Beyoncé Lemonade


Columbia/Sony

von

Was von der Liebe übrig blieb: Ein flüchtiger Kuss als Zeichen des Argwohns, aber eben auch der Nähe, der Erinnerung, dieser gottverdammten Resthoffnung, die sich im Lauf des Albums in Hass und schließlich in neue Kraft verkehrt. „You can taste the dishonesty/ It’s all over your breath as you pass it off so cavalier.“ Es dauert genau zwei Zeilen, bis man spürt: LEMONADE ist nicht das jüngste Update des R’n’B-Dauerbrenners „Verlogene Stelzböcke und wie mit ihnen zu verfahren ist“. Es ist ein außergewöhnliches Album: formell, politisch, emotional.

Wie schon BEYONCÉ von 2013 erschien auch LEMONADE ohne konkrete Vor­ankündigung im Netz, als Bündel von zwölf Songs bei Tidal und als einstündiger Musikfilm bei HBO. Damit stellt Queen Bey erneut die Frage, was das heute eigentlich sei, „ein Album“. Man kann das als künstlerische Selbstermächtigung deuten oder als Muskelspiel einer, die es sich leisten kann. Viel wichtiger als alle stragetischen Rochaden sind ohnehin die Bilder und die auf ihre Weise sehr visuelle Musik. Wie Beyoncé sich von einem Hausdach stürzt und in die Fluten ihrer Vergangenheit eintaucht. Wie sie im Offbeat mit einem Basi durch die Hood marschiert und mit einem Monstertruck Angeberkarren zu Schrott fährt. Wie sie dem Scheißkerl zu einem Led-Zeppelin-Break die Leviten liest und seine Affären über vollsynthetischem Flummi-Trap zu Mädchen-Memes schrumpft („You better call Becky with the good hair“). Wie sie mit Gedächtnisfetzen aus dem Faux-Familienalbum den Kreis vom untreuen Vater zum untreuen Ehemann schließt. Und wie sie das Narrativ schließlich vom Privaten ins Politische öffnet: eine Rede von Malcolm X. Ein solidarisches Gruppenbild mit den Müttern von Trayvon Martin, Michael Brown und Eric Garner. Ein Twerk-Tanz von Serena, dessen ganze Macht sich erst erschließt, wenn man weiß, was sie sich als schwarze Frau in der weißen Welt schon hat anhören müssen. #BlackGirlMagic und #BlackLivesMatter. Beyoncés eigene, sehr persönliche Interpretationen von Southernness, von Schwarzsein, von Weiblichkeit, von Feminismus.

Dabei ist Beyoncé purer Pop aus Fleisch und Blut. Sie bedient sich aus dem Kanon des zeitgenössischen Cool: Vocals von Kendrick Lamar und James Blake, Beats von Diplo und MeLo‑X, kulturelle Querfeldeinverweise, von Animal Collective bis Soulja Boy. LEMONADE endet übrigens im Licht, mit Bläsern des leisen Triumphs und Worten der Versöhnung: „Found the truth beneath your lies/ And true love never has to hide.“ Wer da immer noch denkt, es sei wichtig, ob Beyoncé mit all dem tatsächlich ihren Ehemann, Jay Z, meint, der hat nun wirklich gar nichts verstanden.


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