UB 40 – Present Arms

Warum ich das Debütalbum von UB 40 SIGNING OFF im ME 11/80 nur mit fünf Sternen bewertet habe, ist mir heute wirklich schleierhaft. Es kann nur an der freiwilligen Disziplinierung meiner Begeisterungsfähigkeit gelegen haben. Zu oft ist man schon einer Platte bedingungslos verfallen, hat sie in den allerhöchsten Tönen gelobt, nur, um sie dann nach ein paar Wochen doch reuig im Plattenschrank verschwinden zu lassen. SIGNING OFF dagegen hat seitdem eigentlich ständig auf meinem Plattenteller gelegen, ist unangefochten an der Spitze meiner privaten Top Ten aller Zeiten vorgedrungen. Doch mit PRESENT ARMS machen sie sich jetzt selbst Konkurrenz.

Was die acht Musiker aus Birmingham hier produziert haben, ist allemal mehr als sechs Sterne wert. Der Begriff Jazz-Dub-Reggae dürfte heute mehr denn je für ihre Musik passen, nur, daß die Jazzanklänge jetzt ein wenig deutlicher zu spüren sind, die klare Anbindung an europäische Verhältnisse noch klarer wird. Und gerade darum kann ich als Europäer mit UB 40 so viel anfangen. Sie können viel eher mein Gefühl treffen als irgendwelche Rastas aus der Karibik. Da kommt es schon mal vor, daß mich ein Songanfang entfernt an die Beach Boys („Lambs Bread“) oder Colosseum („Don’t Let It Pass You By“) erinnert, was meinem unzweifelhaft vorhandenen kulturellen Background optimal entspricht. Problembereiche politischer oder zwischenmenschlicher Natur bestimmen die thematische Linie der Band. Der Anspruch, eine politische Band zu sein, veranlaßte ÜB 40 auch, das Minilabe! Graduate zu verlassen und ihre eigene Firma, DEP International, zu gründen.

Graduate hatte sich nämlich bereiterklärt, für den südafrikanischen Markt das unbequeme Stück „Burden Of Shame“ aus SIGNING OFF zu streichen, was die Gruppe verständlicherweise erbost hat. Hoffen wir, daß ihnen mit ihrem neuen Partner, der multinationalen CBS, nicht wieder ähnliches passiert.