RAYE neues Album „This Music May Contain Hope“ im Check
RAYE veröffentlicht ihr neues Album „This Music May Contain Hope“ – wir waren beim Prelistening dabei und verraten, was die Platte von „21st Century Blues“ unterscheidet.
Am 27. März bringt die Sängerin RAYE ihr neues Album „This Music May Contain Hope“ heraus. Mit ihrer letzten Platte gewann sie sogar einen Grammy – ob ihr neues Werk da mithalten kann?
Eine Woche vor dem Release waren wir beim Prelistening dabei und durften die neuen Songs bereits einmal anhören. Diese fünf Erkenntnisse über das neue RAYE-Album sind uns nach dem einmaligen Hören im Gedächtnis geblieben.
Was in einem Jahr passieren kann
RAYE bildet auf dem Album ein ganzes Jahr ab – von Herbst über Winter und Frühling bis hin zum Sommer. Jede Jahreszeit bekommt einen eigenen kleinen Akt.
Beginnend mit dem Herbst: Die graue Atmosphäre wird mit der Ballade „I Will Overcome“ eingeleitet, gefolgt von zwei Songs über Begegnungen mit Männern, die egozentrisches bis sexuell belästigendes Verhalten an den Tag legen. Das klingt exakt so, wie sich der Herbst meist anfühlt – Nässe, die Hoffnung auf eine Person, die einem in der trüben Jahreszeit das Gefühl geben kann, nicht allein zu sein, und letztendlich doch die Enttäuschung.
Darauf folgt der Winter – und mit ihm eine gewisse Kälte. „Winter Woman“ erinnert an „Escapism“ aus dem letzten Album, das eine ähnliche Distanziertheit vermittelte. Die klassische Untermalung in „Click Clack Symphony“ lässt sich dabei durchaus mit Weihnachten verbinden.
Doch auch der Winter findet ein Ende. Mit dem Frühling kehren kurze Kleidung – und die Körperdysmorphie zurück, die in fast jedem Mädchen von klein auf sozialisiert wird. RAYE verpackt das direkt in die Songs „I Hate the Way I Look Today“ und „Skin and Bones“. Natürlich fehlen auch die Frühlingsgefühle nicht: Die Hoffnung auf Liebe kehrt zurück, hält in „Nightingale Lane“ allerdings nicht lange an – denn in eben jener Straße findet die Liebesgeschichte auch direkt wieder ihr Ende.
Dann ist es Zeit für den Sommer. Der Hit „Where Is My Husband“, der bereits letzten September viral ging, passt da naturgemäß perfekt hinein. Glück findet RAYE schließlich in ihrer Familie – das Zeug zu einem richtig gut gelaunten Sommerhit hat aber leider keiner der Songs.
Klangwelten erschaffen
RAYE schafft es wie kaum eine andere, ihren Hörer:innen ein Bild vor Augen zu malen. Das gesamte Album fühlt sich an wie das Eintauchen in eine Erzählung über RAYEs letztes Jahr – mit allen Höhen und Tiefen.
Mit dem Intro „Girl Under the Grey Cloud“ katapultiert sie ihre Zuhörer:innen direkt in ihre eigene Welt. Man fühlt sich selbst in der Rolle der Frau, die bei strömendem Regen nachts einsam durch London läuft. Gleichzeitig erzeugen die Lieder eine Atmosphäre von Theater oder Musical: Nach dem Song „WhatsApp Shakespeare“ ist der erste der vier Jahreszeiten-Akte abgeschlossen, und man spürt, wie der Vorhang fällt und dieses Kapitel sich schließt. Der Drang, beim Prelistening zu applaudieren, war jedenfalls vorhanden.
Bei „Fields“ rennt man förmlich über sonnige Felder und fühlt sich wieder wie ein Kind, während zu den House-Beats von „Life Boat“ ein kleines Rettungsboot vor dem inneren Auge auf dem Meer ums Überleben kämpft. Durch ihre Monologe und kurzen Song-Intros verstärkt RAYE diese Synästhesie zusätzlich.
Entgegen den Erwartungen
Trotzdem klingen die Lieder nicht immer so wie erwartet. „Skin and Bones“ und „I Know You’re Hurting“ ließen zunächst eher langsame, schwerwiegende Balladen vermuten. Doch RAYE versteht es, Themen wie Selbstverletzung und Körperdysmorphie mit einem Lichtblick anzugehen: Statt trauriger Ballade erklingen starke Funk- bis Rock-Elemente. Der Ernst der Themen geht dabei nicht verloren – weshalb „Skin and Bones“ bei vielen Ersthörer:innen als Favorit auf der Platte gilt.
Familienzugehörigkeit
Mit diesem Album zeigt die Sängerin, wie nah sie ihrer Familie steht – und dass sie nicht die Einzige mit musikalischem Talent ist. Ob ihre zwei Schwestern oder ihre Großeltern: Alle haben ihren Anteil am Album bekommen. Das unterstreicht, wie eng verbunden RAYE mit ihrer Familie ist – schließlich wird sie auch von ihrem Vater gemanagt, so übrigens auch ihre Schwestern Absolutely und Amma, die ebenfalls einen Gastauftritt im Song „Joy“ haben.
Der Track handelt davon, wieder Glück zu finden – was RAYE gemeinsam mit ihren Schwestern zweifellos gelingt. In „Fields“ lässt die Künstlerin ihre Zuhörer:innen in ein fast vollständiges Gespräch mit ihrem Großvater eintauchen und gewährt Einblick in persönliche, vertraute Dialoge. Auch ihre Oma bekommt ein kleines Cameo in „Where Is My Husband“, in dem sie ihre Enkelin erwartungsvoll nach deren Dating- und Lebensplänen ausfragt. Familie steht bei RAYE eindeutig an hoher Stelle.
Hoffnung nicht aufgeben
Das ist ebenso klar wie die Tatsache, dass die Sängerin ihren Themen treu bleibt. Bereits in „21st Century Blues“ sprach sie ernste Themen an – von sexuellem Missbrauch über Drogen und Körpergefühl bis hin zu Selbstzweifeln und Liebeskummer. Das neue Album hält thematisch in jeder Hinsicht mit.
Musikalisch hat RAYE sich diesmal noch stärker ausprobiert und sich an mehr Genres herangetraut – mit Erfolg. Sie präsentiert einen Mix aus Musikrichtungen, den sich kaum jemand sonst in ein einziges Album zu verpacken traut: von R&B-Pop-Tracks über Jazz und klassischer Orchesteruntermalung von Hans Zimmer bis hin zu Rave- und House-Elementen.
Mit ihrem Album hat die Britin bewiesen, dass der Titel „This Music May Contain Hope“ berechtigt ist. Denn Hoffnung schenkt sie sich selbst und ihren Zuhörer:innen durchgehend – ob es um Selbstliebe, romantische Liebe oder familiäre Liebe geht. Es gelingt ihr immer wieder, Hoffnung aufzubauen, die manchmal ein wenig, aber niemals gänzlich verfliegt.
Das neue Werk hat auf jeden Fall das Potenzial, an einem tristen Tag ein wenig aufzubauen – und zugleich zur Selbstreflexion anzuregen.





