Christine And The Queens Chris


Caroline/Universal 

Héloïse Letissier erinnert uns daran, was im Pop möglich ist, wenn du mehr einzusetzen vermagst als Jugend, Ehrgeiz und Disziplin: Du kannst dir eigene Räume schaffen, Identitäten aneignen, du kannst mit Begriffen, Bedeutungen, Codes spielen, Utopien erschaffen, so tun als ob. So lautet Letissiers erste Zeile auf CHRIS: „Let’s for the whole song just pretend that all along I’ve been there, infectious, that’s what I dream of when penning this verse“.

Auch die Single „Girlfriend“, DER Hit der Saison, zeigt, dass sie ihren Slim Shady gelernt hat – ein Beispiel, das sie selbst anführt, um zu erläutern, wie sie dazu gekommen ist, sich die Rolle des, nun, weiblichen Machos anzueignen. Aus Christine wird Chris, Haare ab und Muskelshirt, und dieser fast aggressiv vorgetragene Anspruch auf Definition der eigenen Identität drückt sich auch musikalisch aus: Im Gegensatz zu ihrem erfolgreichen Debüt, einer relativ typischen Frankopop-Platte mit R’n’B-Einschlag, hat sie sich auf CHRIS nicht nur von dieser latenten charmanten Beliebigkeit freigemacht, sondern darauf hingearbeitet, dass wir ins Schwitzen kommen.

Die Drum Machine knallt und faucht wie bei Jacko, der Synthiebass knurrt, der Funkbeat schießt in die Hüften – in Kombination mit dieser Sehnsuchtsstimme und den von Chören umgarnten Refrains eine sehr infectious Mischung. Und das passiert nicht, weil das der trendene Produzent sagt, sondern weil es das ist, was Chris verkörpern möchte. Zeilen wie „There’s a pride in my singing, the thickness of a new skin“, die zudem zeigen: Popmusik, die nicht vom Schwanzvergleich, sondern vom Schmerzabgleich handelt, nehmen wir als wahrhaftiger und wertvoller wahr.

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