Highlight: Die 50 besten Alben des Jahres 2016

Bon Iver Bon Iver


4AD/Beggars/Indigo VÖ: 17. Juni 2011

Wir erinnern uns des Campfire-Knisterns und der eminent stillen Lieder, mit denen Justin Vernon im Jahr 2008 jene postmoderne Selbstfindungsgeschichte schrieb, die ihn bis in die Charts und Feuilletons hineinkatapultierte. Eine One-Man-Saga vom genialen Waldschrat, der ein dankbares Publikum auf die Fährte der großen amerikanischen Mythen schickte. Der Amerikaner Justin Vernon entdeckte sich in der Begegnung mit den Elementen, irgendwo draußen in den Wäldern Wisconsins, For Emma, Forever Ago. Die 2009 nachgereichte EP „Blood Bank“ war schon der Lust am Spiel mit ganz anderen Elementen geschuldet. Vernon falsettierte nun aus den Tiefen Autotunes dem Publikum entgegen. Die gemeinsamen Aufnahmen mit Kanye West und der Band Gayngs haben weitere Spuren im Komplex Bon Iver hinterlassen. Der Songwriter befand sich fortan auf der Flucht nach vorne.

Bon Iver ist noch kein richtiges Band-Album geworden, aber es gibt zahlreiche Stellen, an denen Justin Vernon im Bandgedanken seinen Radius erweitert, etwa, wenn Colin Stetson (Tourband-Mitglied von Arcade Fire und dem Bell Orchestre) mit seinem Saxofon über weite Keyboardfelder tieffliegt oder die Chöre zur Eröffnung „Perth“ bis in die hintersten Winkel ausleuchten. Die neuen Songs sind in einem Netz aus Raum- und Zeit-Koordinaten festgemacht. Die Orte in den Songtiteln (die realen und die verfremdeten) sind weniger Stationen einer Reise als Bilder einer Assoziationskette, die sich um die sanften Kleinigkeiten von Klangkissen dreht und windet, Google-Earth-Dokumente einer fiktionalen Oberfläche, hinter der sich durchweg schöne Räume auftun.

So lässt Justin Vernon eine 3D-Liederwelt entstehen, in die man ganz ohne Spezial­brille eintauchen kann, in den mehrfach überlagerten Gesängen, verschleppten Pedal-Steel-Gitarren der kunstvoll gebauten „Towers“, im R’n’B-Folk-Zwitter

Anzeige

„Michicant“. Dass in Vernons Produktionen die amerikanische Folklore in verschiedenen Formen sanfter digitaler Manipulation veredelt wird, hebt auch diese Lieder wieder auf eine ganz eigene Stufe. Im verschwommenen, leicht sphärischen Klangbild entsteht jenes Rätsel, das Bon Iver zu etwas mehr als nur dem nächsten guten Songwriter macht. Der Relaunch ist geglückt, die nächste Stufe kann gezündet werden. Wohin es den Sänger und Songwriter mit dem Wisconsin-Stempel noch treibt, lässt das Album glücklicherweise offen. Die Aufnahmen entstanden im eigenen Studio, das Vernon mit seinem Bruder in einer verlassenen Tierklinik erbaute – drei Meilen vom Heimatort entfernt und unweit jener Bar, in der seine Eltern sich kennenlernten, damals im alten Amerika. Die Melodien suchen die neuen Kanäle in die Welt.

Key Tracks: „Perth“, „Towers“, „Michicant“


ÄHNLICHE KRITIKEN

Bon Iver :: i,i

Justin Vernon sagt, das vierte Album stehe für den Herbst. Der Meta-Folk von Bon Iver klingt nun wieder majestätisch, elegant...

Big Red Machine :: Big Red Machine

Nach zehn Jahren Planung fertig: das Elektro-Folk-Projekt von Justin Vernon und Aaron Dessner.

Bon Iver :: 22, A MILLION

Schichtdienst: Nach fünf Jahren Abstinenz fügt Justin Vernon dem Folkrock seiner Band noch einmal ganz neue Facetten hinzu.

Aero Flynn :: AERO FLYNN

Fein Ausgetüfteltes zwischen gro­ßer Songwriterkunst und digital-analoger Melancholie à la Radiohead vom Mann aus dem Bon-Iver-Umfeld.

Bon Iver & James Blake :: Fall Creek Boys Choir

Vollelektronik mit Hundegebell


ÄHNLICHE ARTIKEL

Überraschungs-Release: Hört Bon Ivers komplettes neues Album „i, i“ jetzt im Stream

Angekündigt war es für Ende August – doch jetzt ist Bon Ivers neues Album „i, i“ überraschend schon früher erschienen. Zumindest digital.

Bon Ivers Mini-Doku „Autumn“ deutet an, wie groß die neue Liveshow werden wird

Das neue Album sei sein bisher erwachsenstes geworden, sagt Justin Vernon. Auch die Live-Shows werden offenbar so groß wie nie – sollen aber ihre Intimität wahren.

Bon Iver live beim Melt 2019: Zwei Drumsets für ein Hallelujah

Vom Eremit zum Dirigent: Wie groß Justin Vernon seine einstigen Folk-Kleinode kollektiv, elektronisch und live erwachsen lässt, ist nicht nur packend und Strukturen sprengend. Bei seiner Headliner-Show beim Melt beweist er als Bon Iver schiere Weltklasse vor perfekter Kulisse.

Anzeige

MagentaTV erleben: Jetzt MagentaZuhause mit TV zum Aktionspreis bestellen!*

  • 100 Sender Live-TV
  • Megathek mit Top-Serien & Filmen
  • Highspeed-Internet mit bis zu 100 MBit/s
  • 24,95 € mtl. i.d. ersten 6 Monaten*

Hier Angebot sichern

Was Ihr über das Melt Festival 2019 jetzt noch wissen müsst
Weiterlesen