The Avalanches Wildflower


XL/Beggars/Rough Trade

von

Bitte nicht erschrecken: Wir schreiben das Jahr 2016! Und nach etwas Wartezeit, in der unter anderem Auto-Tune allen Ernstes als legitime Pop-Vokalisierungs-Methode angesehen und sogar neue Platten von Guns N’ Roses, Prefab Sprout und Aphex Twin veröffentlicht wurden, erscheint endlich das neue Album von The Avalanches – der Nachfolger ihres erstaunlichen Debüts von 2000.

Erstaunlich war an SINCE I LEFT YOU (neben dem prophetischen Titel), dass es aus ca. 3.500 Samples zusammengebaut wurde – aus Offensichtlichkeiten von Madonna und Boney M., aber vor allem aber aus Schnipseln aus 350 Genres, Soundtracks, Kinderschallplatten, Naturaufnahmen. Ein spätes (Mani-)Fest des Sampelns und Cuttens, der „Plunderphonics“, die in den 90ern ihre Hochphase mit Werken wie DJ Shadows ENDTRODUCING .…. gefeiert hatte.

Noch erstaunlicher war, dass dieser fast assoziativ wirkende Endlosmix, in dem selbst die eindeutigen Hooks nur kurz herausblitzten, als Popplatte funktionierte. Eine romantische obendrein. Das Erstaunliche an WILDFLOWER wiederum ist, dass es sich von seinem 16 Jahre alten Vorgänger kaum unterscheidet. Auch scheint es, als ob sich in dieser Zeit so gut wie nichts bewegt hat, das uns The Avalanches mit anderen Ohren hören lässt.

Sollen wir darüber reflektieren? Lamentieren? Oder uns lieber treiben lassen über diese Wildblumen-Wiese, durch die ein sonniger Vibe weht wie durch alle Beach-Boys-Platten zusammen – mit tirilierenden Querflöten, Harfen-Glissandi, hochgestrichenen Violinen, E-Piano-Klimpereien, inhaltsbefreiten, aber vokalreichen Chorverlautbarungen und Vogelgezwitscher? Wo geloopte 60s-Soul-Chanteusen beim Wörtchen „Sunshine“ verhaftet werden und der Auftritt einer Akustikgitarre tatsächlich mit Wellenrauschen unterlegt wird. Wo Psychedelia nichts ahnt von schlechten Trips. Und der nächste Saturday-Night-Life- oder Motown-Bass ist garantiert auch nie zu weit weg.

Gut, es wird ca. 98 Prozent mehr gerappt auf WILDFLOWER als auf SINCE I LEFT YOU. Wenn Danny Brown, MF Doom und Biz Markie (als „Noisy Eater“!) ihre Sprechblasen füllen und alles übermütig wie eine 50s-Cartoon-Lokomotive losdampft, klingen The Avalanches sogar wie die Gorillaz. Und die Vorab-Single „Frankie Sinatra“ will mit ihrem Dancehall-Bumms unter dem 40s-Calypso-Sample tatsächlich ein bisschen mehr Hit sein, als es „Since I Left You“ und „Frontier Psychiatrist“ je waren. Aber das versendet sich schnell in diesem süßem Stream of Endless-Summer-Pop. Wie sich auch die Gastauftritte von nur guten Leuten wie Toro Y Moi, Warren Ellis oder Father John Misty schon versendet haben, bevor man sie überhaupt als solche erkennt. Vermutlich liegen die irgendwo zwischen den Blumen und stehen nicht mehr auf.


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