aufeinandertreffen soll er ihr von ihrem Auftritt in „Dreizehn“ vorgeschwärmt und von seinem Filmprojekt „Phantasmagoria“ über Lewis Caroll – dem Schöpfer von „Alice im Wunderland“ werden weiterhin pädophile Neigungen nachgesagt – erzählt haben.

Mehr noch: Im Musikvideo zum ihr gewidmeten „Heart-Shaped Glasses“ aus dem Jahr 2006 ist Wood mit der ikonischen Herz-Sonnenbrille, wie sie auch Hauptdarstellerin Sue Lyon in Stanley Kubricks Adaption von Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ trägt, zu sehen. „Ich wurde vor laufender Kamera vergewaltigt“, sagt sie über den Dreh. Statt den Sex nur zu spielen, soll Manson wider die gemeinsame Absprache tatsächlich in sie eingedrungen sein.

Das Ende eines Idols

Doch auch wenn Woods Bericht teilweise fraglich bebildert wird – die Erzählstruktur der Dokumentarserie ist umso kraftvoller. Stringent wirken die Darstellungen der einzelnen Eskalationsstufen – ihre Ausführungen dazu, wie sie zunehmend in die Abhängigkeit von Manson geriet und ihre Beziehung zunehmend von psychischer und sexueller Gewalt geprägt war.

Wohl auch um Kritik an der Glaubwürdigkeit ihrer Vorwürfe jäh den Wind aus den Segeln zu nehmen, gibt es zu Beginn der zweiten Episode eine besonders schmerzhafte Sequenz, in der mehrere Ex-Freund*innen und ehemalige Angestellte des Musikers zusammenkommen und von Erfahrungen berichten, die sich mit Woods decken.

Immer wieder ist von verbalen und körperlichen Erniedrigungen – wie Skarifizierung – bis hin zu Vergewaltigungen und Knochenbrüchen die Rede. Und schließlich: Morddrohungen und Erpressungsversuche, wenn eines seiner Opfer versuchte, sich ihm zu entziehen. Auch deswegen nannte Wood den Täter – Brian Warner, wie Marilyn Manson mit bürgerlichem Namen heißt – erst Anfang 2021 beim Namen.

Prekär wird die Argumentation der Dokumentarserie allerdings dann, wenn Marilyn Mansons Kunst für die „Beweisführung“ herangezogen wird. Wiederholt sind alte Konzertauftritte des Musikers oder Musikvideoschnipsel zu sehen, die mehr oder weniger selbsterklärend seine Gewaltbereitschaft unterstreichen sollen. Frei nach dem Motto: „Man hätte es ja wissen müssen.“

Ohne die alte Debatte darum, ob man Künstler und Werk voneinander trennen kann, bemühen zu wollen: Folgt man diesem Leitsatz, stellt man (Pop-) Kultur, die sich mit den düsteren Aspekten des Lebens auseinandersetzt, unter Generalverdacht. Dann unterstellt man Kreativen, die sich ähnlich martialischer Ästhetik bedienen oder finsteren Themen widmen, automatisch einen Hang zu Gewalt oder einen zweifelhaften moralischen Kompass. Nichts wäre kunstfeindlicher als ein derartiger Schluss.

Der Beginn einer neuen Schlammschlacht?

Obgleich sich ohne eine juristische Aufarbeitung kein abschließendes Urteil dazu bilden lässt, was genau zwischen Marilyn Manson und Evan Rachel Wood vorgefallen ist: Am Ende der rund zweieinhalbstündigen Dokumentarserie lässt sich der Eindruck, dass die Beziehung von verschiedenen Formen des Missbrauchs geprägt war und Marilyn Manson auch gegenüber anderen Menschen in seinem Umfeld ein tyrannisches Verhalten an den Tag legte, nicht mehr negieren.

„Phoenix Rising“ ist damit am Ende nicht nur Aufschrei und Abrechnung – sondern auch eine Zumutung. Eine besonders schmerzliche Zumutung für all jene, die über Jahre Fan seiner Kunst gewesen sind und sich nun damit abfinden müssen, einen Ausnahmekünstler weniger zu ihren Idolen zählen zu können. Eine besonders sehenswerte Zumutung zugleich, weil sie den Fall Marilyn Manson in strukturelle Missstände einbettet, die übergriffiges Gebaren wie das seine erst möglich macht.

Nichtsdestotrotz stellt sich nach „Phoenix Rising“ das unangenehme Gefühl ein, auch in diesem Fall einer Entertainmentisierung von häuslicher Gewalt beigewohnt zu haben. In keiner Weise vergleichbar mit dem Spektakel um den Gerichtsprozess um Amber Heard und Johnny Depp zwar – aber dennoch letztlich einer Unterhaltungsproduktion, in Hochglanzoptik.

Ob das der Ernsthaftigkeit des Themas schadet, darf man sich durchaus fragen. Welche anderen Möglichkeiten als einer medialen Aufarbeitung Evan Rachel Wood geblieben wären, um sich gegen ihren mutmaßlichen Peiniger zu wehren, nachdem die vorgeworfenen Taten längst verjährt sind, ebenso.

Feststeht, dass die Ereignisse damit längst noch nicht abgeschlossen sind: Marilyn Manson verklagte als Reaktion auf die Dokumentarserie Evan Rachel Wood und Ilma Gore im März 2022 wegen Zufügung seelischen Leids und Verleumdung. Es könnte sein, dass alles auf eine ähnliche Schlammschlacht wie im Falle Depp vs. Heard hinausläuft. Man möchte es nicht hoffen.

Die zweiteilige Dokumentation „Phoenix Rising“ wird vom 24. Juni 2022 an in Deutschland auf Sky ausgestrahlt.


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