The National – Alligator

Manchmal ist ein einziger Song in der Lage, die ganze andere Musik einer Band zu überlagern, von dem Moment an, da er die Welt betritt. „All Polled-Up In Straps“ vom letzten Jahr (auf dem National-Mini-Album CHERRY TREE] konnte einem die Tränen in die Augen treiben, ein Hymnchen, so rein und fein; nie war Sänger Matt Berninger näher an Stuart Staples von den Tindersticks. Aber ein perfekter Song ist ein perfekter Song. Am liebsten würde ich jetzt schreiben, daß die Band aus New York genau an dieser Stelle weitermacht, daß wir es folglich mit einem Meisterwerk jüngerer Melancholia zu tun hätten. So einfach liegen die Dinge aber nicht. Und vielleicht ist das gar kein Fehler. Berninger erzählt seine Geschichten über Plattensammlungen, seltsame Freunde, über Verzweiflung und Verlangen, er schickt ein „I’m so sorry for everything“ an sie („Baby Well Be Fine“), er tut das mit einem Quentchen Understatement, und umso großartiger sind dann die Momente, in denen die Band die Kurve aus dem Schrabbelgitarrengarten kratzt, geradeaus in die goldenen Harmoniewechsel, die in 100.000 Köpfen spielen könnten, wenn, ja wenn diese Band zur richtigen Zeit in den richtigen Medien auftauchen würde. Mit jedem Hördurchlauf mehren sich doch die großartigen, die traumhaften, verträumten Momente, sie addieren sich zu etwas, das noch nicht recht auszumachen ist. ALLIGATOR vermag den Hörer im besten Sinne einzulullen, eine Platte wie aus einem Guß, kaum, daß man einen Song vom nächsten zu trennen wüßte. Bis auf „The Geese Of Beverly Road“ – so klingt das, wenn The National Punkrock in ihre eigene Sprache übersetzen. Hier beginnt wieder ein neues Buch.

VÖ: 11.4.

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