Popkolumne, Folge 150

Trainingsjacken & Theater: Wer braucht heute noch Tocotronic?

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Ganz vorne hingestellt in die Kolumne gehört dieser Drei-Wort-Satz:

Ich liebe Tocotronic.

Eine solche Liebesbekundung soll hier so prominent stehen, denn es mag sein, dass es an der einen oder anderen Stelle dieser Kolumne die Anmutung haben könnte, als hätte ich ein Problem mit dem verwuschelten Pop-Phänomen. Oder zumindest immer viel zu kritisieren. Möglicherweise ist dem auch so, doch wenn ich Kritik an Tocotronic habe, dann ausschließlich weil ich sie so liebe. Das klingt für euch nach einer ziemlich ungesunden Beziehung? Haargenau! Willkommen also bei der neuen Popwoche.

Fotokopierter Promo-Aufkleber aus den Neunzigern. Gezeichnet nach Meinung des Autoren von Dirk von Lowtzow selbst

Es wird hier um Tocotronic gehen, oh ja, Leute! Und natürlich spielt auch diese neue beziehungsweise dreizehnte Platte NIE WIEDER KRIEG eine Rolle. Wer allerdings Bock hat auf eine XL-Besprechung jener aktuellen Veröffentlichung, der oder die möge woanders danach schauen (und ganz sicher fündig werden). Ich stelle angelehnt an den Tocotronic-Song „Vier Geschichten von dir“ schlaglichtartig einige Momente zusammen, die ich mit dieser Band verbinde. Viel Glück!

Der Januar (2010 / 2013 / 2018 / 2022)

Der Januar ist der bevorzugte Veröffentlichungsmonat für Tocotronic. Der Vorteil: Die Musikindustrie schläft noch und gibt in den ersten vier Wochen des Jahres gemeinhin noch nicht ihre Hochkaräter raus. Die bleiben traditionell dem Frühjahr vorbehalten. So gibt es im Januar also weniger uneinholbare internationale Konkurrenz zur VÖ eines neuen Albums – und Tocotronic haben offensichtlich Gefallen an der Möglichkeit gefunden, dass sie das in der Release-Woche mitunter auf Platz Eins der deutschen Charts schieben kann. Mit SCHALL UND WAHN (2010) sowie DIE UNENDLICHKEIT (2018) gelang den braunhaarigen Liebesperlen dieses Kunststück. Ob es bei NIE WIEDER KRIEG nun noch einmal so sein wird?

Der Pilz (2022)

Alles, was Dirk von Lowtzow sich an Lingo zu eigen macht, klingt irgendwie bedeutsam. Auf dem roten Album sang er in „Rebel Boy“ die REWE-Romantik vom „Treueherzen sammeln“ – und das machte neben dem ersten Befremden doch auch wieder wuschig. Auf NIE WIEDER KRIEG findet sich solcher Naturalismus vor allem in dem Stück „Ich hasse es hier“ und geht so:

„Wie eine Pizza, die man aufzupeppen versucht / mit Dosen-Champignons / hab ich keine Chance“.

Champignos auf Chance reimen? Garantiert verboten, umso erstaunlicher, dass es hier trotzdem aufgeht. Denn das Stück mit Steelguitar- und Lemonheads-Anmutung blüht besonders an dieser vermeintlich kruden Stelle auf.

Der Panther (2008)

Ich verschenke das Toco-Shirt mit dem schwarzen Panther vorne drauf, ein Promo-Item aus der Zeit von „Let There Be Rock“. Ich höre mich sagen, es sei mir zu groß. Was war damals bloß mit mir los?

Der Kuss (2010)

In der legendären Hamburger Bar „Mutter“ küsse ich einen Typ, der mal mit der ersten Hamburger Freundin von Dirk von Lowtzow (geboren in Offenburg) liiert war. Als ich das erfahre, muss ich grinsen. Um drei Ecken also quasi mit jenem vornehmen Sänger geknutscht? Schade eigentlich, dass man sowas niemals in eine Pop-Kolumne über Tocotronic schreiben könnte. Aber schon okay. Geht einfach zu weit beziehungsweise ist zu creepy.

