Primal Scream Heineken Jammin‘ Festival


WENN BENEBELTE CAMPER IN ZWEI ZUSAMMENGEZURRTEN Einkaufswagen johlend versuchen, eine Uferböschung runterzuhoppeln, wenn Marihuana-Wolken über eingeknickten Zelten schweben, dann hat das Rock-Open-air Wochenende auf der Formel l-Rennstrecke in Imola angefangen. Zum dritten Mal findet hier Italiens größtes Rockfestival statt, mit Oasis, den Eurythmics, Rage Against The Machine und… Primal Scream. Als am Freitag um 20 Uhr die Sonne am Ende der langen Startgerade untergeht, herrscht Backstage ausgelassene Stimmung. Die Mitglieder von Primal Scream haben sich vor dem Umkleide-Container „Headliner 2“ eingefunden, sie sind sichtlich zufrieden mit ihrer neuen Rolle als großer Modern-Rock-Act auf den diesjährigen Sommer-Festivals in Europa. Mit großem Hallo stößt man mit den Chemical Brothers mit Dosenbier an, während auf der anderen Seite des riesigen Metallgerüsts 20.000 italienische Festivalbesucher mit Plastik-Flaschen werfen und rhythmisch klatschen. Vor zehn Minuten hätten Primal Scream ihr Set beginnen sollen, irgendwie ist aber Sänger Bobby Gillespie noch nicht aufgetaucht. So vertreiben sich die Jungs noch die Zeit, halten Schwätzchen oder schlendern langsam zur Rampe, die mit rotem Teppich auf die Bühne führt. Als die Stimmung im Publikum endgültig von ungeduldiger Sympathie in Empörung umschlägt, spannen sich auch hinter der Bühne gefährlich die Nerven. Mit ausgepackten Blasinstrumenten und gestimmten Gitarren starren die Engländer angestrengt auf die Backstage-Zufahrtsstraße. Allgemeines Kopfschütteln. Der Manager versenkt mit einem Schlag resigniert die kleine Antenne in seinem Mobiltelefon und meint trocken: „Keine Ahnung. Nach unserem Wissensstand könnte Bobby genausogut in Japan sein“. Da platzt dem Bassisten Gary „Mani“ Mounfield der Kragen. Er beginnt zu schreien, vulgär zu fluchen, bis die Sehnen am Hals hervortreten. „Wo ist die Scheiß-Fotze?!“ brüllt er immer wieder. Er stürmt auf die Bühne, reißt einen weißen Setlist-Zettel vom Boden und diskutiert ihn heftig mit der Band. 45 Minuten zu spät erscheint die wütendste Besetzung in der Geschichte von Primal Scream im Scheinwerferlicht. Während die Fans mit Instrumentals notdürftig besänftigt werden, schießt backstage ein weißer Van heran, eskortiert von zwei Motorrädern. Quietschende Reifen, die Schiebetür öffnet sich und Bobby Gillespie hastet mit einer Damenhandtasche auf die Bühne. Die Band unterbricht die gesangslosen Pausenclownereien, die Bläserfraktion schüttelt Bobby hinter dem Schlagzeug wach.“Where the fuck where you?!“, doch der Sänger bahnt sich auf wackeligen Beinen den Weg durch die hasserfüllte Band zum Mikrofon. Grinsend legt er los, mit ausgestreckten Mittelfingern beginnt er ein verkürztes Set, das intensiv, druckvoll, aber ohne Magie ist. Nach dem Gig spuckt Mani seinem Sänger wortlos vor die Füße. Isoliert von seinen Kollegen wankt Bobby Gillespie in den VIP-Bereich und schreibt die ganze Nacht mit glasigen Augen kryptische Texte wie „l’m gonna kill my woman. Kill. Kill. Kill.“ Muss man sich Sorgen machen? Möglich. Oder ist das eine ganz normale Nacht im Leben einer Rock ’n‘ Roll Band. Wer weiß. Wie ME/Sounds in Erfahrung brachte, war Gillespie am Abend zuvor in London mit den Pogues auf Sauftur gewesen und hat deshalb seinen Flieger verpasst.