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„DAUERND JETZT“ im „Grill Royal“: Herbert Grönemeyer stellt neues Album vor

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„Currywurst oder karamellisierter Ziegenkäse?“, fragt eine Reporterin im Publikum. Eine Fangfrage, das merkt auch Herbert Grönemeyer selbst. Natürlich würde er gerne „Currywurst“ sagen, der Popstar aus Bochum, mit Ruhrpott und Bodenständigkeit hat die Alternative schließlich wenig zu tun. Karamellisierter Ziegenkäse steht aber am Dienstagabend auf der Karte im Berliner „Grill Royal“, dem Restaurant, in dem Grönemeyers Plattenfirma Universal Music sein neues, 14. Studioalbum DAUERND JETZT vor rund 150 geladenen Journalisten, Branchenvertretern und Freunden sowie in Anwesenheit des Künstlers selbst vorstellt. Also weicht er der Frage aus, ist ansonsten um Antworten zum Glück aber nicht verlegen.

Die Frage, wie gut Grönemeyer und „Grill Royal“ zusammenpassen, ist freilich eine berechtigte. Sein letztes Album SCHIFFSVERKEHR stellte der 58-jährige Musiker, der seit Jahren in London und Berlin lebt, 2011 immerhin auf einen Boot vor. Er ist der wahrscheinlich einzige deutsche Musiker, bei dem seine Plattenfirma auch im Jahr 2014 noch derart großes Besteck auffahren kann beziehungsweise will. Auf der Karte des „Flying Dinner“ stehen neben dem karamellisierten Ziegenkäse unter anderem Blattspinat mit Lachs oder pochiertem Bio-Wachtelei, Roastbeef & Filet Mignon „Gremolata“; Champagner, Wein und Longdrinks gibt es bis zum Abwinken. Man darf davon ausgehen, dass kaum einer der Pressevertreter hier regelmäßig Essen geht. Weil sie erstens nicht nur aus Berlin, sondern aus Magdeburg, Bremen und Köln angereist sind, und weil ein Journalist soviel längst nicht mehr verdient. Zur Erinnerung: Im „Grill Royal“ essen sonst nur Hollywoodstars wie George Clooney oder, doch ein Journalist, Moritz von Uslar, bevor er für seinen Roman „Deutschboden“ zum Pöbel ins Berliner Umland aufbricht. Eine Einladung, die man also gerne annimmt.

Herbert Grönemeyer stört sich an diesem vermeintlichen Gegensatz nicht. Vermutlich, weil er längst selbst ein Weltstar ist, der hier verkehrt. Ganz bestimmt aber, weil er weiß, dass ihm seine Erdung – um nicht erneut die Floskel der Bodenständigkeit zu bemühen – trotz des Erfolgs keiner nehmen kann. Ja, Grönemeyer kennt Bono, sie seien befreundet und telefonierten öfter, auch über U2s umstrittene Albumveröffentlichung via iTunes hätten sie gesprochen, Grönemeyer hält selbst nicht viel vom Musikstreaming, wie es gegenwärtig funktioniert. Und ja, sein Kulthit „Bochum“ habe eine neue Strophe verpasst bekommen, auf der kommenden, längst, ausverkauften Deutschland-Tour werde man, wenn überhaupt, aber die Originalversion spielen. Wie seine Songs entstünden? Rumklimpern, Freunde anrufen, wieder ans Klavier, und irgendwann, wenn mehrere Ideen hängen bleiben, sei es wohl Zeit für ein neues Album. Und die Texte? Seien eh überbewertet, manche Worte seien bloß da, weil noch ein oder zwei Zentimeter Platz auf dem Papier gefüllt werden mussten. Warum er bei „Band Aid 30“ nicht mitmache? Habe zeitlich nicht gepasst, sagt er. Schauspielerei nach Anton Corbijns „A Most Wanted Man“? Vielleicht mal wieder, warum nicht. Und so weiter. Natürlich ist all das Understatement, aber ein gesundes. Was soll einer wie Herbert Grönemeyer denn sonst auch antworten auf Fragen wie die, womit er sich seinen Erfolg erkläre? Viele Menschen hielten ihn wegen seiner Lieder für sehr einfühlsam, gar für einen „Frauenversteher“, aber diese Menschen müsste er dann immer enttäuschen, sei alles bloß ein Missverständnis, scherzt er.

Und ach: Das neue, 60-minütige und am Freitag erscheinende Album DAUERND JETZT wurde vor der Fragerunde erstmals einer Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist, soviel kann nach einem Durchgang gesagt werden, wieder ein typisches, gutes und bisweilen sehr eindeutiges Grönemeyer-Album geworden – soweit man das trotz voller Lautstärke im „Grill Royal“ zwischen plaudernden Kollegen und nuschelndem Grönemeyer denn verstehen kann. Im Song „Uniform“ etwa geht es offenbar um „digitale Diktatur“, um den Kampf zwischen Mensch und Maschine, die weiteren Zeilen bleiben vorerst unverständlich. In „Unser Land“ singt er über Armut und Reichtum in Deutschland, obligatorische Klavier-Balladen dürfen natürlich auch nicht fehlen, allen voran „Pilot“. Und plötzlich, DAUERND JETZT müsste eigentlich auf sein Ende zugehen, ertönt plötzlich ein Bummsbeat aus den Boxen. Nein, das hier ist nicht die nächste CD, die noch im Player lag, sondern Grönemeyers neuer Song „Fang mich an“ im „Hoopieshnoopie Remix“. Der klingt auf grausame Weise nach Autoscooter, Kirmesdisco und Privatradiosingle – kurzum: Grönemeyer konnte offenbar nicht wiederstehen oder widersprechen, eine eigene Version von Coldplays „A Sky Full Of Stars“ mit Produzent Avicii rauszuhauen. Ist ihm, dem Currywurst-Kerl aus Bochum, sein Bono’eskes Pop-Umfeld wohl doch zu Kopf gestiegen. Zum Glück aber nur vier Minuten und 49 Sekunden lang.


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