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Album der Woche

Björk Utopia

Embassy Of Music/Warner

von
björk

Man kann von der isländischen Avantgardistin und ihren kauzigen Naturmetaphern halten, was man will, aber in Fragen der Zwischen­menschlichkeit hat es sich immer gelohnt, ihr in jede noch so versponnene Gedankenverästelung zu folgen. Man war also gespannt, als Björk im August ankündigte, ihre neue Platte sei ihr „Tinder-Album“. Die erste Single, „The Gate“, war dann eine für Dating-Apps eher unüblich spirituelle Herangehensweise an das Single­leben nach einer Trennung.

Die Utopie einer Beziehung

Von deren Überwindung handelte bekanntlich das letzte Album, VULNICURA (2015 trennte sie sich vom Vater ihrer Tochter, Matthew Barney). „My healed chest wound, trans­formed into a gate“, singt Björk. Was hinter dem Tor in ihrer Brust liegt, kann – wie bei allen guten Lovesongs – frei interpretiert werden: eine neue Liebe, wiedergefundene Stärke, was Sexuelles oder die Utopie einer Beziehung. Sechseinhalb Minuten lang legen sich immer neue Sounds sanft übereinander: klackernde Electronica, digitale Walgesänge, eisglatte Synthesizerstrudel. Dazwischen ist so viel Stille, dass man Angst hat, das ganze Klangkonstrukt könnte jeden Moment in sich zusammenstürzen wie eine kosmische Gaswolke. Und Björks Stimme fühlt sich an wie das letzte bisschen Menschlichkeit draußen im All.

Ihr zehntes Album hat Björk einer zutiefst utopischen Angelegenheit gewidmet: der Wiederentdeckung der Liebe. Wo VULNICURA die Qualen ihrer sich zersetzenden Beziehung dokumentierte, ist UTOPIA eine Reise zurück ins Licht. Im Kontext ihres Gesamtwerks muss man das wohl in Verbindung mit HOMOGENIC sehen. UTOPIA knüpft nicht nur musikalisch an ihre alte Kreativkraft an, sondern ist eine aufgefrischte Einsicht in die endlose Erneuerungskraft der Liebe: Auch wenn eine einzelne Liebe scheitert, ist die Liebe als Ganzes keine Lüge. Oder anders: „All Is Full Of Love“. Es fällt nicht allzu schwer, UTOPIA auch als Björks Manifest in Trump-Zeiten zu lesen, als Denkangebot, das Suchen nach Liebe wieder über alle Widrigkeiten zu erheben.

Diese große Idee projiziert Björk auf kleine, intime Momente: die verwirrende Rauschhaftigkeit eines ersten Kusses („Arisen My Senses“) oder die Musik, die den Prozess des Sichverliebens begleitet: „Two music nerds obsessing/ Sending each other MP3s/ Falling in love to a song“ („Blissing Me“). In „Features Creatures“ begegnen ihr die Eigenheiten des Geliebten in allen möglichen Formen im Alltag: „These statistics of my mind shuffling your features/ Assembling a man/ Google love.“

Ein utopischer Alien

In der zweiten Hälfte der Platte erzählt sie auch von der anhaltenden Auseinandersetzung mit dem Vater ihrer Tochter: In „Sue Me“, einem der besten Stücke des Albums, das in seiner hymnischen Qualität an „Hyperballad“ heranreicht, geht es um den Sorgerechtsstreit, in „Tabula Rasa“ um den Wunsch, reinen Tisch zu machen, den sie mit ein paar feministischen Seitenhieben verquickt: „Break the chain of the fuck-ups of the fathers/ For us women to rise and not just take it lying down.“

Dass Metaphern, die in anderen Popsongs kitschig wirken würden, immer aufregend bleiben, hat zweierlei Gründe: Erstens natürlich Björks ausschweifenden, außerweltlichen und melodisch verdrehten Gesang. Und zweitens den futuristischen Digitalsound, den sie nach VULNICURA weiter verfeinert hat, wieder zusammen mit Arca. Wie der venezolanische Produzent seine zerrissene Düsterelektronik in jeden Winkel der Songs kriechen lässt, das hat großen klangexperimentellen Reiz. Als hätten die beiden einen Weg gefunden, das Unmögliche zu synchronisieren, verbinden sich abstrakt schürfende, rasselnde Alien-Beats mit Björks Streicherarrangements.

Hinzu gekommen sind auch die kristallinen, heidnisch-sakralen Flötenklänge, in denen Björk ihr Kindheitsinstrument wiederentdeckt, und die vielen digitalen Tiergeräusche: verzerrtes Zirpen, Zwitschern, Quaken. Nirgendwo greift das künstlerischer ineinander als im zehnminütigen Kernstück des Albums: In „Body Memory“ besingt Björk ihre „sexual DNA“, mit der sie sich auf das unbekannte Terrain einer neuen Liebe vortastet. Ein zorniges Elektro-Gebell schnellt immer wieder aus dem vibrierenden Songunterbau hervor wie ein zähnefletschender Hund, bis am Ende Choralgesänge und archaische Holzflöten zu einer Art transzendentalem Orgasmus anheben. So groß und überwältigend hat sich die Liebe lange nicht angefühlt.

Klingt wie: Nico: THE MARBLE INDEX (1970) / Björk: HOMOGENIC (1997) / Anohni: HOPELESSNESS (2015) / Arca: ARCA (2017)

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