Ed Sheeran =


Warner (29.10.2021)

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Ok, er meint es anders. Wenn Ed Sheeran gleich zum Auftakt in „Tides“ behauptet: „Everything has changed but I am still the same somehow“, dann geht es um Vaterschaft und Familie, um das sich um ihn herum beständig wandelnde Leben. Aber man kann den Satz auch lesen bezogen auf die Musik. Denn es hat sich nichts verändert, nicht die käsigen Melodien, nicht die konventionellen, aber aufgeplusterten Arrangements, nicht die herzlich schlicht gestrickten Texte, aber vor allem nicht dies: der irre, aber kaum zu erklärende Erfolg.

Irgendeine Meta-Ebene verleugnende Eindimensionalität

In „First Times“ rekapituliert Sheeran genau diesen Erfolg, erinnert sich an den Auftritt im Wembley-Stadion vor 80.000 Menschen, und stellt im Refrain fest: Der berufliche Erfolg ist schal, viel wichtiger sind doch „der erste Kuss, die erste Nacht, der erste Song, der dich zum Weinen brachte“. Cheesy? You bet! Diese Hymne auf die Ehefrau und den Rest der Kleinfamilie, angemessen ausgestattet mit akustischer Gitarre und Streicherkitsch, ist aber nicht nur typisch in ihrer musikalischen Leere, die immer larger-than-life tut, aber bloß fürchterlich brav ist, sondern auch inhaltlich in ihrer jeden Hintersinn, geschweige denn irgendeine Meta-Ebene verleugnenden Eindimensionalität.

Wenn man Sheeran, einen der größten Popstars des Planeten, noch als Singer/Songwriter sehen möchte, dann darf man sich schon fragen: Wo sind denn die Abgründe? Selbst seine „Bad Habits“, die er im gleichnamigen Song beschreibt, sind bestenfalls nette Macken. Auch dass das Album nach ÷ (dividiert, 2017), x (multipliziert, 2014) und + (addiert, 2011) nun = (ist gleich) heißt, ist kaum mehr als ein Running Gag: Nein, vor einem Konzeptalbum, gar einer Mathrock-Tetralogie muss niemand Angst haben. Ed Sheeran bleibt ganz der Alte: so simpel, dass sein Publikum beim Mitsingen nicht unnötig ins Grübeln geraten muss.


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