Rick Springfield


Ein Rick Springfield-Konzert in den Staaten unterscheidet sich vom gleichen Ereignis hierzulande zunächst einmal durch die Lautstärke. Und damit ist nicht etwa die bombastische Schallmauer aus einer Extrem-PA, gemeint, sondern der an die Schmerzgrenze reichende Lärm-Pegel von hübsch zurechtgemachten Fast-Frauen zwischen 12 und 16 (nach wie vor Hit der Saison: bauchnabelfreie „Boy Toy“-Shirts), die schon beim Verdunkeln der Meadowlands Arena loslegen, daß einem Angst und bange wird.

Und Springfield weiß selbst diese Euphorie noch zu steigern, indem er sein Erscheinen genial vorbereitet. Auftritt von rechts: Eine zwielichtige Figur im Trenchcoat, mit Hut und Sonnenbrille und stets mit Rücken zum Publikum, schlendert gen Bühnenmitte zu einer übergroßen, stilisierten TV-Fernbedienung. Während der Finstermann an der Fernbedienung spielt, sieht (und hört) man über die beiden ins Bühnenbild integrierten Video-Screens diverse Kurzausschnitte von Springfield-Videos wie „State Of The Heart“, „Celebrate Youth“ oder auch so Uralt-Schinken wie „Jesse’s Girl“. Plötzlich ein Schnitt auf die tragbare Live-Handkamera, die nun Rick samt Band von der Garderobe auf die Bühne begleitet. 14.000 spielen verrückt.

Und los geht’s: „Celebrate Youth“, „Alyson“, „Written In Rock“, „Bop Til You Drop“ (mit kompetentem Mundharmonika-Solo!)… der Mann strotzt nur so vor Vitalität! Zudem peitscht die Abteilung Rhythmus gnadenlos nach vorne – Curly Smith on drums, (man kennt den Herrn von Jo Jo Gunne und lan Hunter!) und Bassist Mike Seifried (arbeitete mit Tina Turner und Three Dog Night) leisten einen engagierten Job; jenseits von drogem Mietmusiker-Söldnertum. Springfield demonstriert eindrucksvoll die Ergebnisse seiner Heim-Kraftkammer- hechtet vom linken zum rechten Bühnenende und hat in Gitarrist Tim Pierce eine kongeniale Anlaufstelle für diverses Posing, das aber weit ab von irgendwelchen „guitar hero meets lead-singer“-Peinlichkeiten stattfindet.

„Human Touch“ wird wort-wörtlich umgesetzt: Springfield steigt zum Nahkampf ins Publikum und treibt jedesmal seinem Begleiterstab den Angstschweiß auf die Stirn.,,/n Cleveland hätten sie ihn fast zertrampelt,“ erzählt der nervöse Springfield-Adlatus Jab Baird, „wir mußten ihn mit vereinten Kräften da rausholen und ihm ein neues T-Shirt geben; die hatten ’s ihm tatsächlich vom Leib gerissen!“

„State Of The Heart“ ist der erste ruhigere Punkt im Programm und siehe da: Auch in New Jersey weiß man, wie BIC-Feuerzeuge funktionieren. Dann „My Father’s Chair“, jene emotionsgeladene Ballade zum Tod von Ricks Vater, die ohne sirup-klebriges Pathos direkt ins Herz trifft. Springfield spielt den Song solo, am vorderen Ende des Laufsteges sitzend, mit einem tragbaren Mini-Keyboard auf dem Schoß, das oh Wunderwerk der digitalisierten Instrumententechnik – in der Tat wie ein Steinway Grand-Piano klingt.

Damit genug der Melancholie. „Jesse’s Girl“, „Don’t Talk To Strangers“, „Dance The World Away“ (mit der obligaten „Nix Missiles“-Luftballon-Rakete!) und der Hard To Hold-Hit „Love Somebody“ als krönender Abschluß krachen aus den Boxen, daß dem unvoreingenommenen Europäer nie in den Sinn kommen könnte: Hier steht ein Schmalz-Bubi! Doch in den USA kämpft der 36jährige Australier noch immer mit seinem alten Image. Zu allgegenwärtig ist Ricks Soap Opera-Vergangenheit in „General Hospital“-Wiederholungen; zu festgefahren scheint die öffentliche Meinung vom feschen Teen-Star, der in Wirklichkeit schon weit darüber hinausgewachsen ist.

Und so wird’s wohl noch ein Weilchen dauern, bis die vollständige Metamorphose zum substantiellen Pop-Artisten vollzogen ist. Das ist wohl so, als würde Tommi Ohrner kräftig an Reife zulegen und plötzlich seriös werden wollen. Leicht hätt’s der Knabe sicher nicht…