Album des Monats

Tocotronic Nie wieder Krieg


Vertigo Berlin/Universal (VÖ: 28.1.)

von

Als die Nacht am tiefsten war, kamen Tocotronic und breiteten eine warme Decke über uns. Im mistigen Pandemiefrühling 2020 veröffentlichte die größte deutsche Rockband, die nie deutsche Rockband sein wollte, den Song „Hoffnung“. Und vielleicht, weil das so gut geklappt hat; weil dieses schöne, von Streichern getragene Stück, in dem uns niemand künstlich beruhigen oder agitieren wollte, tatsächlich Trost durch Empathie und ehrliche Komplizenschaft spendete, veröffentlichen Tocotronic nun ein ganzes Album voller „Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, seelische Zerrissenheit und existenzielles Ausgeliefertsein“, wie die Band im Statement zu ihrem 13. Album NIE WIEDER KRIEG schreibt.

Hier liegt der Trost im Ritual

Wenn dann im gleichnamigen Opener die Kirchenglocken läuten, während Dirk von Lowtzow feierlich eine Geschichte erzählt, die eher von Kriegen des Inneren als sozialen Konflikten handelt – dann weiß man gleich, was die Stunde geschlagen hat: Hier liegt der Trost im Ritual. NIE WIEDER KRIEG klingt weder wie ein altes noch wie ein neues Album von Tocotronic, sondern wie eine liebe, weichgezeichnete Erinnerung ans Tocotronic-Hören.

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In den vergangenen Jahren hatte die Band mit jedem Album sehr vorsichtig, aber doch merklich neues Terrain betreten, ob sie auf dem ROTEN ALBUM den Pop stürmisch wie nie umarmten oder auf der späten Coming-of-Age-Platte DIE UNENDLICHKEIT die Abstraktion mal Abstraktion sein ließen. Nun aber klingen Tocotronic, als fahren sie ihre alten Tricks auf – mit der Gelassen- und Weisheit einer Band allerdings, die ihre eigene Geschichte als Fundgrube statt als Last betrachtet. Auch, wenn diese Geschichte vielen Menschen die Welt bedeutet.

Da sind die Sonic-Youth-haften Dissonanzen in „Komm mit in meine freie Welt“, die Tocotronic-typischen, fein gedrechselten Schlaubergereien („Wir gehen unter / Ferner Liefen / In die Geschichte ein / Das muss dir klar sein / Wenn du dich mit uns einlässt …“), die Larmoyanz der Anfangstage, die heute ohne selbstironischen Stoßseufzer performt wird, aber immer noch mit hübschen Alltagsbeobachtungen (siehe: „Ich hasse es hier“). Und ja, die „Hoffnung“ hat es, ganz wortwörtlich, auch auf die Platte geschafft.

Die unerwartete Rückkehr der Band zu T-Shirt-Aufdruck-würdigen Slogans

NIE WIEDER KRIEG ist die Essenz dieser Band, wie sie in den Köpfen vieler (vielleicht: der meisten?) Fans existiert, dabei durchaus mehr als routinierte Mythosverwaltung, denn die vier haben wie immer fantastische Melodien aus den Pulliärmeln geschüttelt. Und doch sieht man hier diese Gruppe, die immer so viel beweglicher, so viel quecksilbriger als das Gros ihrer Szene-Kollegen in Deutschland war, erstmals zum Monument geronnen.

„Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ steht auf der schlichten Plakette am Denkmal, das die linke Bewegungsjugend von heute etwas ratlos beguckt, während die anderen Besucher stehen und staunen: über Arne Zanks peitschendes Schlagzeug in dieser schönen, simplen Single; über die unerwartete Rückkehr der Band zu T-Shirt-Aufdruck-würdigen Slogans, überhaupt darüber, dass einen das Stück über Jugendträume und Skateboards nach dem ersten Anachronistisch-finden-Wollen doch noch kriegt – weil Tocotronic hier zwar die offensichtlichen Knöpfe drücken, aber halt auch die richtigen, und daran auch ganz offensichtlich Freude haben. Noch toller (oder eher: ganz anders toll) wird es, wenn im Song „Ich tauche auf“ die wundervolle Soap&Skin den Marmorsockel des Denkmals betritt. Doch, man könnte sagen, NIE WIEDER KRIEG ist ein Pilgerort. Aber es ist ein verdammt schöner.


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