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Kevin Cummins Joy Division


Edel Verlag VÖ: 26.10.2010

von

„Um 20 herum fühlt man sich oft viel älter und müder als in den vielen Jahren danach“, schreibt der amerikanische Schriftsteller Jay McInerney in seinem Vorwort zu diesem Band. Er arbeitete in diesem Alter an seinem Debütroman Bright Lights, Big City (deutscher Titel: „Ein starker Abgang“), und die Musik von Joy Division begleitete ihn dabei. Weil deren Sänger Ian Curtis sich mit 23 Jahren erhängte, bleibt die Gefühlslage dieser Ära für immer untrennbar mit der Musik von Joy Division verbunden. Als Ian Curtis’ Selbstmord vom 18. Mai 1980 bekannt wird, berichten die Manchester Evening News gerade mal mit einem Absatz darüber; der NME wird gerade bestreikt. Zum 30. Todestag bringt die staatstragende Times 2010 eine Doppelseite, von den Sonderausgaben und Specials der Musikpresse ganz zu schweigen. Viel von der bleibenden Ausstrahlung von Joy Division verdankt sich den Fotografien von Curtis und der Band, die Kevin Cummins während ihrer kurzer Karriere machte. Die in diesem wunderschönen Band versammelten Bilder zeigen Ian Curtis auf der Bühne, im Proberaum oder bei einer Fotosession, mal allein, mal im Kreis seiner Band. Und immer wieder fällt sein Blick auf, ein ernster, klarer, trauriger Blick, der oft in die Ferne gerichtet ist und im heutigen Betrachter, der um Curtis’ Ende weiß, kalte Schauer auslöst. Doch dieser Eindruck existenzieller Traurigkeit ist zumindest zum Teil inszeniert, wie Kevin Cummins berichtet. Curtis und die Band seien normale Jungs gewesen, die über Fußball und Mädchen gescherzt hätten. Doch für ihre und des Fotografen Idee von Joy Division passte ein lächelnder Ian Curtis nicht ins Konzept, so Cummins in der Einleitung des Buches: „In den seltenen Fällen, wo ich den Hauch eines Lächelns einfing, verfluchte ich, dass ich wertvolles Filmmaterial verschwendet hatte.“ Als er diese Geschichte vor einigen Jahren bei einer Podiumdiskussion erzählte, fragte ihn danach eine junge Frau, ob er denn noch die Fotos des lächelnden Ian Curtis habe. Es war Natalie Curtis, die Tochter, die ihren Vater als Einjährige verlor. Sie arbeitet heute ebenfalls als Fotografin.

Es war allerdings auch nicht alles Konzept, das diese Bilder entstehen ließ, manches war durch Zufälle und Umstände bedingt. Einige der berühmtesten Bilder entstanden bei einer Fotosession für den NME, die nur stattfand, weil das Spiel des geliebten Fußballteams Manchester City wegen Schneefalls abgesagt wurde. Der Schnee und die leeren Straßen und Brücken verstärken das Bild von Manchester als sterbender Stadt und Joy Division als ihre Poeten.

Wir verlosen 3 Exemplare des Bildbands. Einfach mailen und bitte Name, Adresse und Telefonnummer angeben.


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