Spezial-Abo

Interview

Produzent Taz Taylor (Internet Money) im Interview: „Ich möchte nicht super-berühmt sein“

von

Produzenten bekommen in der HipHop-Branche selten die Anerkennung, die ihnen gebührt. Viele kreative Köpfe arbeiten über Jahre hinweg unter dem Radar für die größten Rapper*innen der Industrie, ohne jemals öffentliche Wertschätzung für ihr Schaffen zu erfahren. Ausnahmefälle sind Stars wie DJ Khaled, Timbaland, Swiss Beatz und Scott Storch, doch auch diese Hit-Maschinen mussten jahrelang für ihren Status kämpfen. Und trotzdem wächst das Produzenten-Game so stark und schnell wie nie zuvor. YouTube ist voll mit Tutorials und Videos, die Interessierten zeigen, wie man selbst Beats wie „Mask-Off“ produzieren kann. Das Produzenten-Kollektiv Internet Money ist in großen Teilen verantwortlich für diese Entwicklung.

Talentschmiede Internet Money

2016 begannen die Gründungs-Mitglieder Nick Mira und Taz Taylor damit, Beat-Tutorials auf YouTube zu veröffentlichen. Daraufhin folgten die ersten nennenswerte Beat-Verkäufe und auch die Aufmerksamkeit wuchs stetig. Neben der Aufmerksamkeit wuchs auch das Team, sodass Taylor und Mira im Jahr 2019 gemeinsam das Label Internet Money Records gründeten. Von nun an waren sie stets auf der Suche nach neuen Talenten und halfen so mit, die Karrieren von Superstars wie Lil Tecca, Iann Dior und dem 2019 verstorbenen Juice WRLD zu formen und auf Erfolgskurs zu bringen.

Ein Erfolg nach dem anderen

Mittlerweile haben sich Internet Money in punkto Hits- und Künstlerentwicklung zu einem der führenden Produktionsteams der HipHop-Industrie entwickelt und jagen Erfolg nach Erfolg. 2020 veröffentlichte die Gruppe ihr erstes Studio-Album B4 THE STORM, auf dem neben den bereits genannten Artists auch Größen wie Wiz Khalifa, Kevin Gates und Trippie Redd vertreten sind. Vor allem die Single „Lemonade“ mit Don Toliver, Gunna und Nav als Gast-Rapper entwickelte sich zu einem Riesen-Hit und ist auch ein Jahr nach Veröffentlichung ständig im Radio zu hören. Aber Internet Money lassen nicht locker. Die Gerüchteküche um ein neues Album ist bereits am Köcheln und neue Musik erscheint wie am Fließband.

Musikexpress.de: Guten Morgen! Ausgeschlafen? Es ist noch recht früh am Morgen bei Dir in Los Angeles.

Taz Taylor: Na klar. Ich bin nur ein wenig erkältet, aber das ist nichts Wildes. Normalerweise wäre ich jetzt schon auf dem Weg ins Studio. Du weißt ja, der frühe Vogel fängt den Wurm.

Du arbeitest gerade an der Fertigstellung Eures neuen Albums?

Ich würde es nicht als ein Album bezeichnen. Ich bin derzeit eher damit beschäftigt, Songs zu machen und Künstler*innen zusammenzuführen. Es geht mir darum, individuelle Momente zu schaffen. Wenn ich ein Album ankündigen würde und vorher ein bis zwei Singles veröffentliche, ist nicht so viel Raum für diese besonderen Momente, verstehst du?

Was genau können die Zuhörer*innen und Fans denn erwarten?

Es wird so sein, dass wir mehrere Singles veröffentlichen und diese schließlich als ein Album, mit ein paar weiteren Songs, bündeln werden.

Arbeiten nur die Kern-Mitglieder von Internet Money, wie Nick Mira & Ty Fontaine an diesem Projekt, oder sind auch andere Produzenten und Artists aus Eurem Camp vertreten?

Bei dem letzten Album haben wir versucht, eine gesunde Balance zwischen Artists und Produzenten aus unserem Camp und anderen Künstler*innen zu schaffen. Dieses Mal haben wir alle Regeln und Strukturen aus dem Fenster geschmissen und arbeiteten nur mit Top-Artists.

