Jahresrückblick

No, it’s not okay: Was Cancel Culture 2021 im Pop gemacht hat

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In kaum einer Debatte wurde so hitzig gestritten: im Internet und im echten Leben, vor Gericht und in Label-Chefetagen. Die einen forderten ganz konkrete Konsequenzen für sexuellen Missbrauch oder rassistische Äußerungen und pushten die öffentliche Boykottierung berühmter Täter. Die anderen wollten lieber die Cancel Culture gleich wieder canceln. Ja, darf man denn … Klar, darf man, aber man kommt nicht mehr mit allem durch. Ein Rückblick auf vier prominente Fälle.

MARILYN MANSON

Was ist passiert?

Anfang Februar erhebt die Schauspielerin Evan Rachel Wood schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den „Schockrocker“. Vier weitere Frauen folgen, zwei reichen Klage ein. Es geht um sexuelle Übergriffe, Morddrohungen, Gewalt und psychischen Terror.

Konsequenzen?

Mansons Label Loma Vista kündigt sofort die Zusammenarbeit. Aus zwei Serien werden seine Szenen herausgeschnitten. Die juristischen Verfahren laufen. Musik darf er trotzdem weiter machen (siehe Kanye).

Draus gelernt?

Nope. Manson streitet bislang alles als „schreckliche Verzerrung der Realität“ ab – mit dem höhnischen Verweis, sein Leben sei schon immer „Magnet für Kontroversen“ gewesen.

DABABY

Was ist passiert?

Bei einem Konzert fordert der US-Rapper sein Publikum auf, Handylampen in die Luft zu halten, wenn sie nicht homosexuell sind und verbreitete krude, homophobe Fehlinformationen: Aids treffe ausschließlich Schwule und töte diese innerhalb weniger Wochen.

Konsequenzen?

Mehrere große Festivals (u.a. das Lollapalooza) streichen ihn aus dem Line-up. Weniger tangiert das seine junge Rap-Fanbase, in der Homophobie immer noch weit verbreitet ist.

Draus gelernt?

Jeiiin. Erst beschwert er sich, man wolle ihn vernichten, entschuldigt sich schließlich aber doch bei der LGBTQ+- Community.

MORGAN WALLEN

Was ist passiert?

Eine rassistische Beleidigung, aus dem Mund des weißen Country-Superstars nach einer durchsoffenen Nacht.

Konsequenzen?

You name it: Radiostationen nehmen seine Songs aus dem Programm, Streaming-Portale aus Playlisten, Award-Shows laden ihn aus, sein Booking-Agent kündigt, sein Label setzt seinen Vertrag aus. Country-Fans scherte es einen Scheiß: Sein Album war zehn Wochen Nummer eins der US-Charts.

Draus gelernt?

Ja. Aufrichtige Entschuldigung im TV, Alkoholentzug, Aufruf an die Fans. Plus: Ein Teil der Album-Einnahmen geht an anti-rassistische Organisationen.

KANYE WEST

Was ist passiert?

Auf der Release-Show zu DONDA schmückte Ye sich mit zwei Unpersonen von oben: Manson und DaBaby.

Konsequenzen?

Keine echten, außer ein neuer Kanye-Shitstorm halt, und hier und da die Einsicht, dass wir ihm wirklich zu viel Aufmerksamkeit schenken.

Draus gelernt?

Lernen? Kanye? Von anderen? Niemals. Dass Seine-Statements-Ballern interessiert ihn mehr als ihr Inhalt. Null von fünf Sternen für so viel Unsensibilität.

Diese Übersicht erschien zuerst im großen Jahresrückblicks-Special in unserer Musikexpress-Ausgabe 01/2022.


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