Album der Woche

Herbert Grönemeyer Tumult


Universal

Entwarnung für alle, die in den vergangenen Jahren immer dann gerade keine Zeit hatten, als gerade zur Demo gegen Rechtspopulismus aufgerufen wurde. Grönemeyer hat ein herrlich unaufgeregtes, politisches Album veröffentlicht. Damit kann man unterm Weihnachtsbaum prima Haltung zeigen. Oder es eben zum Fest wie einen versöhnlichen, aber fordernden Brief in AfD-Haushalten platzieren.

Vier Jahre nach dem eher belanglosen DAUERND JETZT veröffentlicht Herbert Grönemeyer TUMULT, eine Platte, die im Vorfeld fast schon als Parteiprogramm galt. Denn in jedem Interview und jedem Bericht wird nun von den politischen Ansichten des 62-Jährigen gesprochen. Grönemeyer positioniert sich selbstverständlich gegen Rassismus und die AfD, fordert das „zusammen“ in diesem gefühlt so gespaltenen Deutschland, das zu DAUERND JETZT noch richtig gut drauf war.

Im August trat Grönemeyer in Jameln auf, bei einem Mini-Festival mit großer Strahlkraft für Demokratie und Toleranz. Ein perfekter Startpunkt, um sich pünktlich zum Beginn der üblichen Werbekampagne ins fiktive Amt des Popbundespräsidenten hochschreiben zu lassen. Mach‘ Urlaub Steinmeier, die wahre Stimme der vernünftigen Mittelschicht, deren Personalausweis die MENSCH-CD im Regal ist, übernimmt jetzt für ein paar Monate.

Gegen den Verdruss

Leicht hätte die zunehmende Politisierung des Bochumers zur Farce werden können, Die Toten Hosen haben zuletzt eindrucksvoll belegt, wie weit Interviews, Auftritte und Albumtexte auseinandergehen können. Grönemeyer hat dem aber schon vor Wochen den Riegel vorgeschoben und mit „Doppelherz/Iki Gönlüm“, bei dem er auf Deutsch und Türkisch singt, eine großartige Toleranzhymne veröffentlicht. Kann zwar nicht jeder mitsingen, aber vielleicht ist das ja auch der Plan gewesen. Schnauze halten und zuhören jetzt, hier hat jemand was zu sagen.

Grönemeyer war noch nie unpolitisch, auf TUMULT wirken manche Zeilen aber besonders dringlich. Zum Beispiel, wenn er in „Bist du da“ von alten Geistern singt, die in der Gegenwart für Verrohung und Herzensbarrikaden sorgen und er sich dabei zur Sicherheit am emotionalen „Outro“ von M83 bedient, damit die Probleme der Nation mal wieder etwas anderes als Verdruss hervorrufen.

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TUMULT ist clever. Grönemeyer besingt zwar Hasardeure, nennt ihre Namen aber nicht. Positioniert sich klar, stößt dabei aber kaum jemanden weg. Mit Zeilen wie „Es steht gerade schlecht um Paradiese“, metaphert sich Grönemeyer nachdenklich, aber eben auch nicht reißerisch durch die vergangenen und die wohl bevorstehenden Jahre in Mitteleuropa und anderswo. Und spendiert seinen Hörern mit „Sekundenglück“ und „Lebe mit mir los“ auch dringend benötigten Eskapismus. „Bevor ich dich kannte, war ich schon verschenkt an dich“, singt er beispielsweise. In Deutschland verlieben sich Leute also noch, gut zu wissen.

16 Songs zum aufmerksamen Hinhören hat der Bochumer vorgelegt. Zwei davon sogar noch mit Remixes ausgestattet, um sein Album wenigstens versuchsweise auch ein paar Teenagern unterzujubeln. Die Melodien auf TUMULT sind auffällig unmutig, hier spielt Deutschlands größter Popstaatsmann auf Sicherheit und klingt eben wie er klingt, will seine Ansichten mit vertrauten (manchmal zu vertrauten) Instrumentalisierungen unters Volk bringen. Soll er machen, eine schöne Vorstellung, dass etliche nach rechts Abgewanderte sich in den Wintermonaten von der Weltoffenheit Grönemeyers indoktrinieren lassen. Mit den Wütenden und Frustrierten sitzt nämlich längst niemand mehr am Tisch, vielleicht klappt es ja so.

 

 

 


Herbert Grönemeyers neues Album „TUMULT“ ist da – hier könnt Ihr es hören
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