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Bon Iver 22, A MILLION

Jagjaguwar/Cargo

von
Bon Iver - 22, A MILLIOn, VÖ: 30.09.2016

Was ist das nur für 1 Beben. Gleich die ersten Sekunden: flimmernd, repetitiv, hell, irgendwie traurig, reißen einen beim Zuhören rein in diesen Gefühls­trubel aus hymnischen Momenten und tiefen Abgründen: „It might be over soon.“

Da ist er wieder, Justin Vernon, der Ideen- und Taktgeber hinter Bon Iver. Zurück nach fünf Jahren mit einer neuen Platte. Und was macht er: kündigt an, dass alles bald wieder vorbei sein könnte? Solch ein Satz ist, logisch, bloß eine Interpretationsweise für die erste Textzeile von 22, A MILLION, dem dritten Album der Band aus Wisconsin. Dass er das Projekt Bon Iver zurückfahren wolle, hatte Vernon ein Dreivierteljahr nach Erscheinen von BON IVER, BON IVER (2011) angekündigt. Aber „It might be over soon“ hat die tolle Eigenschaft, alles und nichts bedeuten zu können. Ist es die letzte Platte der Band? Ist die Platte einfach sehr, sehr kurz und deshalb bald vorbei? Nicht sonderlich kurz: zehn Songs verteilt auf 37 Minuten. Vielleicht ist, ganz profan, lediglich das Warten gemeint, das ein Ende hat. Nach einer Handvoll Gastbeiträgen und einer Zwischendurchsingle („Heavenly Father“, 2014) gibt es nach einem halben Jahrzehnt wieder neue Musik von Bon Iver.

Bin zurück, hab da was mitgebracht. So könnte man die Einstiegszeile auch lesen. Allerdings handelt es sich bei der Platte nicht um einen Neuanfang, bloß weil viel Zeit vergangen ist. Vielmehr muss man sich das neue Werk als Destillat dieser Auszeit vorstellen. Vernon hat sich Zeit gelassen, diese zehn neuen Songs aufzunehmen. Warum auch nicht. Und trotzdem war er in der Zwischenzeit sehr fleißig, andere Projekte anzugehen. Das Gewaltige, das besonders in leisen Augenblicken liegen kann, hat Vernon von seiner Zweitband Volcano Choir (REPAVE, 2013) für 22, A MILLION übernommen, aus dem Album GROWNASS MAN (2013) mit den Shouting Matches hat er den Blues rausgefiltert. Am meisten dürften ihn jedoch zwei der prominentesten Zusammenarbeiten aus den vergangenen fünf Jahren geprägt haben: die Songs, die Vernon mit James Blake beziehungsweise mit Kanye West aufgenommen hat.

Stücken wie „22 (OVER S∞∞N)“ oder „715 – CReeKS“ hört man den Einfluss Blakes an, die Lust am Verzerren, die Bedeutung, die der Repetition beigewonnen wird. Wenn andererseits nach anderthalb Minuten auf „21 MooN WATER“ ein klarinettenartiges Fiepen einsetzt, ein digitales Klangbett untergemischt wird, das industriell und jazzy zugleich klingt, weiß man, dass Kanye West hier Pate steht. Man kann sich nur ausmalen, wie die Zusammenarbeit mit West auf MY BEAUTIFUL DARK TWISTED FANTASY und Yeezus eine ganz neue Welt für Vernon eröffnet haben muss. Vom Folk­rocker, der sich mit einer Gitarre in eine Holzhütte im verschneiten Wisconsin zurückzieht und dort Herzschmerzsongs in Eigenregie aufnimmt, hin zum umworbenen Kreativpartner, der sich bei West den Hang zur Großproduktion abschaut. Das Studio ist nicht Mittel zum Zweck für Vernon, sondern ein Instrument an sich. Vielleicht trifft es Schatztruhe sogar noch besser. Man greift rein und zieht etwas heraus, das glänzt und funkelt. Einziger Nachteil: Man vernachlässigt schnell die matten Dinge. Ein paar der Tracks sind so vielschichtig, überzogen mit Auto-Tune, Multitracks und Loops, es knistert hier, es pocht da, dass man sie zwar wieder und wieder anhören kann und jedes Mal etwas Neues entdeckt. Leisere Momente, wie das schmerzhaft schöne „8 (circle)“, wirken dagegen aber fast schon ein bisschen simpel.

Das, sowie die prätentiösen Songtitel mit all den Nummern und Sonderzeichen, sind minimale Schrammen an einem Album, das man sich 22 oder eine Million Mal anhören kann und trotzdem sehr, sehr gut finden muss.

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