Alben des Jahres 2013 – Platz 2: My Bloody Valentine MBV


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In den Pop kehrt nur selten jemand zurück, weil er künstlerisch noch etwas Gewichtiges zu verkünden hat. Ein solcher Satz schreibt sich doch dann am schönsten, wenn der Ausnahmefall eingetreten ist, bei dem er gar nicht zutrifft. Das war 2008 so, als ihn der Autor seiner Lobeshymne auf das unverhoffte Portishead-Comeback THIRD voranstellen durfte. Und dieser Fall galt auch bei My Bloody Valentine, die im Februar ihr erstes Album nach 23 Jahren veröffentlichten.

In Sachen wundersame Selbsterneuerung konnte Kevin Shields allerdings nicht ganz mithalten mit Portishead, die auf ihrem dritten Album ganz schroff und experimentell geworden waren. Das könnte aber daran liegen, dass MBV selbst über diese Pause von fast einem Vierteljahrhundert hinweg für Konstanz steht: Erste Aufnahmen dafür waren noch vor der Auflösung der Band 1997 entstanden, die Fertigstellung erfolgte 2012, als die wiedervereinigten My Bloody Valentine schon wieder seit fünf Jahren Konzerte gegeben hatten.

So ist MBV bis Song sechs auch vor allem eine gelungene Fortsetzung dessen, was die Kundschaft auf dem Vorgänger LOVELESS geliebt hatte: raunende, aufbrausende, sich verbiegende Gitarrenakkorde, bis bald gar kein Instrument zu erkennen ist – nichts als zarte Gesänge, die allesamt von der Sehnsucht handeln, auch wenn man kaum ein Wort versteht – und das alles mit einer Hingabe, die den Hörer zwingt, sich dieser Musik weiter zu öffnen als dem meisten anderen Gedöns, das in den vergangenen 20 Jahren von so vielen jungen Shoegaze-Zwergen aufgehäufelt wurde.

Kevin Shields wollte MBV aber auch als Rückbesinnung auf das Debütalbum ISN’T ANYTHING verstanden wissen, was zum Beispiel in dem Postpunkpop-Kleinod „Only Tomorrow“ gut nachzuhören ist. Das konkurrenzlos liebliche „New You“ hingegen kommt sogar mit einem Früh-90er-Jahre- Rave-Beat dahergehopst. Wäre heute ohnehin nicht alles retro, die Leute hätten vielleicht doch ein wenig komisch geschaut. Das durften sie dann aber ja ab Stück sieben, im kompromisslos experimentellen Schlussdrittel der Platte (da passt nun doch wieder der Vergleich mit THIRD!):

Bei „In Another Way“ klingen My Bloody Valentine wie ein ganzes Dinosaur-Jr.-Gitarrenorchester mit Sahne obendrauf. Der rumpelnde, allein aufgrund seiner Penetranz majestätische Noise-Loop „Nothing Is“ kann einem schnell auch mal den Verstand rauben. Und das über einen ollen Jungle-Beat kreisende Schlussstück „Wonder 2“ schließlich klingt, als würde auf dem Song selbst ein Düsenhubschrauber (hab’ nachgeschaut, so was gibt’s wirklich!) landen – sechs wunderbare Minuten lang. Da staunten alle Zwerge.


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