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Highlight: Die 50 besten Alben des Jahres 2016

David Bowie Lodger


Beatles (EMI)

13 Studio-LPs ohne nennenswerten kreativen Tiefpunkt, neun Jahre ohne Stagnationserscheinungen. Wer hat ihm das schon vorgemacht, vor allem: wer macht es ihm nach? David Bowie, der Mann, der seine Musik seit Jahren unverholen mit fremden Federn schmückt und sie dabei trotzdem so einzigartig und neu klingen lässt, hat mit LODGER eine seiner farbigsten Klangcollagen produziert. Wen stört es, daß er sich dabei einige Male kräftig selbst beklaut hat, indem er nämlich einige charakteristische Elemente aus dem von ihm produzierten (und mit-komponierten) Iggy Pop-Album THE IDIOT neu verwendete.

Zog es ihn einst in die Sphären des Weltalls, hat er sich jetzt auf die handfesteren Reize des Irdischen besonnen, musikalisch jedenfalls. „African Night Flight“ treibt uns tief in den Dschungel, wo Bowie zwischen dumpfen Trommeln und (elektronischem) Gezwitscher als moderner Medizinmann Kinderreim-ähnlich Formeln für unsere neuzeitlichen Flüche herunterrasselt. Nachdem bei Bowie die Texte seit STATION TO STATION teilweise zur reinen Soundmalerei verkümmert waren, bringt er sich hier auf LODGER langsam wieder in Form.

LODGER bedeutet bekanntlich soviel wie Untermieter, und wenn ich seine Texte richtig verstehe und die musikalischen Zeichen richtig deute, dann spielt er wohl auf unser Untermieterdasein in dieser Sony-Dollar-Fastfood-Welt an und schielt dabei gelegentlich in Regionen, wo die Ursprünglichkeit noch ihren echten Klang hat.

Kooperation

Musikalisch ergibt sich daraus auf der ersten LP-Seite eine faszinierende Mischung. Aus elektronischen Klangschwaden (wie auf LOW und HEROES) wurden plastische, vor allem knappere Figuren, die sich mit magischen Rhythmen, Funk, fremdartigen Chören und allerlei Verzerrungen zu einer merkwürdig fesselnden Einheit verbinden. Zunächst befremdlich aber originell: arabisch-orientalische oder asiatische Intermezzi. Kein Zweifel, diese Atmosphäre fängt dich ganz schön ein, auch wenn bei „Move On“ Iggy’s „Funtime“ verräterisch mitmischt.

Seite zwei ist musikalisch insgesamt leichter zu verdauen. „DJ (I am what I play)“ befasst sich mit dem derzeitigen Thema Nummer eins. „Repetition“ schließlich (Lou Reed-mäßig genuschelt) hat’s mit der Bilderbuch-Ehe voller vertaner Chancen („the food is cold – don’t hit her“). Wie ironisch!

Hin und wieder ein durchaus irdisches Gitarrenriff, echte Ohrwurm-Passagen und unauffällig eingestreute Finessen; sie machen die zweite Seite zwar kommerzieller, aber nicht anspruchslos. Die bewährte Besetzung Dennis Davis, George Murray, Carlos Alomar und Adrian Below, Simon House (mit der orientalischen Violine) und Pianist Sean Mayes leistet hervorragende Arbeit. Bowies zweites Ich Eno (co-Autor der meisten Songs) steuerte nicht nur seine Synthesizer-Projektionen und Gitarrentreatments bei, sondern eine Menge Inspirationen; hauptsächlich für die experimentellere Seite eins.

Und wie klinkt sich Bowie diesmal wirkungsvoll aus jeder LP-Seite aus? Mit Zitaten! Mit „Red Sails“ entfernt er sich Ferrymäßig far-far-fa-fa-far faraway aus seiner musikalischen Alternativ-Gesellschaft. Der Ausklang auf Seite zwei („Red Money“) ist dann geradezu „Idiot“isch: „Sister Midnight, can you hear me… ?“


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