Lucinda Williams
WORLD’S GONE WRONG
Highway 20/Thirty Tigers (VÖ: 23.1.)
Die Grande Dame der Americana mit Notizen zur Gegenwart.
Der Albumtitel WORLD’S GONE WRONG macht schon deutlich, um was es geht. Der gleichnamige Song unterstreicht es noch einmal. Im Zentrum stehen ein Autoverkäufer und eine Krankenschwester, deren Lebenswege sich unter der Last der Gegenwart krümmen. Er ist ausgebrannt, sie nahe dran an einer Depression, während draußen, vor der Tür, der Leerstand steigt, aber auch die Obdachlosigkeit. In dem Song gelingt dem Paar eine Flucht in den Tanz, aber die ist natürlich nur temporär. Wie wichtig derlei Hoffnung ist, zeigt indes der Schlusstrack. „We’ve Come Too Far To Turn Around“ ist ein mit Norah Jones eingespielter, warmer, berührender Gospel über die Kraft der Resilienz.
Es sind diese Pole, zwischen denen sich das 16. Studioalbum von Lucinda Williams bewegt. Wie singt man über ein Land, das sich in Auflösung befindet? Und, wichtiger: Was kann man dem entgegensetzen? Einer allzu genauen Antwort enthält sich die Songwriterin, wohl aber sind zahlreiche Songs als Kommentare zur Zeit zu lesen. „Somethings Gotta Give“ erzählt von der Dunkelheit, von der Wut und dem Schmerz dieser Tage, während „How Much Did You Get For Your Soul“ von der Käuflichkeit berichtet. Gemeinsam mit Mavis Staples covert Williams Bob Marleys „So Much Trouble In The World“, während es in „Freedom Speaks“, gesungen aus der Sicht der Freiheit, heißt: „Stand up and fight!“
Musikalisch bleibt Williams dabei nahe an dem kernigen Americana-Sound, den sie seit Jahrzehnten perfektioniert: Ein trockenes Schlagzeug und knarzige Gitarren lassen viel Raum für ihre brüchige, eindringliche Stimme, produziert wurde das Album erneut von Tom Overby und Ray Kennedy, die den Songs einen rauen, unmittelbaren Live-Charakter lassen. Und falls das jetzt zu bedrückend klingt: Die Freude am Eskapismus, den nur ein Song bieten kann, hat Williams nicht verlernt, nachzuhören im wehmütig schwebenden Bar-Schunkler „Low Life“. „This is a low life. Have a hurricane“, gibt sie uns hier mit, während sie ihre Münzen in die Jukebox wirft, um Slim Harpo zu hören. Ein Hurricane ist übrigens ein vor allem in New Orleans verbreiteter Rum Cocktail, er wärmt und beruhigt.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