Der Rant (2005)

Köln irgendwann nachts, hoch die Hände Wochenende. Ein warmer Abend. Alle stehen draußen vor den Clubs. Ich auch. Ich rauche und trinke, während Dirk von Lowtzow aufgeregt auf mich einspricht. Ich verhehle es nicht: Mit einer anderen Tonspur wäre das für mich DIE Nacht des Popjahres gewesen, doch leider macht Dirk nur wortreich seiner Empörung Luft, dass Tocotronic mit dem Doppel-Cover des Intro-Magazins (bei dem ich zu jener Zeit Redakteur bin) nicht zufrieden ist. So viel ich verstehe, hadert er mit der Zentimeter-Größe seiner Band auf dem Titelbild, das sich die legendären Indie-Enten mit den Aufsteigern des Jahres, Bloc Party teilen mussten. Seine Band verlöre sich „in der Flucht“, wäre weit weniger groß zu sehen als die Engländer – und überhaupt, wenn man mit Magazinen nicht alles schriftlich ausmachen würde!

Angefangen hat Dirk dieses Gespräch mit meinem Kollegen, dem damaligen Chefredakteur des Intro-Magazins, der hatte sich allerdings genervt zur Bar entschuldigt und war nie wiedergekommen. Plötzlich bemerke ich, dass Dirk mich wirklich ansieht und nicht nur bloß weiter seinen begonnenen Rant bei mir parkt. Er kneift die Augen zusammen, sagt: „Wer bist Du eigentlich?“

Tocotronic verloren in der Flucht (Intro Magazin #124, Februar 2005)

Das Berlin (2012)

Ich sehe Tocotronic 2012 auf dem Berlin Festival. Sie spielen spätnachmittags. Es wirkt nicht nur dinstiguiert, sondern auch distanziert. Festival-Alarm, Wall Of Death, „und jetzt nur die Frauen!“ … das ist nicht das Metier dieser Band. Was gleich noch deutlicher wird. Denn danach spielen Kraftklub, die in dem Jahr gerade durch die Decke geschossen sind. Auf der und um dieselbe Bühne herum ist plötzlich soviel mehr Euphorie los: Nebelkerzen, Aufregung, Adrenalin, Moshpit. Der maue Tocotronic-Gig verblasst noch mehr. Ich denke damals, das war’s jetzt wohl mit der Band und habe (zum Glück) Unrecht. Dennoch hat der Auftritt gezeigt, Musik für junge Leute machen längst andere.

Der Mann (1996)

Ich studiere an einer Technischen Hochschule – in dem Odenwald-Kaff Darmstadt. Als ich dort hinziehe, ist der erste Gag, der mir aufgetischt wird, erschreckend zutreffend:
„Darmstadt – mehr Darm als Stadt“

Ich höre damals Hardcore, also möglichst laute und harte Musik, begleitet von unfassbar martialischen Männlichkeitsinszenierungen – von Henry Rollins über die Band Slapshot bis hin zu dem Steinbeißer von „Die Unendliche Geschichte“. Also wenn der Musik gemacht hätte. Es geht mir um Subversion, Underground, Anti-Alles und letztlich wohl vor allem um Selbstfindung. Mich in den Macker-Musikern meines CD-Spielers zu entdecken, scheint allerdings mehr als schwierig. Ich bin linkisch, dauernervös und die damalige Baggy-Mode schlottert an mir wie herabhängende Fleischfetzen an einem Döner-Spieß.

Das Krafttier, das mich aus der Testo-Hölle herausholt, wird Arne Zank sein. Der mit der Brille von Tocotronic. Er spielt das „männlichste“ Instrument einer Rockband, das Schlagzeug. Zwirbelt sich außerdem ständig manisch verlegen die Haare und verkörpert nichts von dieser aufgeschäumten Männer-Existenz, die einem Biohazard vorgeben. Dennoch macht seine Band die weit interessantere Musik, die aber trotz der schmächtigen Körperbilder der (damals noch) drei Tocos durchaus angriffslustig, kraftvoll und fordernd erscheint.

So geht’s also auch, denke ich, und bin ganz glücklich.

Das Schlagzeug (1996)

Klar, man könnte denken: Arne der Streber. Arne das Wunderkind. Da hat er halt immer getrommelt im Keller, all die Jahre, wo die anderen draußen spielen waren und jetzt ist er so ein Drum-Crack, das man eben nicht an ihm vorbeikommt. Doch auch hier: Fehlanzeige.

Auf der ersten Platte, auf DIGITAL IST BESSER von 1995 ist viel mehr noch der Posten „Schlagzeug-Coach: Stephan Mahler“ vermerkt. Arne brauchte damals also Hilfe am Instrument. Der gern zitierte Dilletantismus der frühen Jahre ist keine Fassade, der Shit war real – und unterstreicht nur noch mehr, wie sehr Ausstrahlung und Ideen eben eine gute Band ausmachen. Wer beeindruckendes „Handwerk“ will, soll über die Fähigkeiten der Typen mit Progrock-Alben staunen. Aber ob Tool und Dream Theater wirklich auch so faszinierende Drummer wie Arne Zank haben? Daran ist zu zweifeln!

