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Album der Woche

International Music Ententraum


Staatsakt/Bertus (VÖ: 23.4.)

von

Probieren Sie doch mal, was International Music auf ihrem zweiten Album ENTENTRAUM vorschlagen: Bauen Sie sich einen neuen Kopf! Oder verknüpfen Sie zumindest ein paar Synapsen neu. Wie das geht, erfahren Sie zum Beispiel im Song „Marmeladenglas“. Da nämlich eiern die Gitarren so sediert, dass man am liebsten über den Flokati rollte wie im Stechapfelrausch, würden einem die drei Boys aus Essen nicht immer wieder Worte in den Assoziationsraum stellen, die dort nun wirklich nichts zu suchen haben: Marmelade und Ansichtskarten in so einem schwergängigen, repetitiven Psychedelic-Song?  Und überhaupt: „Maus und Apfelbrei“? Der „Fürst von Metternich“ und Ludwig van Beethoven? Immer stört was, eckt was an, wenn die Gedanken gerade träge Valiumschleifen drehen wollen.

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Als International Music vor drei Jahren DIE BESTEN JAHRE veröffentlichten, eines der tollsten deutschsprachigen Debüts der jüngeren Vergangenheit, haben sie das schon mal geschafft: das Beste an Psych- und Krautrock gleichzeitig hops und in den Arm zu nehmen. Also tatsächlich: Geliebtes und Bekanntes irgendwie um- oder gar weiterzudenken, indem sie so weitschweifig, dabei aber ruhrpottig klangen, als träfen sich The Velvet Underground und The Jesus and Mary Chain am Spelunkentresen, um sich drüber auszulassen, wie falsch das Leben grade läuft.

Als träfen sich The Velvet Underground und The Jesus and Mary Chain am Spelunkentresen

Zwischen ihren kargen Versen konnten sich Welten auftun, ihre Texte über „Metallmädchen“ oder „Country Girl“ waren präzise und schrammten doch immer wieder knapp am Erwart- und Denkbaren vorbei. Über vielen frühen Songs der Band lag eine matte, verwaschene Schwermut, genau wie über NENN MICH MUSIK, dem 2019 erschienenen Album der Düsseldorf Düsterboys – der anderen Band, die Sänger und Gitarrist Peter Rubel und Pedro Crescenti, Bassist und ebenfalls Sänger, neben International Music betreiben.

Diese Melancholie hat sich nun verzogen wie Zigarettenqualm nach dem Stoßlüften. Mehr noch – das Kneipendach ist explodiert und gibt den Blick auf alles frei, was sich in höheren Sphären als das schnöde Leben abspielt: Das Kosmische in der Musik von International Music klingt auf ENTENTRAUM noch kosmischer, der Aberwitz kommt mit noch mehr Aber, und sogar Prog Rock darf mehr sein als ein Scherz, der vor Lichtjahren mal gut war.

Auf sehr liebevolle Weise selbstreferenziell und irgendwie demokratisch

Also swoooooosht man mal high wie ein Wüstendrache über die „Die Insel der Verlassenheit“, Arabesken und Handclaps im Ohr, dann wieder nimmt man die Autobahn nach Düsseldorf – „Raus ausm Zoo, rein ins Geschäft mit mir, Baby“ – und fühlt sich wie ein Heiratsschwindler auf der Flucht, in diesem Song, der in einer besseren Welt ein Achtziger-Hit gewesen wäre. Aus der „Höhle der Vernunft“ scheppern monumental Schlagzeug und Sprechgesang, im Quasi-Titelsong werden alle Enten (und wir) beim Träumen zugleich schlauer und dümmer, und aus den Tiefen aller verliebten, verunsicherten Seelen hallt es kühl: „Fass bitte nichts an, das ist mein Museum.“ Der Song heißt „Museum“, und er endet, wie sehr vieles auf ENTENTRAUM, nicht wie angenommen.

Nachdem sich schon Peter Rubel und Schlagzeuger Joel Roters ihren Reim auf den Song „Kopf der Band“ machen durften, kriegt nun auch Pedro Goncalves Crescenti seine Version: ein luftiges Stück, durch das die Einflüsse der Bossa-Nova- und Tropicália-Größen, die Crescenti in seiner monatlichen Sendung beim Radiosender ByteFM vorstellt, wie ein warmer Wind wehen. Das Lied vom grübelnden Bandoberhaupt zum dritten Mal neu aufzulegen, ist nicht nur auf sehr liebevolle Weise selbstreferenziell, sondern auch irgendwie demokratisch. Dieses Trio hat schließlich drei eigenwillige Köpfe. Und wir nach einer gewaltigen Stunde International Spiritualized Roxy Music einen ganz neuen.


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