Oasis Definitely Maybe („Chasing The Sun“-Edition)


Big Brother Recordings/Indigo 16.05.

„Chasing The Sun“ heißt die Reihe, unter der Oasis ihre ersten drei Alben wiederveröffentlichen. Die Zeile ist dem Refrain vom DEFINITELY MAYBE-Albumtrack „Slide Away“ entnommen und könnte nicht programmatischer für die Intention von Oasis stehen, mit der sie vor 20 Jahren aus dem Stand die größte Band Europas – und bald darauf für eine kurze Zeit: der Welt – werden sollten. „Now that you’re mine, we’ll find a way of chasing the sun. Let me be the one that shines with you. In the morning we don’t know what to do.“ Das war der Ansatz: Es einfach zu machen. Ohne Rücksicht auf den Morgen danach.

„You gotta make it happen“, war dann auch der lakonische Refrain von „Cigarettes & Alcohol“, der vierten Single-Auskopplung aus dem Album. Danach hätte auf Wunsch der Plattenfirma noch besagtes „Slide Away“ als Single erscheinen sollen, doch Band-Chef Noel Gallagher weigerte sich: „Du kannst doch nicht fünf Singles aus einem Debütalbum veröffentlichen!“ Die Welt musste auch erst mal durchatmen nach „Supersonic“, „Shakermaker“, „Live Forever“, „Cigarettes & Alcohol“.

Seit den Sex Pistols hatte keine Rockband die Jugend mehr so flächendeckend wachgerüttelt: Hör auf zu jammern! Geh nach draußen! Das Credo war „I’m feeling supersonic, give me Gin & Tonic“ oder „You could wait for a lifetime to spend your days in the sunshine – you might as well do the white line“. Irrsinnig simpel, unbeholfen gereimt, teilweise idiotisch, ganz bestimmt nicht pc, aber kontrovers und eskapistisch. So muss Rock’n’Roll sein. All das über ein Amalgam aus Beatles-Referenzen, Glamrock-Riffs, Psychedelia, haushohen Gitarren, die – anders als später – immer noch stark vom Shoegaze inspiriert waren, und ein kratziges Feedback-Rauschen, mit dem Co-Produzent Owen Morris das Album unterlegte. Eine Metapher für den Dreck der Straßen Manchesters, auf denen Noel und sein Sängerbruder Liam aufgewachsen waren. Und so durchzieht das ganze Album neben seinem Optimismus auch eine Aggression – eine Entschlossenheit, sich das gute Leben jetzt endlich zu krallen.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wird diese epochale Platte nun also neu aufgelegt. Und zwar, wie man das im Zeitalter des Have it your way eben so macht, gleich in verschiedenen Versionen: Einmal gibt es das Standard-Album ohne jeden Schnickschnack, dafür aber remastered (so viel dazu: Joah, mit etwas Fantasie klingt das Album jetzt noch druckvoller), als CD und Download. Die „Special Edition“ auf drei CDs umfasst neben der Platte und der majestätischen One-off-Weihnachtssingle „Whatever“ alle B-Seiten der ausgekoppelten Singles, unveröffentlichte Demos, Alternative Mixes und Live-Songs, sowie den „Sad Song“, der ursprünglich nur auf der Vinyl- und der japanischen Version des Albums erhältlich war. Das LP-Äquivalent enthält einen Download-Code zum eben genannten Bonusmaterial. Dann gibt es das „Super Deluxe Boxset“, das alles bisher Aufgelistete enthält, sowie eine „Supersonic“-Single auf 7”-Vinyl, und dazu noch mit Merchandise wie Aufklebern, Bildern, Postkarten, einem Schlüsselanhänger und einer Einkaufstasche mit Zitat aufwartet.

Vom größten Interesse sind freilich die (wieder-)ausgegrabenen Extras. Denn was hier versammelt ist, lässt einen Fan sich wirklich supersonic fühlen. Zum ersten Mal dem freien Markt zugänglich gemacht werden Tracks aus dem legendären 1993er-Demotape „Live Demonstration“ der Band (die in Zusammenarbeit mit der Liverpooler Band The Real People entstandene Kassette mit dem verschwurbelten Union Jack hinter dem bald ikonischen Schriftzug des Bandnamens), von der es ursprünglich nur acht Kopien gab, wie die Demos von Albumopener „Rock’n’Roll Star“, der späteren B-Seite „Cloudburst“ und dem nicht ganz zu Recht verworfenen „Strange Thing“. Gesangslinien, Arrangements und Songstrukturen unterscheiden sich zwar nicht radikal von den Endergebnissen, doch was diese Aufnahmen unterhaltsam macht, ist die noch etwas unsichere Stimme vom späteren Turbo-Egomanen Liam Gallagher. Weniger von sich selbst überzeugt kann man markige Zeilen wie „Look at you now, you’re all in my hands tonight“ kaum singen. Auf einer in Schottland aufgenommenen Liveversion von „Supersonic“ ist er fast nicht zu erkennen.

Seit Jahren beschwert Liam sich über seine Gesangsqualität aus jener Zeit. Hauptproduzent Mark Coyle kann das nicht verstehen: „Diese Frische, diese Jugend in seiner Stimme – ich glaube nicht, dass er jemals besser geklungen hat.“ Auch charmant und bezeichnend dafür, mit wie viel Witz die Gebrüder Gallagher immer schon ausgestattet waren, ist das Intro einer Fassung von „Live Forever“, die in einem Pariser Plattenladen aufgezeichnet wurde. Da kündigen die beiden Brüder abwechselnd fünfmal den Song an – eine Veralberung ihrer chaotischen Bühnenansagen, bei denen sie einander ständig ins Wort fielen. Noch besser: „Shakermaker“ aus derselben Session, in dem Liam freimütig den Text des New-Seekers-Oldies „I’d Like To Teach The World To Sing“ singt, von dem der Song abgekupfert ist.

„Noch in 20 Jahren wird man DEFINITELY MAYBE kaufen und seine eigentliche Bedeutung zu schätzen wissen. Nur das ist wichtig“, sagte Noel Gallagher im August 1994. Er hatte recht. Und er wäre auch richtig gelegen, hätte er den Satz über das die Welt erobernde Folgealbum (WHAT’S THE STORY) MORNING GLORY? gesagt, das später im Jahr in ähnlicher Opulenz wiederveröffentlicht werden soll. Vielleicht mit dem verschollenen Knebworth-Konzertfilm? Und dann kommt noch das Drittwerk BE HERE NOW, von dem sowohl Band als auch Fans betrüblicherweise weitgehend Abstand genommen haben – was das ebenfalls noch für 2014 angekündigte Re-Release hoffentlich korrigieren wird.

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