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Stormzy Heavy Is The Head


Warner (VÖ: 13.12.2019)

Timing ist im HipHop alles, Stormzys Timing ist perfekt: Am Morgen nach der Nacht, in der aus dem Clown Johnson König Boris wurde, veröffentlicht der Rapper HEAVY IS THE HEAD. Der politische Kater ist heftig, doch für Stormzy kommt er nicht überraschend: Er inszeniert sich sofort als Gegenkönig. Auf dem Cover zeigt er seine Muskeln, trägt eine Krone mit den Initialen des Albumtitels und blickt auf die Weste, die Banksy ihm auf den Leib geschnitten hat.

Banksy ist nicht die einzige britische Institution, die den Rapper umschmeichelt: Auch der Bischof von Canterbury und der Vizekanzler der Uni Cambridge bewundern ihn. Stormzy strotzt daher vor Stärke – das ist für Menschen im HipHop eine riskante Ausgangsposition. Aber dieser Rapper reflektiert, und er reflektiert heute mehr als noch vor zwei Jahren, als seine Twitter-Postings auch mal schwulenfeindlich und dämlich waren. Stormzy hat sich dafür entschuldigt, und zwar ohne Wenn und Aber. Auch das ist eine Qualität.

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HEAVY IS THE HEAD beginnt großmäulig, die Wende erfolgt am Ende des zweiten Tracks „Audacity“, die Beats stoppen, es bleibt die Stimme: „When Banksy put the west on me / It felt like God was testing me.“ Klassischer Stoff, ein Erdenbürger erhält eine Insignie, die ihn stärker macht als je zuvor. Es folgt „Crown“, Stormzy singt mit Soul in der Stimme „searching every corner of my mind / Looking for the answers I can’t find“, auf die Zeile wäre Noel Gallagher auch gerne gekommen. Aus dem Track trieft viel Selbstmitleid, aber er ist brillant: traurig und tröstlich, mit Gospel-Chor und perlendem Piano. Der Song ist die Nummer für die Karaoke-Bar, auch dort will sich Stormzy als einer der größten Popstars der Insel positionieren.

Jemand, der sich in diesen flachen Gewässern der Popkultur auskennt, ist bei „Own It“ dabei: Ed Sheeran, in Großbritannien eine Figur jenseits des Geschmacks, ein Phänomen. Das Stück hat einen Beat, aus dem Sommerhits gezimmert werden, für den Schatten sorgt Stormzys Stimme. Nötig hätte er solche Mainstream-Anbiederungen nicht, sein bislang größter Hit ist das abstrakte Grime-Meisterstück „Vossi Bop“, das nicht nur wegen der „Fuck Boris“-Stelle in einem ganz anderen Regal steht als das typische Chart-Futter. Aber Stormzy will jetzt alle erreichen – und niemanden enttäuschen. Der 90s-Rap-Revival-Song „Rachael’s Little Brother“ und „Superheroes“ handeln von Rassismus und Black Empowerment. Politik und Bildung, Kunst und Karaoke: In Großbritannien führt kein Weg an Stormzy vorbei, er ist die Gegenstimme zum Tory-Triumph und rüttelt an King Boris’ Thron.

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