Black Grape It’s Great When You’re Straight…Yeah


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Die Happy Mondays sind Legende. Weil sie Alben SQUIRREL AND G-MAN TWENTY FOUR HOUR PARTY PEOPLE PLASTIC FACE CARNT SMILE (WHITE OUT) nannten. Weil ihr rhumbarasselndes Tänzermaskottchen Bez „Bez“ Bez auf die Frage, warum er denn eigentlich so viele Drogen nehme, mit allem ihm verbliebenen Verstand antwortete „because it’s my job“. Weil sie bewusst oder (ungleich wahrscheinlicher) unbewusst dazu beitrugen, eine Bewegung loszutreten, die in eine weltumspannende, genre- übergreifende Rave-olution münden sollte. Deswegen sind die Happy Mondays Legende. Nicht etwa, weil sie gute oder gar überhaupt Musiker waren. Ihr überaus missratenes Comeback- Album UNCLE DYSFUNKTIONAL bewies das im Sommer 2007 mit aller Kraft. Und auch das sensationell erfolgreiche Debüt der Interimsband zwischen den ersten beiden Happy-Mondays-Phasen (die Band existierte zwischen 1985 und 1993, zwischen 1999 und 2000 und seit 2004 bis vorerst heute) ist, vor allem außerhalb seines zeitgeschichtlichen Kontexts, eigentlich kein gutes Album. Vielmehr ist es das Manifest einer mittlerweile längst überholten Partykultur. Der Triumph der Verantwortungslosigkeit. Nach dem künstlerischen wie kommerziellen Eindrucksflop des ’92er Mondays-Werks YES PLEASE!, nach jahrelanger mono- thematischer Ernährung mit apothekenfernen Medikamenten und nach einer zwar haltlosen, aber dennoch karrieretodbringenden Homophobie-Hatz des NME gegen die Mancunians waren „Sänger“ Shaun Ryder und sein ihm bedingungslos höriger Tänzerlemming am Ende. Oder zumindest am, was die Mehrheit der an Überleben interessierten Menschheit unter „Ende“ versteht. Aber aufhören, ausschlafen, um letztendlich vielleicht sogar aufzuwachen, war keine Option. Stattdessen rottete man sich als Black Grape umgehend wieder zusammen. Mit dem Albumtitel IT’S GREAT WHEN YOU’RE STRAIGHT…YEAH wurde dank der Doppeldeutigkeit von „straight“ nicht nur auf die Warnungen des britischen Gesundheitsamtes gepfiffen (mit szenetypischen Trillerpfeifen sogar sprichwörtlich), sondern sich auch auf den Rachefeldzug gegen den skandal- geilen NME gemacht. Der hatte die Lads wenige Jahre zuvor per Fehlzitierung mehr oder weniger als schwulenfeindliche Trottel gebrandmarkt. Ryder wies diese Vorwürfe nun auf seine ureigene Art von sich: „Wenn du besoffen bist, laberst du einfach Scheiße. Ich wurde halt dabei aufgezeichnet. Das Wort ‚Schwuchtel’ hab ich damals benutzt, weil wir nun mal so reden. Ich würde ja auch von niemandem erwarten, mich als ‚nasenmäßig gehandicapt’ zu bezeichnen. Ich bin einfach eine großnasige Fotze“, raunte er einem Interviewer entgegen und provozierte mit besagtem Plattennamen gleich weiter.So etwas muss man nicht gerade super finden. Aber man kann. Ebenso wie man dieses Album als albernen Zusammenbrei aus obszönen Stadionschlachtrufen, nervenstrapazierenden Gitarren- loops und für heutige Ohren völlig alt- bis dumpfbacken wirkenden Samplebeats abtun kann. Auch mag man „Submarine“ als radikal von Primal Screams „Loaded“ geripptes Unding abtun oder das Titelbild (ein Popart-Porträt von Top-Terrorist Carlos) geschmacklos heißen. Man kann sich aber auch, gerne etwas kopfschüttelnd, hemmungslos an diesem dreisten Hedonismus erfreuen. Vor allem in Zeiten, in denen Political Correctness ohnehin fast nur noch für verkopfte Formulierungsfehltritte steht und sich kaum einer noch ihres hehren Ursprungsansatzes erinnert. Dann machen diese zehn Songs Spaß. Dann sind das knallgrelle „Kelly’s Heroes“ und das mantrahafte „In The Name Of The Father“ mit seinen „I Like To Move It“-Rapeinlagen große Hits. Aber nur dann.

Stephan Rehm – 05.03.2008

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