Es sollte für Dich kein Problem sein, Künstler*innen für neue Tracks zu finden. Schließlich arbeitest Du täglich mit den größten Rapper*innen der Industrie zusammen. Kannst Du uns schon was zu der Gäste-Liste sagen?

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich Lil Uzi Vert, Don Toliver, Gunna, Iann Dior und Kid Laroi bestätigen. Ich bin gerade aber auch dabei, das Album von Lil Yachty zu produzieren. Für das kommende Werk von Lil Tecca bin ich ebenfalls verantwortlich. Und während ich an diesen Alben arbeite, entsteht nebenbei das nächste Internet-Money-Album.

Das klingt vielversprechend. Lil Uzi Vert gehört derzeit zu den bekanntesten Rapper*innen weltweit.

Aber sowas von! Er ist zusammen mit Don Toliver und Gunna auf der nächsten Single zu hören. Cole Bennett hat wie schon bei „Lemonade“ das Video gedreht. Es kommt sehr bald raus!

Die Produktion von B4 THE STORM zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass alle Produzenten und Rapper*innen zusammen in einem riesigen Haus waren und das Ganze gemeinsam durchgearbeitet haben. Ist das mit diesem Projekt anders?

Der Erfolg von B4 THE STORM ging auch mit einer Menge Druck einher. Deswegen musste ich meine Arbeitsweise etwas anpassen und expandieren. Ich bin seit Oktober vergangenen Jahres jeden Tag von 10 Uhr morgens bis 23 Uhr abends in drei verschiedenen Tonstudios. Insgesamt habe ich bereits 600.000 Dollar in die Produktion investiert. Man muss sich aber auch vor Augen halten, dass ich mit Major-Artists arbeite. Da ist es wichtig, dass man sich ausreichend Zeit nimmt, damit am Ende alle Parteien zufrieden mit dem Produkt sind. Nebenbei bemerkt, kann ich auch keine Major-Artists in mein Haus einladen.

Wieso geht das nicht?

Viel mehr ist es so, dass ich es nicht will. Viele von ihnen nehmen eine ganze Entourage an Leuten mit und wollen eine Party veranstalten. Natürlich wollen sie dann auch in professionellen Aufnahmekabinen ihre Parts aufnehmen. Eines der größten Probleme für mich ist allerdings, dass viele von ihnen im Haus rauchen wollen. Das ist bei mir ein No-Go.

Wird es manchmal nicht ein wenig chaotisch, wenn man von Studio zu Studio wechselt und jedes Mal mit anderen Artists arbeitet?

Ich agiere in diesen Momenten meist als eine Art Anweiser. Das Ganze funktioniert so gut, weil die Leute, mit denen ich arbeite, mir vertrauen. Ich mache die Arbeitsaufteilung und sage den Leuten wo und mit wem sie zusammenarbeiten sollen. Dann springe ich von Session zu Session und helfe mit, wo meine Hilfe benötigt wird.

Taz Taylor

Ihr musstet die Tracklist von B4 THE STORM wenige Stunden vor der Abgabe nochmal großflächig abändern, weil es Probleme mit dem Management von manchen Künstler*innen gab. Werden wir diese Songs vielleicht auf zukünftigen Projekten zu hören bekommen?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe nach dem Release von B4 THE STORM meine iCloud leergefegt. Alle Tracks, an denen ich für das neue Projekt arbeite, sind brandneu. Es war für mich wichtig, dass ich frisch und von vorne beginne. Das Konzept vom kommenden Album ist deutlich mehr auf Hit-Songs ausgelegt. Außerdem entsteht ja auch genug neue Musik. Pro Session entstehen zwischen zehn und zwölf Songs und ich habe am Tag drei von diesen Sessions.

Ihr habt im Februar das Musikvideo zu „Blast Off“ mit Juice WRLD veröffentlicht. Wie war es für Dich und auch die anderen Mitglieder, den verstorbenen Rapper noch mal visuell dargestellt zu sehen?

Für mich persönlich war „Blast Off“ das Ende eines Kapitels. Wir hatten noch viele weitere gemeinsame Songs, aber im Moment als ich von seinem Tod gehört habe, war das alles egal. Es wäre respektlos und egoistisch von mir noch weiter Profit aus seiner Musik zu schlagen. Es war schwer, ihn noch mal dargestellt zu sehen, aber ich wollte auch kein großes Ding aus dem Video machen. Einige Leute könnten das falsch verstehen. Es wird in Zukunft auch keine Musik mehr von Internet Money und Juice WRLD erscheinen.

