And The Golden Choir Another Half Life


Loob/Cargo

Ganz allein steht er da auf der Bühne, in einen geräumigen Wollpullover gehüllt und am Rotwein nippend. Neben ihm ein Plattenspieler. Obwohl er mit seinen Ex-Bands, den Kritikerlieblingen Klez.E und Delbo, auf Jahre an Konzerterfahrung zurückschauen kann, wirkt Tobias Siebert verschüchtert. Seine Ansagen als minimalistisch zu bezeichnen wäre übertrieben.

Er legt eine Schallplatte auf, deren Tonspur ersetzt die Band. Aufgenommen hat er die vielen Instrumente, die da zu hören sind – von der Waldzither über das Harmonium bis zur Harfe –, alle selbst, über fünf Jahre hinweg in seinem Kreuzberger Hinterhofstudio. Sein Projekt And The Golden Choir, das ist ganz er. Das merkt man spätestens, wenn der umwerfende Refrain von „My Brother’s Home“ den Saal erstrahlen, die Besucher tief durchatmen und die Smartphones wegstecken lässt: „My dear, we never end. Know, you’ll never die alone. My cope will always warm your throne.“ Vorgetragen mit einer emotionalen Wucht und einer Anmut, von der der nach unantastbarer Coolness strebende Thom Yorke irrigerweise annimmt, sie nicht mehr an den Tag legen zu dürfen. Die Schüchternheit war eine Illusion, hier weiß einer genau, was er tut.

Siebert packt sein Herz aus, zeigt es Wildfremden. Fast schon verboten fühlt es sich an, sein jetzt erschienenes Debütalbum anzuhören. Als würde man im Tagebuch eines anderen blättern. Auch wenn einem der Songtitel „It’s Not My Life“ das schlechte Gewissen zu nehmen versucht. Was die beiden EPs aus dem vergangenen Jahr, Transformation und IT’S NOT MY LIFE, erahnen ließen, ist eingetreten: ANOTHER HALF LIFE ist ein aus der Zeit gefallenes Meisterwerk in Sachen Songwriting, Arrangement und Dramaturgie. Der titelgebende Opener ist ein dreiviertelminütiger Chor, der mit der Erkenntnis schließt: „If you stare at all of your years, at your portraits, so without change, then it’s too late, it is done.“ Es geht voran, also. Folgerichtig trägt das nächste Lied den Titel „The Transformation“. Es setzt die sanfte Einführung fort. Die richtig großen Nummern spart Siebert sich für später auf: das tanzbare „Dead End Street“ etwa oder „Choose To Lose“, von dem wir uns ein baldiges Feist-Cover wünschen.

Kurz vor seinem Ende baut sich das Album zu seinem Höhepunkt auf, dem gigantischen „Angelina“. Ein Song, der sich Schritt für Schritt allem Irdischen enthebt, mit einer euphorischen Melodie anstelle eines Refrains, die einen den ganzen Scheiß um einen herum vergessen lässt und den Blick auf das Wahre, das immer anwesende Schöne freilegt. Ein Song wie der Übergang von Tag zu Nacht, vielleicht wie von Leben zu Erlösung. Wie passend, dass das folgende, letzte Stück „In Heaven“ heißt. Dort herrscht Ruhe. Freunden von Talk Talk, Radiohead und Get Well Soon kann mit dieser Platte der Winter nichts mehr anhaben. Die Vinylversion ist goldfarben. Das passt.


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