Album der Woche

Actress x London Contemporary Orchestra Lageos


Ninja Tune/GoodToGo

Mit LAGEOS positioniert sich Darren Cunningham aka Actress noch deutlicher als Exponent einer zeitgenössischen Avantgarde über den Genres. Die Klangforschung, die Actress mit dem London Contemporary Orchestra betreibt, ist nah dran an den elektro-akustischen Experimenten des griechischen Komponisten Iannis Xenakis.

Auf der vorangegangenen EP „Audio Track 5“ vom vergangenen Sommer (auch hier enthalten) war das Orchester so manipuliert, dass es nahezu nicht erkennbar war, das ist auf LAGEOS anders. Hier sind stellenweise Cello, Streicher, Harfe und Klavier ganz konkret auszumachen, sie ragen aus dem abstrakten nichtlinearen Klangfluss aus Glitch-Sounds, Störgeräuschen und stolpernden Beats heraus. Actress hat die Sounds des Orchesters gesampelt, zerhackt, geloopt und neu zusammengesetzt, Sounds, die ihrerseits durch heftige „analoge“ Bearbeitungen zustande gekommen sind.

Die Instrumente des Orchesters wurden mit Plastiktüten, Schlüsseln, Klebemasse und Milchschäumern manipuliert. Das Spektrum auf LAGEOS ist denkbar breit: von atonalen Experimenten über Minimal Music („Chasing Numbers“) bis hin zu einer Art Neo-Impressionismus („Chaos Reign“). „Surfer’s Hymn“ ist am nächsten dran an einem Dance-Track, wenn auch auf eine sehr abstrakte Actress-Art. Dazu kommen die beiden alten Actress-Tracks „Hubble“ (von SPLAZSH) und „N.E.W.“ (aus R.I.P.), sie sind mehr als Umdeutungen denn als „Coverversionen“ zu sehen. Irgendwann ist auf dem Album der Punkt erreicht, an dem die dunklen Klangfarben des Orchesters mit den elektronischen Bearbeitungen in der Imagination des Hörers verschmelzen, die Ursprungsquelle der Klänge spielt keine Rolle mehr, Actress remixt das Orchester.

LAGEOS ist nicht das Wiederkäuen einer Idee von Avantgarde, die vor 50 Jahren entwickelt wurde, sondern deren im Techno grundierte zeitgenössische Entsprechung. Und die abenteuerlichste Musik, die zurzeit aus dem Elektronik-Umfeld zu hören ist.


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