Spezial-Abo

Kassa Overall I Think I’m Good


Brownswood/Rough Trade (VÖ: 28.2.)

MC, Sänger, Drummer, Produzent und Netzwerker – man darf Kassa Overall einen Renaissance-Künstler nennen, im weiten Feld des neuen Jazz nimmt er die Position eines Verbindungsmannes zwischen Avantgarde und der Riege der coolen Produzenten ein. Auf seinem Debüt GO GET ICE CREAM AND LISTEN TO JAZZ beschäftigte Overall sich im Track „Prison And Pharmaceuticals“ bereits mit den Mechanismen der Korruption, die das „Verwahrungssystem“ in den USA bestimmen, auf I THINK I’M GOOD setzt er seine Studie mit einem Cover des Phil-Ochs-Songs „There But For Fortune“ (hier: „Show Me A Prison“) in den bleiernen Klangräumen eines Pianos fort – zum Finale ein solidarischer Gruß der Bürgerrechtlerin Angela Davis im verzerrten Voicemail-Sound.

Kassa Overall erinnert daran, dass Jazz auch eine lange Tradition des Dissens’ besitzt, seine Erzählungen sind wie Puzzleteilchen, die das Bild eines kranken Amerika zeigen, das mit den Krankheiten und den Ängsten der Menschen gar nicht umgehen will. Dahinter stehen die Alpträume und die Erfahrungen mit seiner bipolaren Störung, die der Musiker in seiner Studienzeit selber sammeln musste. I THINK I’M GOOD stellt der Gewalt ein Statement der Kollaboration gegenüber, die Aufnahmen entstanden in Overalls mobilem Laptop-Studio mit zahlreichen befreundeten Musikern (von Pianist Aaron Parks über Klarinettist Morgan Guerin und Harfenistin Brandee Younger bis hin zu der ausgebildeten Opernsängerin Melanie Charles).

In dieser beseelten Musik kommt alles ins Fließen, die ambienten Jazz-Klänge, die klaustrophobischen HipHop-Soundscapes und experimentellen Beat-Schleifen, Genres spielen keine Rolle mehr. Der Alleskönner Overall kreist seine Themen in Bedroom-Arrangements ein und schickt sie im nächsten Moment in eine noch offene musikalische Zukunft, in der Synthesizer und Flöten ihre frisch gewonnene Freiheit proben.


10 bedeutsame Protest-Songs der Musikgeschichte
Weiterlesen