Various Artists C91


Cherry Red (VÖ: 21.1.)

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Aus der arroganten bundesdeutschen Perspektive heraus dachte man Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre gerne, die damals noch regierenden Wochenzeitschriften „NME“ und „Melody Maker“ jagten Woche für Woche neue Säue durchs Königreich, von denen wenige Monate später eh niemand mehr spreche. Heute wissen wir: Nicht wenige „Singles of the Week“ von damals sind heute Klassiker. Mit ihren CD-Sets kompilieren die Londoner Reissue-Spezialisten Cherry Red chronologisch wesentliche Tracks dieser Jahre – wenn auch nicht komplett, dafür fehlen die Rechte für bestimmte Labels.

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Trotz der Lücken: Das Panorama der Boxsets ist groß genug, um auch für Kenner interessant zu sein. Ausgangspunkt der Reihe ist die Box C86, eine Erweiterung der sehr einflussreichen „NME“-Compilation „Class of 86“. Mittlerweile ist Cherry Red im Jahr 1991 angekommen, das rückblickend eine Übergangszeit markiert. Es gibt kein bestimmendes Subgenre, gleich ein halbes Dutzend von ihnen ringt um Aufmerksamkeit.

Das Panorama der Boxsets ist groß genug, um auch für Kenner interessant zu sein

Noch aktiv sind die Baggy-Boys aus Manchester: Northside und die Dylans, Flowered Up und die Honey Smugglers spielen groovige Gitarrenmusik, wie gemacht für verrauschte Wiesenfestivals an englischen Sommertagen. Erst 1992 findet das „Madchester“ Movement ein Ende, die Musik der Acts gilt daraufhin als käsig. Doch das stimmt so nicht, die Idee, Psychedelic-Pop groovy zu spielen, funktioniert weiterhin. Die schönsten Wiederentdeckungen sind das smarte „Pulling My Fingers Off“ von den Wendys, „Stolen Heart“, die groovigste Single des ewigen Geheimtipps See See Rider, sowie „7×7“ von Poppy Factory, einer Band, die vor ihrem ersten Album von der Plattenfirma gedroppt wird, der mit diesem Song aber ein perfekter Indie-Hit gelingt.

Ein 90s-Update für die britische Pop-Vergangenheit

Was die kurze „Madchester“-Phase musikhistorisch besonders macht: Handwerklich eher unbeholfene Indie-Bands stürmen mit ihren Singles die Charts. Im Windschatten dieser kommerziellen Erfolge beginnen neue Acts damit, die bis dahin tonangebenden Indie Schrammelorgien durch differenzierte Gitarrenarbeit zu ersetzen. Noch bevor 1992 die Auteurs und Suede die ersten Britpop-Battle starten, versuchen sich Bands schon ein Jahr zuvor daran, der britischen Pop-Vergangenheit ein 90s-Update zu verpassen.

Die gerne unterschätzten Dodgy sind mit ihrer ersten Single „Summer Fayre“ zu hören, Kingmaker nehmen mit „When Lucy’s Down“ die Kaiser Chiefs vorweg, das ätherische „Them“ stammt von einer talentierten Band aus Irland, die John Peel in seiner Show in hohen Tönen lobt, weil sie einen Sound spielen, der die Musik der Cocteau Twins mit Folk vereint, ihr Name: The Cranberries.

Gegenpol dieses Proto-Britpops sind die englischen Gruppen, die sich dem Lärm hingeben. Daisy Chainsaws „Love Your Money“ ist Fuzzbox-Punk, nicht weit weg von dem Zeug, das heute Amyl & The Sniffers spielen. Und kämen IDLES auf die Idee, „Where’s Me Jumper“ von Sultans Of Ping F.C. zu covern, würde sich niemand wundern: „My brother knows Karl Marx / He met him eating mushrooms in the peoples park.“ Die Manic Street Preachers aus Wales bringen mit „Stay Beautiful“ The Sweet, Poesie und Politik zusammen, The Stairs nehmen 1991 das Garage-Rock- Revival vorweg, wobei ihr „Weed Bus“ belegt, dass Drogenreferenzen Anfang der 90er-Jahre schwer in Mode sind.

Lärm ohne Rockismen

Eine andere Art von Krach bieten die Shoegazer: Lärm ohne Rockismen. Slowdive und Moose, Lush und Chapterhouse – so wie die Namen klingt auch die Musik. Werden diese Bands heute vor allem in den USA beinahe kultisch verehrt, sind die Shoegazer mit Hang zum Alternative Rock in Vergessenheit geraten. Dabei geht von Songs wie „Black Metallic“ von Catherine Wheel oder „Crimson“ von Revolver ein mächtiger Sog aus. Noch besser: „Nadine“ von Levitation, der neuen Band von Terry Bickers, nachdem er die hoch gehandelten, aber schließlich gescheiterten The House Of Love verlassen hat.

Bleiben zwei weitere Sub-Genres der UK-Indie-Szene von 1991: Einmal der Twee-Indie-Pop von Acts wie Heavenly und Blueboy, die die schönsten Melodien spielen, aber trotzdem keinen Erfolg möchten, dafür sind sie viel zu sehr mit ihrer inneren Traurigkeit beschäftigt. Schließlich die Projekte, die Indie-Ästhetik und Modern-Dancefloor zusammenbringen. „Oh Yes“ von Paris Angels klingt windschief, aber charmant. „Nothing Can Stop Us“ von Saint Etienne ist das zukunftsweisendste Stück der Box, das Trio nimmt bereits vieles von dem vorweg, was die Pop-Dekade prägen wird: Kitsch und Camp, Samples und Grooves – und eine große Portion Positivismus, bevor die Stimmung zum Millennium kippt.


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