Die freie Welt (2022)

„Komm mit in meine freie Welt“ von der aktuellen Platte NIE WIEDER KRIEG halte ich für eins der stärksten Tocotronic-Stücke der jüngsten Zeit und überhaupt. Stimme und Sound besitzen etwas Scharfkantiges. Eine vertonte Verheißung, die einen über Glas laufen lässt. Wo kommt man raus? Was ist das, „eine freie Welt“? Nun, die Tatsache, dass man sich eine solche anhand des Songs überhaupt mal zu imaginieren traut, rechne ich dem Song hoch an.

Die Schinken Omi (2009)

Eins meiner persönlich liebsten Toco-Interviews ist leider nur ein Fake und stammt aus der Zeitschrift Schinken Omi. Es beginnt wie folgt:

Dirk: Wie soll es einem schon gehen in einer Welt ohne Poesie
Arne: Danke gut.
Jan: Wo bin ich?

Darin finden sich ebenfalls folgende Zeilen…

 Dirk: Besitz ist ja auch Ballast. [minutenlange Pause]
Jan: Was ich noch sagen …
Dirk [scharf]: Ich war noch nicht fertig! [wieder Pause, dann:] Ballast ist auch Besitz.

Die Band Monotronic (2010)

Tocotronic werden im Mickey-Maus-Magazin verewigt. Dort fungiert eine an sie angelehnte Band unter dem Namen Monotronic und singt kongenial affirmierte Toco-Zeilen wie „Zu leben fällt mir schwer / Die Teetasse ist leer“ oder auch „Mein Haar ist braun / Ich mag’s nicht anschau’n“.

Die Micky Maus (2012)

Einmal im Mickey-Maus-Magazin auftauchen, dürfte für fast jeden in der westlichen Welt sozialisierten Mensch ein schillerndes Highlight darstellen. Hinsichtlich Jan Müller sollte man allerdings die Latte noch etwas höher hängen. Immerhin hat jener mit seinem Projekt Dirty Dishes (u.a. mit Rasmus Engler von Herrenmagazin) doch selbst einmal Donald verkörpert! Stand ihm gut.

Das Digitale (1999)

Die Sozialen Medien haben uns ganz neue Schnittstellen mit unseren Lieblingsband geöffnet. Wenn man Smudo verlinkt, muss man damit rechnen, er sieht das vielleicht sogar, oder Mine gibt deiner Mention auf Instagram ein Herz, oder ein Künstler teilt gar mal einen besonders schönen Fan-Approach.

Von wem dagegen niemand in diesem Online-Zirkus Likes oder ein Gesehen-Werden erwarten sollte: Tocotronic.
Tocotronic bleiben bei ihrer Fankommunikation in der neuen wie schon in der alten Zeit eine Einbahnstraße.

Dirk von Lowtzow: „Bei der letzten Tour habe ich von Leuten gehört: ‘Es kommt mir vor, als würde ich dich total gut kennen.‘ Das beängstigt einen schon.“
Arne Zank: „Schon erschreckend, wenn man denkt, was gibt man denn überhaupt für ein Bild ab, wenn die alle denken, man wäre jetzt der Kumpel von ihnen?“
(Auszug aus einem Interview, das ich mit der Band im Jahre 1999 zu dem Album KOOK führte)

„Daß dieser Stumpfsinn heilsam ist“ – Tocotronic-Interview 1999

Das Digitale II (1999 fortlaufend)

Wenn Tocotronic sich ihrer Plattformen und Follower bemächtigen, dann stets bloß mit anlassgebundenem Mail-Out-Charme: „Hi Freaks, unsere neue Platte erscheint usw.“ Man kann sicher sein, hier schreiben dir die Künstler nicht selbst. Mit der notwendigen Selbstvermarktung einer Band der Social-Media-Ära hat man sich nie angefreundet – und so klingen die Ansagen an die Community, die lange begonnen wurden mit „Hi Freaks“ und sich heute eingedampft finden auf „Freaks*“, seltsam leer. Online sind Tocotronic irgendwie eine Bandansage. Also nicht Bänd – sondern Band.

