Einstürzende Neubauten Alles in Allem


Potomak/Indigo (VÖ: 15.5.)

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Die Neubauten gelten als Zerstörer, dabei lieben sie die Struktur: 2020 ist das 40. Jahr der Bandgeschichte, zur Feier des eigenen Überlebens gibt es eine neue Platte – die seit 2007, das Erste-Weltkriegs-Werk LAMENT begreift die Band als Auftragsarbeit. 100 Arbeitstage innerhalb eines Jahres – das war der Plan für diese Produktion. Durchkreuzt wurde der Prozess immer wieder von „Dave“, eine Art Navi für Irrwege, das die Gruppe selbst hergestellt hat, um Routinen zu verhindern. „Dave“ ist ein Set aus Karten, die Musiker ziehen eine, befolgen die Anweisungen, ohne sie zu verraten. Aus dem Chaos entstehen Improvisationen und daraus wiederum Songs.

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Ganz ähnlich funktionieren übrigens Städte, als Durcheinander, das sich ordnet und zur Kommune wird. Kein Wunder also, dass die Neubauten schon immer Stadtmusik gespielt haben. Und auch kein Wunder, dass die Stadt Berlin diese Platte prägt. Blixa Bargeld wandert wie ein gespenstischer Flaneur durch diesen Topos, sein Gang durch Raum und Zeit führt ihn zum Haus am Grazer Damm, wo er seine Kindheit verbrachte, zum Landwehrkanal, in den Militaristen vor 101 Jahren die Leiche von Rosa Luxemburg warfen. „Grazer Damm“ ist ein schwereloser Walzer, „Am Landwehrkanal“ ein rotziges Folkstück, halb Rio Reiser, halb Brecht/Weill. Bargeld singt: „Wir hatten 1000 Ideen, und alle waren gut.“

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Die Grundstimmung von ALLES IN ALLEM ist kontemplativ. Interessant, wie sich Blixa Bargeld und Nick Cave annähern. Das Titelstück und „Taschen“ sind großartige Balladen, „Seven Screws“ eine wunderbare Betrachtung von Gender-Identität, die Stimme löst die sieben Schrauben, ordnet die Fragmente neu, zieht aus dem „Ozean der Möglichkeiten“ ein neues Ich: „Non-binary. I: forever new.“ Wer die Neubauten der 90er mag, erfreut sich am Industrial-Twist „Ten Grand Goldie“, in ihre Frühphase kehrt die Gruppe mit der Avantgarde-Collage „Zivilisatorisches Missgeschick“ zurück, wohlwissend: „Wir leben hier nicht mehr / Schon lange, schon lange nicht.“

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