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Kritik

Australische Miniserie „Stateless“ auf Netflix: Leben im inhumanen Schwebezustand

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Seit den frühen 2000er-Jahren betreibt Australien eine international kritisierte Flüchtlingspolitik, die auf starke Grenzen pocht und mit teils plumpen Kampagnen auf Abschreckung illegaler Einwanderung setzt. Wer es dennoch über den Bootsweg illegal nach Australien schafft, kommt vorübergehend in eines der einstmals auf dem Festland und seit 2013 auf Pazifikinseln verteilten „Detention Centres“. In diesen Internierungslagern treten die geflüchteten Asylsuchenden eine Einwanderungshaft an und sind Gefangene, bis über ihre Anträge entschieden wird – was mitunter Jahre dauern kann.

Ein solches Lager Mitte der Nuller Jahre ist das Setting der australischen Mini-Serie „Stateless“, die ihre Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale feierte und von Schauspielerin Cate Blanchett koproduziert wurde. In sechs knapp einstündigen Episoden bringt uns diese Serie nicht nur einfach die Schicksale derer näher, die der fiktive Lagerkomplex „Barton“ (angelehnt an das reale ehemalige Lager Baxter) in der wüstentrockenen australischen Einöde beherbergt. In einem erzählerischen Kunststück verschränkt „Stateless“ einen sehr komplexen Fall von Behördenversagen mit diesen Schicksalen.

„Die Seerose im Schilf“

Dieser Fall wird in „Stateless“ an der Figur Sofie Werner (Yvonne Strahovski) geschildert, einer australischen Staatsbürgerin mit deutschen Wurzeln. Als adrette Flugbegleiterin begegnet sie uns in der ersten Episode zunächst, dann als Tochter einer bevormundenden Familie und schließlich als psychisch instabile Anhängerin eines so seltsamen wie gefährlichen Tanzschul-Kults, der von dem gruseligen Ehepaar Pat (Cate Blanchett) und Gordon (Dominic West) geleitet wird. Einige angedeutete traumatische Erlebnisse später gibt sie sich in der Aufnahmestation von Barton als deutsche Touristin aus, die ihren Pass verloren hat.

Ameer und Mina in „Stateless“

Man könnte die Figur Sofie für das halten, was Jenji Kohan, Schöpferin der Netflix-Serie „Orange is the New Black“, einst als „trojanisches Pferd“ bezeichnet hat: Eine junge, privilegierte, weiße Hauptfigur, die eine Serie durch den Finanzierungspitch bringt, dieser aber gleichzeitig ermöglicht, die Geschichten von Figuren unterschiedlichster Herkunft zu erzählen. Doch bei „Stateless“ haben wir es zum einen mit der Tatsache zu tun, dass Sofie Werner sehr stark am realen, komplexen Fall von Cornelia Rau angelehnt ist – einer deutschen Staatsbürgerin, die in Australien aufgewachsen ist, über eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung verfügte, aber 2004 irrtümlicherweise für zehn Monate in Einwanderungshaft geriet. Zum anderen thematisiert „Stateless“ selbst, dass erst solch ein Fall zu mehr öffentlicher Kritik an den desolaten Zuständen in den australischen Internierungslagern geführt hat. So nennt der seit vier Jahren in Barton inhaftierte Javad (Phoenix Raei) Sofie an einer Stelle „die Seerose im Schilf“ und prophezeit ihr, dass die Leute an ihrer Geschichte interessiert sein werden. „Sie werden wissen wollen, wieso eine, die so aussieht wie sie, an einem solchen Ort gefangen ist.“

Verlorene Heimat, flüchtige Identitäten

Und die Facetten eines Ortes wie Barton werden in „Stateless“ durch drei weitere, Sofie ebenbürtige Figuren ergründet: Am Afghanen Ameer (Fayssal Bazzi), der mit seiner Frau und den zwei Töchtern eine riskante Flucht nach Australien gewagt hat, wird exemplifiziert, wie unangemessen von der Flucht Traumatisierte in der Einwanderungshaft versorgt werden. Zudem zeigt „Stateless“ an Ameer, was das einst für die Internierungslager verantwortliche Ministerium DIMIA (= Department of Immigration and Multicultural and Indigenous Affairs) unter Charaktereinschätzung verstand, wenn es um die Bewilligung eines Asylgesuchs ging. Zum Ende von „Stateless“ sieht sich Ameer gezwungen, seine Identität weitgehend zu leugnen, um zumindest seiner verbliebenen Familie ein Leben in Australien zu ermöglichen.

BEN KING/NETFLIX BEN KING/NETFLIX


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