Konzertbericht

So war es bei Charli XCX in Berlin: Die Königin des (Hyper-)Pop

von

Vorbei sind die Zeiten, in denen man für ein Popkonzert auf der Bühne noch so etwas wie eine Liveband braucht. Charli XCX setzte bei ihrer Show im ausverkauften Astra Kulturhaus in Berlin am 30. Mai 2022 auf Musik aus der Dose – und das machte wirklich gar nix. Was zum einen daran lag, dass die Instrumentalversionen ganz offensichtlich auf Live-Wumms gemischt wurden und zum anderen daran, dass Charli XCX die meisten Vocals live sang, obwohl sie bei mindestens jedem zweiten Song in Bewegung war und Choreos tanzte, die derbe auf die Kondition gehen dürften. Man hatte jedenfalls nie das Gefühl, es fehle da irgendwas. Im Gegenteil: Obwohl „nur“ Charlotte Emma Aitchison und zwei unwiderstehliche Tänzer auf der Bühne waren, wurde man in ein knallbuntes, ergreifendes, bisweilen ziemlich verrücktes und durch und durch euphorisches Popkonzert geschmissen.

Und was heißt auch schon „nur“. Charli XCX ist immerhin eine der interessantesten Sängerinnen und Songwriterinnen der Gegenwart – oder eher: der nahen Zukunft, denn viele ihre Kompositionen klingen so, als würde sie regelmäßig zwischen den 80ern und den 2040ern pendeln. Sie gilt als Schöpferin des Hyperpop-Phänomens, das seit einigen Jahren den Puls der Popmusik in hysterische Gefilde treibt. Sie hat mit nahezu allen spannenden Pop-Künstler:innen der vergangenen Jahre zusammengearbeitet (Kim Petras, BTS, Lizzo, Christine And The Queens, Mura Masa, Cardi B, Rita Ora, Lil Xan, Diplo, Icona Pop, Lil Yachty, Mykki Blanco, cupcakKe, Tove Lo u. a.), sie hat mit „how I’m feeling now“ das eine Pandemie-Pop-Album gemacht, das wirklich eines sein will und sie hat zahllose Pop-Banger, die schamlos nach vorne drängen, aber dabei niemals strunzdumm oder effekthascherisch wirken, sondern immer noch einen Twist haben, den man nicht kommen sieht – sei es „Unlock it (Lock it)“, „Vroom Vroom“, „1999“, „Boom Clap“, „Boys“ oder „Good Ones“ vom aktuellen Album CRASH, das vielleicht ihr zugänglichstes ist. Aber, und das merkte man im Astra: Charli hat vor allem eine Fanbase, für die so mancher Act töten würde. Queer, bunt, leidenschaftlich, textsicher, tanzfreudig und voller Liebe für ihre Person und ihre Musik.

Elio ist super, nur ihr Sound war es nicht

Beste Zutaten also für eine gelungene Clubshow – und trotzdem war man ein wenig skeptisch, wie das alles dann auf der eher mittelgroßen Bühne im Astra funktionieren soll. Eine Sorge, die sich noch verstärkte, als der Auftritt der tollen Elio (mit der Charli XCX den Song „Charger“ aufnahm) im vielleicht beschissensten Livesound krepierte, den man in den letzten fünf Jahren gehört hatte. Es war geradezu tragisch, zu erleben, wie ihre tollen Stücke zwischen Indie- und Hyperpop an den zu lauten Drums zerschepperten und vom übersteuerten Mikro zersägt wurden. Außerdem – das weiß man von ihrem Instagram-Account – haderte sie noch mit einer Erkrankung, die sie gerade erst leidlich überwunden hatte. Die Charli XCX-Fans feierten sie trotzdem – und schon dafür sollte es nur Liebe geben. Deshalb an dieser Stelle lieber der Verweis auf ihre bereits veröffentlichten Aufnahmen: Elio ist super, man höre nur „Jackie Onassis“ oder „hurts 2 hate somebody“ und gebe ihr beim nächsten Mal wieder eine Chance, wenn sie ihren Tonmann gefeuert hat.

Und dann kam Charli XCX und die Fans rasteten aus. Anders kann man es nicht sagen. Wobei: Erst einmal kamen geschmackvolle, knallige Visuals, die auf einer über der Bühne gespannten LED-Leinwand flimmerten. Dazu donnerte das Intro los, bevor Charli XCX wirklich die Bühne betrat – umgarnt von zwei fantastischen Tänzern. Der eine sah aus, als könne er in einem Remake der „Xena“-Serie den kampfreudigen Lover der Kriegerprinzession geben, während man sich den anderen Tänzer als Hauptdarsteller einer Verfilmung von Madeline Millers „Das Lied des Achill“ wünschte. Oder, wie ein Kollege neben mir sehr treffend bemerkte: „Da geht sie hin, die Heterosexualität …“

Charli XCX trug während der Show wechselnde Outfits, die allesamt auf Retro-Sci-Fi und selbstbewusste Sexiness setzten – und dabei harte „Barbarella“-Vibes hatten. Ihre Tänzer trugen oft obenrum gar nix, schafften aber trotz Sixpacks und breitem Kreuz bisweilen erstaunlich grazile, gleitende Tanzbewegungen, die eher dem Ballett nahestehen. Diese wechselten mit aufwendigeren Choreografien mit Charli in der Mitte und Abgehparts, die eher die nervöse Energie der schnelleren Hyperpop-Stücke auslebten.

Charli XCX: „This one is dedicated to all the queer boys in the audience!“

Über gut anderthalb Stunden feierte Charli XCX auf diese Weise mit ihren Fans, die bis hinter das Mischpult und selbst noch am Merchstand im Nebenraum in Bewegung waren. Textsicher wurden Hits wie „Good Ones“ und „Boom Clap“ von Anfang bis Ende mitgesungen. Bevor sie „Boys“ spielte, sagte sie: „This one is dedicated to all the queer boys in the audience!“ Die Visuals setzten dabei nicht zufällig auf Regenbogenfarben und selbst die Heten-Jungs und -Männer erwischten sich dabei, lautstark zu grölen „I was busy thinking about boys!“ Was beim Anblick der hotten Tänzer auch irgendwie stimmte.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Lena (she/her) (@lenamarie_97)

Ob man das alles jetzt weiterhin Hyperpop nennt, bleibt eine müßige Frage. Denn Charli XCX ist weit mehr als dieses Genre: Sie hat diese Pop-Songs, die mühelos klingen, aber wahnsinnig catchy, futuristisch, schillernd und liebevoll verziert sind. Und sie hat übersteuerte, glitchige, nervös-überdreht-geniale Stücke, die man in diese silberne Schublade packen könnte, die längst von einer sehr viel jüngeren Generation gefüllt wird. Einigen wir uns also darauf, dass es ein erstaunliches Popkonzert war, das vor allem von der Energie auf und vor der Bühne lebte. Charli XCX sagte im Verlauf des Abends gut drei Dutzend mal „Thank you Berlin, I love you“ – und man glaube es ihr jedes verdammte Mal. Allein das sagt doch schon alles über die Vibes an diesem Abend.


Die Ärzte sagen zwei weitere Berlin-Konzerte ab
Weiterlesen