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Album der Woche

Flying Lotus Flamagra


Warp/Rough Trade (24.5.)

Vorher war die Sache mit David Lynch angeteasert worden. Was würde der Produzent Flying Lotus mit dem Regiealtmeister gemeinsam auf die Beine bringen? Jetzt taucht Lynch als Erzähler in einem dunkelbraun grundierten Mystery-Video auf, er erzählt einer Meute von Wolfskindern unter schönstem Donner­grollen den Beginn einer kleinen Horror­geschichte. Irgendwann bricht Panik aus, jemand ruft: „Fire is coming!“ Das ist der Moment, in dem das Hörspiel in der Mitte von FLAMAGRA zum Flying-Lotus-Track wird, in dem der Produzent aus L.A. sich mit den Trap-Beats aus seinem Kopf auf die Flucht vor den Unbilden einer verrückt gewordenen Welt begibt.

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Steven Ellison (35), Grammy-nominierter Beatmaker hinter dem Kunstnamen Flying Lotus, in der Rolle seines Lebens, als Dr. Kimble der Black Music? So geht eine von mehreren Lesarten. Der Künstler hat zuletzt noch mitgeteilt, dass seine Musik nichts anderes als eine Escape-Bewegung sei, dass nur die Arbeit ihm die Ängste nähme. Und Ellison machte sich reichlich Arbeit in den vergangenen Jahren, er zählte zu den Produzenten von Kendrick Lamars TO PIMP A BUTTERFLY, griff Thundercat bei DRUNK unter die Arme, komponierte Soundtracks und führte Regie beim Film „Kuso“. Nur die Produktion eines eigenen Albums ließ auf sich warten. FLAMAGRA ist ein rauschendes, reizüberflutendes, beizeiten schwer zu dechiffrierendes Fusion-Werk geworden – mit neun Gastvokalisten in 27 Tracks.

FlyLo bespielt 107 Minuten in der Art eines stream of consciousness, die Tracks sind assoziativ verbunden, sie sprudeln Elementarteilchen aus Elektronik, Jazz, HipHop und IDM in wechselnden Kombinationen an den Rand eines Glases, das manchmal überzulaufen droht. Die Geschichte der Black Music existiert in dieser Musik eher als fernes Echo, sie ist auch nicht wie etwa bei Lamar mit politischen Themen verbunden. Ein kurzer Hinweis auf Malcolm X im Titel eines 90-sekündigen Jazztracks muss genug sein. Ellison ist weit mehr an der Wanderung von Sounds interessiert, er lässt seine Musik cineastischen Prinzipien folgen.

Wenn Anderson .Paak in „More“ den ersten Gast-Part übernimmt, zieht ein wild gewordener Soul-Chor durch den Song, jeder Klang mag noch im kollektiven Gedächtnis verankert sein, aber hier ist nichts mehr an der Stelle, an die es eigentlich „gehört“. Und nach einer Minute beginnt dieser Track, völlig verwandelt, von vorne. „Burning Down The House“ ist mehr Prince als das, was wir FlyLo zuzuschreiben geneigt sind, P-Funk-Papst George Clinton segnet diese drei Minuten gesanglich ab, und nein, es ist kein Talking-Heads-Cover.

Es geht noch weiter hinaus: „Say Something“ könnte einer Piano-Violine-Neuvertonung von Charlie Chaplins „Goldrausch“ entstammen, es gibt Intermezzi, die Herbie Hancocks 70er-Jahre-Fusion beleihen und im selben Moment Jazz als Ankerpunkt im Daddel-Irrsinn hinterfragen – irgendwo eine kleine Fahrstuhlmusik mit Ballerspiel-Sounds („All Spies“).

Immer, wenn man meint, einen Kern des Albums zu entdecken, zieht der Zeremonienmeister in den nächsten Film und rollt die Leinwand von hinten auf. Die Details-pro-Sekunde-Quote liegt extrem hoch. Und mit jedem neuen Hören tritt ein neuer Moment aus der Reihe. Mein innerer Plattenteller spielt mir gerade

den Trip ins „Land Of Honey“ zu, den FlyLo mit Solange Knowles unternimmt, und die mikrotonale R’n’B-Erzählung „Yellow Belly“, die der Produzent Rapperin Tierra Whack überlässt. Waren das jetzt nicht die Geister der Residents, die sich aus dem Bauch der Elektronik mit ihren verfremdeten Stimmen gemeldet haben, oder habe ich mich verhört?

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