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Blackout Tuesday
Highlight: „Musik Bewegt“: Alles, was Ihr über die gemeinnützige Plattform wissen solltet – und wer warum mitmacht

Playlist

30 Jahre Mauerfall: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

10. Einstürzende Neubauten – Die Befindlichkeit des Landes (2000)

Berlin überbaut seine Narben, aber es bleibt diese große Melancholie …

Fast nirgendwo in diesem Land konnte man den Fortgang der Wiedervereinigung besser beobachten als am zentralen Potsdamer Platz in Berlin. Während der Teilung Brachland, wuchs nach dem Mauerfall dort das „Neue Berlin“ in den Himmel. Gefeiert wurde das Ereignis zur Jahrtausendwende mit pompöser Macht, seitdem strömen Touristen in die Mitte der Stadt. Aber ist nun wirklich alles vergessen? Blixa Bargeld hat da so seine Zweifel. Für ihn lassen sich die Schmerzen der Vergangenheit auf diesem „Narbengelände“ nicht einfach anämisch überbauen. Er spürt, dass über der veränderten Stadt und dem Land Melancholie schwebt. Die Band beschreibt das Szenario in ungewohnt ruhiger Form und agiert wie ein animalisches Wesen, das langsam aus dem Untergrund nach oben kraucht und das Damals symbolisiert. Heute werden immer noch Parzellen am ehemaligen Mauerbereich bebaut. Und immer noch hört man das Nagen und die Fragen, ob es dieses Mal wohl alles von Dauer sei. Die Befindlichkeit des Landes? Zwiegespalten. tw

11. Verna Mae Bentley-Krause – Ich Liebe Deutsche Land (De Det De Det De DDa) (2001)

Entkrampfte Nation – verblödete Nation?

Eine seit 20 Jahren in Frankfurt lebende Afroamerikanerin nimmt ihrer Schwiegermutter zum Geburtstag ein Loblied auf „deutsche Land“ auf, schickt den Clip dazu an Stefan Raab, und der strickt aus diesem penetranten, radebrechenden Singsang einen Hit. Neun Jahre später, am Tag ihres Siegs beim ESC in Oslo, stimmt Lena Meyer-Landrut in ihrer Heimatstadt Hannover diese Nummer vor einem schwarz-rot-goldenem Menschenmeer an. Im Bairischen kann „Krampf“ auch für „Blödsinn“ stehen. Die versuchte Entkrampfung der Frage nach nationaler Identität endet hier in genau einem solchen: „Die Leute sind so schön, die Leute sind so nett, die Deutschen sind perfekt“.  scr

12. Brothers Keepers – Adriano (Letzte Warnung) (2001)

Sie wollen aufeinander aufpassen, und sie werden sich wehren.

Verbale Gewalt gegen körperliche Gewalt. Unter dieser Prämisse startete 2000 das Bandprojekt und der gleichnamige Verein Brothers Keepers mit einer Basis aus 13 Musikern, fast alle mit afro-deutschen Wurzeln, gegründet von Adé Bantu, Torch und D-Flame. Tragischer Anlass: der Tod des gebürtigen Mosambikaners Alberto Adriano im Juni 2000, den drei betrunkene Nazis in Dessau zu Tode prügeln. Sein Tod begründete den Startschuss für Brothers Keepers’ wortgewaltigen ers-ten Song „Adriano“ – ein Mix aus Rap-Versen von Künstlern wie D-Flame, Torch, Denyo, Samy Deluxe und Afrob und dem Soul-Refrain Xavier Naidoos, der bis heute einen starken Eindruck hinterlässt, weil er nicht einfach nur Toleranz gegenüber anderen Kulturen einklagt, sondern deutlich macht, dass man sich wehren will gegen jede Unterdrückung. tg

13. Herbert Grönemeyer – Neuland (2002)

Hey, little Germany, da ist dein Onkel aus England am Mikrofon!

Vier Jahre vor der WM 2006 fordert Grönemeyer im Reggae-Rock-Stil, sein Deutschland solle sich mal locker machen. Er nennt es „Neuland“, wähnt es in der Pubertät – und klingt wie der lockere Onkel aus England, der seinem deutschen Neffen nach dem dritten Bier die Leviten liest. Und so ist’s ja auch: Grönemeyer lebt 2002 in London, verarbeitet auf MENSCH den Tod seiner Frau. Doch auch dieses Statement ist ihm wichtig: in die Gänge kommen, aber ohne Gleichschritt. Verantwortung übernehmen, aber ohne permanenten Hang zur Perfektion und Großmachtsucht. Alles nicht so einfach, wie wir heute wissen. ab

14. Mia – Was es ist (2003)

Frech und voll süß ist die freshe Vaterlandsliebe.

Der Sündenfall des Neo-Patriotismus erscheint in der Rückschau unausweichlich. Es brauchte nur eine WM im eigenen Land und eine Band wie Mia. „Was es ist“ wirkt dabei in der Rückschau fast schon irritierend subtil. Die Zeit war offensichtlich reif, sich mit süßen Worten und frecher Attitüde von der Schuld der Vergangenheit lossagen zu wollen. Mia wurden zum Vehikel eines schwelenden Relativismus und machen aus dessen Forderung „es müsse endlich auch mal ein Schlussstrich unter das Dritte Reich gezogen werden“ völlig fahrlässig einen Pop-Hit. Mia wirkten zudem in den von ihnen losgetretenen Debatten erschreckend naiv und überfordert. Das Thema sei doch ohnehin die Idee ihres Managements gewesen … So oder so: Schwarzrotgold als Pop-Statement nimmt von da an immer mehr Gestalt an. lv

15. Paul van Dyk & Peter Heppner – Wir sind wir (2004)

In nur 3:45 Minuten vom Täter- zum Opferstaat.

