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Album Der Woche

Anohni Hopelessness

Rough Trade/Beggars/Indigo

von
Anohni - HOPELESSNESS (VÖ: 6.5.)

In der Popkultur wird das bisherige 21. Jahrhundert gern als gesichtslos bezeichnet. Die großen Kinoerfolge fahren bewährte Franchises ein, die, wie „Superman“, bald 100 Jahre alt sind. Reboot um Remake, Sequel um Prequel. Der erste und letzte Schrei aus der Modewelt seit dem Millenniumswechsel ist „Vintage“. Vergleicht man aktuelle Fotos von Freunden mit zehn Jahre alten, ereilt kaum einen der „Wie bin ich denn damals rumgelaufen?!“-Schock. Teen­ager 1996 dagegen sahen ganz anders aus als ihre Vorgänger von 1986, 1976 und 1966. Auch in der Musik setzen sich kaum neue Genres durch, Festivals verkommen zu Oldierevuen. Die Finanzkrise mag dazu beigetragen haben, dass nichts riskiert wird, dass YouTube verlockt, dass sich mit einer Unmenge geschehener Großartigkeiten beschäftig wird. Warum also Stellung beziehen zu einer Ära, die man vorrangig mit Vergangenheitsbewältigung verbringt?

Was für ein Befreiungsschlag gegen diese zur Statue erstarrte Kultur Anohni darstellt! Will man wissen, wie 2016 klingt oder geklungen hat, lautet die bislang treffendste Antwort: Wie HOPELESSNESS. Der sich endgültig als Frau definierende Transgender-Künstler Antony Hegarty hat mit neuem Namen und zwei der wichtigsten, visionärsten Produzenten der Gegen­wart, Oneohtrix Point Never und Hudson Mohawke, ein Album aufgenommen, das nur jetzt entstehen konnte. Anohni wagt sich aus der von Antony And The Johnsons bewohnten Kammermusikkammer heraus und kehrt zurück in den Club, den sie bereits 2008 in einer Koalition mit Hercules And Love Affair und dem fantastischen „Blind“ regierte.

Nach vier Platten voll barockem Art-Pop, die sie von 2000 bis 2010 zu einer der wenigen eigenständigen und neuartigen Figuren des Jahrzehnts machten, wartet Anohni nun mit polternden Drums, tiiieeefen Bässen, Fanfaren und spiralförmigen Synthie-Lines auf. Obwohl HOPELESSNESS nicht so dringend zum Tanz auffordert wie „Blind“, überwiegt seine Eingängigkeit die experimentellen Arrangements. Wer die Luftigkeit von Antony And The Johnsons schätzte und entsprechend befürchtet, Anohni könnte ihm mit all ihren vielen elektronischen Gerätschaften das Hirnkasterl vollstopfen, der sei beruhigt: HOPELESSNESS lässt nicht nur viel Raum für Gedanken – die Platte fordert ihn sogar. Immer wieder breiten sich Synthesizer­flächen wie weit geöffnete Arme aus. Doch die Geste ist trügerisch. Anohni will einem an die Kehle. Und sich selbst auch. In der Leadsingle, „4 Degrees“, kasteit sie sich, macht sich mitverantwortlich für die Katastrophen der prophezeiten Erderwärmung um vier Grad Celsius: „I want to see the animals die in the trees.“ Die Folgesingle, „Drone Bomb Me“, ist aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens geschrieben, dessen Familie von US-Drohnen ausgelöscht wurde und das auch noch denkt, es hätte selbst Schuld daran. „Crisis“ tritt in Dialog mit dem „IS“: „If I tortured your brother in Guantanamo, I’m sorry. Now you’re cutting heads off innocent people on TV.“ Mit „Obama“ arbeitet Anohni ihre Enttäuschung über den scheidenden US-Präsidenten auf: „We thought we had empowered the truth-telling envoy. Now the news is you are spying (…), punishing the whistleblowers, those who tell the truth.“

Unbequeme Wahrheiten packt man am besten nett ein. Das wusste schon John Lennon und präsentierte „Imagine“ und „Give Peace A Chance“ als Kinder- bzw. Mitsinglieder. In dieser Kunst ist auch Anohni versiert. Nie klang sie poppiger, nie war sie herausfordernder. Dies hier sind die Protestsongs der Gegenwart.

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