Limited-Edition-CDs – im Besitz des dadurch allein schon sanierten Autoren

Das Duett (2021)

Das Duett mit Soap&Skin und das Video dazu. Ganz ehrlich, ich kann mir das schlecht anschauen. Momente, in denen ich mich auf diesen Clip einlassen kann, werden immer wieder erodiert von Fremdscham und Augenrollen. Und das möchte ich Tocotronic wirklich ganz hoch anrechnen.

No joke. Es gibt diverse Lieblingsbands, die immer noch Platten veröffentlichen, diese sind letztlich aber nichts anderes als ein Türöffner für die nächste Tournee. Auf der die neuen Songs höflich abgewartet werden, aber eigentlich hat man sie sich ja doch nicht mehr wirklich draufgeschafft. Lady-Gaga-Alben würde ich so einschätzen, Foo Fighters, Coldplay, die Liste ist endlos. Das muss nichts Schlechtes sein, es ist eine stillschweigende Übereinkunft langlebiger Bands mit ihrem Publikum: „Wir sind selbst älter und unbeweglicher geworden und interessieren uns einfach nicht mehr für das, was ihr jetzt macht, aber lieben euch trotzdem noch. Kommt gern mal wieder in die Mehrzweckhalle, kann man gut parken, wir kommen mit unserem stinkhässlichen SUV.“

Nicht so bei Tocotronic – oder zumindest nur bedingt. Denn ich kenne kaum eine andere deutschsprachige Band, deren Output jedes Mal wieder Teil einer Diskussion ist, jedes Mal wieder von Interesse. Über DIE UNENDLICHKEIT (2017) habe ich mich gestritten mit Freunden und über diese Liebesplatte, das Rote Album (2015) und jetzt, wo NIE WIEDER KRIEG rauskommt, möchte ich von jedem meiner friends ihre Meinung dazu wissen und ihnen meine aufdrängen. Leute vermeiden mich dieser Tage bereits.

Der Volksmusik-Grind (2021)

Möglicherweise habe ich letztes Jahr in dieser Kolumne folgende Zeilen über den kontemporären Sound von Tocotronic geschrieben:

Meine Mutter hat früher geweint, wenn ich im Jugendzimmer mal wieder „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ von Tocotronic auf zehn und in Endlosschleife laufen ließ. Könnte sie dagegen „Ich tauche auf (Feat. Soap&Skin)“ hören, sie würde mir wohl sagen: „Alter, wie wenig willst du denn noch flexen mit deinem neuen Volksmusik-Grind?“

Unmöglich! Aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen: Ich habe diese Zeilen auch genauso gemeint.

Die Flügel (2019/2020)

Raus aus der Familie, hinein in die Welt.

Bassist Jan Müller und Drummer Arne Zank sind über die letzten Jahre abseits von Tocotronic aktiver geworden. Arne veröffentlichte sein Comic-Buch „Die Vögel – fliegen hoch“ (Ventil Verlag) und dreht dafür sehr exzentrische Filme für seinen Instagram-Account @dr.arnezank.  Jan (@janklaasmueller) unterhält mit Reflektor einen der zentralsten Musik-Podcasts des deutschsprachigen Raums. Rick McPhail dagegen hat immer schon parallel in anderen Acts Musik gemacht, daran hat sich auch nichts geändert. Eins der jüngsten Projekte dürfte dabei wohl jenes mit dem Musiker Frehn Hawel sein.

Der YouTube-Clip (2012)

Zwischen dem Intro-Magazin und Tocotronic herrscht schon wieder dicke Luft (siehe Kapitel: Der Rant). Der aktuelle Anlass ist mir nicht mehr präsent, aber mit zwei Freunden beschließe ich, auf dem kleinen Dienstweg via Humor die Stimmung zu kitten. Wir persiflieren Tocotronic und ihre museale Indie-Aura. Bestimmt können sie darüber lachen, denken wir. Und liegen völlig falsch. Jahre später erfahre ich über einen Mitarbeiter ihrer Plattenfirma Universal, die Band habe das damals „ganz und gar nicht lustig gefunden.“

Die Haare / Das Lachen (2022)

Ende gut, alles gut: Das aktuelle Titelbild des Musikexpress zieren Tocotronic. Kein geteiltes Cover, kein Verlieren in der Flucht – einfach klare visuelle Kommunikation. Im Netz kursiert allerdings bald eine Variation dieses Titels. Bei aller Freude an der Realität: Diese Fiktion hier ist noch mal geiler! Danke Thorben Kaiser.

Fälschung (Quelle: Instagram, https://www.instagram.com/s.u.p.e.r.t.i.m.e/)
Original

 

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