Der eine gilt als Star-DJ der Techno-Verharmlosungsmaßnahme Trance. Der andere hat an der Seite von Joachim „Wagner“ Witt das bewegte Kantoren-Tremolo in die Hitparaden eingeschleppt („Die Flut“, 1998). Gemeinsam vollziehen van Dyk und Heppner im Sommer 2004 mit „Wir sind wir“ eine Verharmlosungsmaßnahme, die auch im Charts-Mainstream manifestiert, dass sich in der sogenannten „Mitte“ neue Sichtweisen auf die Geschichte etabliert haben. Tatsächlich erfüllt dieser halbe Synthie-Pop-Hit (Topplatzierung: 13) den Tatbestand der Geschichtsklitterung. Heppner bejammert Niederlage, Opfer, Teilung und schwört im Refrain die Nation auf ihr offenbar enormes Durchhaltevermögen ein, geht aber nur in einer einsamen lauen Andeutung auf die Wurzeln all des Übels ein. Das Musikvideo arbeitet sich dazu an den ewigen Nachkriegssymbolen Trümmerfrau/WM 1954/VW Käfer/Luftbrücke/Mauerfall ab, mit Peter Heppner als journalistischem Beobachter – anstelle von Guido Knopp quasi. „Trauertriumphalismus“ nennt das die „FAZ“, das Goetheinstitut traut Lyrics und Textfragen hierzu immerhin Deutschlernern der „Unteren Mittelstufe“ zu. Doch welcher Stufe von Geschichtslernern ist das hier denn zuzumuten? ogö

16. Tocotronic – Aber Hier Leben, Nein Danke (2005)

Kryptisch-funkelnde Realitätsflucht – aber der Slogan sitzt.

Das Dagegensein hatten sie mit ihren spröde-flockigen Songparolen schon lange geprobt, verfeinert, verinnerlicht. Vielleicht hat Tocotronic aber nichts jemals mehr angekotzt als die neue „Du bist Deutschland“-Heimatduseligkeit, die sich zwischen dem 10. Jubiläum des Mauerfalls und der Anbahnung des Fußball-„Sommermärchens“ in Gehirne und Hitparaden geschlichen hatte. „Allein, ein selbstbewusstes Deutschland, das unverkrampft mit seiner Vergangenheit umgeht, erschien und erscheint uns ablehnungswürdig“, verkündeten sie dazu. Und Dirk von Lowtzow, der hier Idee und Aufbau von Volker Lechtenbrinks Caro-Kaffee-Schnulze „Ich mag“ übernahm, bewies einmal mehr seine Kunst, dieses Unbehagen sowohl in funkelnd-kryptische Realitätsflucht-Fantasien als auch in einen prima Häuserwand-Slogan zu gießen – für St. Pauli wie für Pockau-Lengefeld. as

17. DJ Koze aka. Adolf Noise – Zuviel Zeit? (2005)

Und jetzt alle in die soziale Hängematte, verschaukeln lassen!

Als der deutsche Country-Rocker Gunter Gabriel im September 2004 im sachsen-anhaltinischen Eisleben für einen kleinen Skandal sorgte, indem er sein Publikum als faules Pack titulierte, macht er DJ Koze alias Adolf Noise damit ein Geschenk. Der unterlegte Gabriels improvisierten Singsang mit einem lustig quietschenden Beat und süßlichen, psychedelisch verspulten Klavier- und Glockenspielakkorden und strickte dadurch dem 15 Jahre nach dem Mauerfall noch omnipräsenten Ost-West-Battle ein aberwitziges Song-Monument. Wunderbar, wie Koze Gabriels Tirade im eigenen Freestyle auf seine Hörer, also uns alle, überführt und so aus slackendem Bohèmian und faulem Ossi eins macht: „Ihr habt ja so viel Zeit, sonst würdet ihr nicht … jetzt zum Beispiel das schon zum fünften Mal hören.“ Jahre bevor Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und die Künstlerin Cosima von Bonin mit ihrem „Fatigue Empire“ ihre Zuneigung für Aussteiger und Taugenichtse zum Ausdruck brachten, schlug Koze sich somit schon auf deren Seite. Denn ob Ossi oder Wessi, für uns alle gilt doch, dass die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, in Abgrenzungen zu jener der Weimarer Republik und der DDR, keine Pflicht zur Arbeit kennt. tv

18. Fler – NDW (2005)

Der deutsche Underdog, er bellt.

Bis zur Jahrtausendwende war erfolgreicher deutscher HipHop Sache harmloser Kiffer aus gutem Hause. Mit dem Label Aggro Berlin dramatisierte sich das Geschehen dann drastisch. Die Figur des Gangstas atomisierte alle Harmlosigkeit. Vorstrafen und Migrationshintergrund wurden zur Währung für die Glaubwürdigkeit des neuen Rapper-Typus. Die unterstellte Hegemonie ausländischer Akteure brachte Fler – ähnlich wie später Thilo Sarrazin – darauf, den Deutschen als Underdog im eigenen Land zu imaginieren. Der sich endlich wieder seiner Identität und Sprache besinnen möge! Fler liefert dabei die Sprechgesang-Version der ewig deutschen Abstiegsängste, die mit Zuwanderung und Kulturimport einhergehen. Mitte der Nuller noch befeuert von den Geschehnissen um die Berliner Rütli-Schule. Krude, nationale Selbsterweckung – musikalisch angelehnt an den Österreicher Falco. lv



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