Wie viele Auszeichnungen hängen an Deiner Wand?

Mir geht langsam der Platz aus. Es sind etwas mehr als 100 Goldplatten, 50 Platinplatten und gerade schaue ich auf 14 Nummer-1 Auszeichnungen. Ich habe vor Kurzem eine limitierte Auszeichnung bekommen, die knapp zwei Meter groß ist.

Über Jahre hinweg hast Du Tutorials produziert und Deine Beats für wenig Geld im Internet angeboten. Wann war der Zeitpunkt, an dem Du gemerkt hast, dass die Sache größer wird und bekannte Stars auf Dein Schaffen aufmerksam werden?

Das hat angefangen, als wir unseren Fokus vermehrt auf die Zusammenarbeit und Entwicklung mit und von jungen Künstlern wie Juice WRLD, Lil Tecca und Iann Dior gelegt haben. Es ist aber immer noch am Wachsen. Auch jetzt habe ich noch das Gefühl, dass viele nicht wissen, was Internet Money ist und wofür wir stehen. Wir arbeiten aus dem Schatten heraus und das gefällt mir. Ich möchte nicht super-berühmt sein. Ich möchte einfach nur Musik mit Leuten machen, die mich faszinieren. Alles andere ist mir egal.

Würdest du sagen, dass Produzenten zunehmend die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt?

Ein wenig vielleicht. Mehr Produzenten werden mittlerweile prominent und bilden ihre eigene Marke. Viele helfen aufstrebende Künstler*innen zu etablieren, einige von ihnen sind mittlerweile selbst als Rapper*in oder Sänger*in aktiv. Wenn man die Sache aber genau betrachtet, wird klar, dass Produzenten immer noch zu wenig Anerkennung für ihr Schaffen bekommen. Da liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.

Internet Money zeichnen sich für ihr Gespür aus, neue Artists hervorzuzaubern und zu entwickeln. Wie geht Ihr bei der Suche nach neuen Künstler*innen vor und was braucht jemand, um von Euch bemerkt zu werden?

Es sind kleine Sachen. Jeder Artists hat seine eigene Story, die ihn ausmacht und jeder von ihnen hat seine oder ihre einzigartige Reise, die ihn zu uns geführt hat. Für mich ist das ein bisschen wie ein Video-Spiel und es macht mich sehr viel Spaß es zu spielen. Ich liebe es Künstler*innen zu finden, die niemand auf dem Schirm hat und ich liebe es, wenn Leute zu mir kommen und mir sagen, dass sie einen bestimmten Artist nur durch Internet Money kennen.

Eure Formation besteht nun schon eine Weile. Du wirst von vielen als Vater von Internet Money bezeichnet. Unterschreibst Du das?

(lacht) Nun ja, ich bin ein Vater. Ich habe einen Sohn und bin auch älter als die meisten, mit denen wir zusammenarbeiten. Es kommt schon häufig vor, dass mich jemand nach Rat in bestimmten Dingen fragt, aber ich sehe mich dadurch nicht in einer höheren Position, als die anderen. Ich sehe das Team mehr als meine Brüder. Ich bin genauso ein Puzzle-Stück, das das Rad am Laufen hält. Deswegen liest du bei uns auch nie Hinweise wie „Prod. by Taz Taylor“ oder „Prod. by Nick Mira“. Wir sind ein großes Team, das hinter dem Namen Internet Money arbeitet.

Die Musik die Ihr produziert ist in großen Teilen verantwortlich für den aktuellen Sound der Gen-Z. Viele sind der Meinung, dass diese Musik nur sehr kurzlebig ist. Was sagst Du dazu?

Trap-Musik wird immer da sein. Es ist ja buchstäblich die Musik des Südens. Der Einfluss ist überall bemerkbar. Du findest Trap-Elemente sogar in Songs von Katy Perry und Taylor Swift. Trap-Drums, Sechzehntel-Hi-Hats und so weiter. Das wird so schnell nicht verschwinden. Internet Money werden so schnell nicht verschwinden.

Das aktuelle Album von Internet Money, B4 THE STORM, ist m 28. August 2020 erschienen.

 

Internet Money Records

Ewan McGregor: Neuer „Star Wars“-Dreh wird sich „viel realistischer anfühlen“
Weiterlesen