Highlight: Die 20 besten Momente aus 21 Jahren „Splash!“-Festival

Wendeplaylist

Zum Tag der deutschen Einheit: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

Deutschland ist seit 28 Jahren wiedervereint. Was sagt die Popmusik dazu, und was hat sie in diesen Jahren zu sagen gehabt? Eine Auswahl von sehr unterschiedlichen Stücken, die sich mit dem Leben hier beschäftigen, mit den Eigenarten und Problemen dieses Landes — und mit seinen Extremen.

Texte von Davide Bortot (db), André Boße (ab), Oliver Götz (ogö), Tamara Güclü (tg), Stephan Rehm (scr), Annett Scheffel (as), Björn Sonnenberg (bjs), Maurice Summen (ms), Thomas Venker (tv), Linus Volkmann (lv), Thomas Weiland (tw), Fabian Soethof (fab)

1. Scorpions – Wind Of Change (1990)

Die Hymne zur Wende (läuft hier außer Konkurrenz).

Im Sommer 1989 flüstert der Wind drunten an der Moskwa in Moskau mit etwas Verspätung auch Klaus Meine was vom Ende des Kalten Krieges. Der macht eine internationale Rockballade daraus. Als der Song im Februar 1991 als Single veröffentlicht wird, lässt sich das zugehörige Video schon mit reichlich Gänsehaut-Footage vollstopfen. Und im Nachhinein wirkt es fast, als wäre der Mauerfall ohne dieses Rührstück mit Pfiff – der größte Hit aus deutscher Produktion überdies – gar nicht zu vollenden gewesen. ogö

2. Nina Hagen – Erfurt & Gera (1991)

Der Lifestyle des Westens, zu schnell für den Osten.

Anfang der Neunziger war Nina Hagen im Übergang aus ihrer Phase als international erfolgreiche New-Wave-Diva in die bis heute anhaltende als musikalisch bedeutungslose Tierschützerin und gleichsam liebenswerte wie anstrengende Spiritualistin. Mit der Uptempo-Comedy-Moritat „Erfurt & Gera“, vorgetragen auf Thüringisch, gelang ihr allerdings fast tagesaktuell zur Wiedervereinigung eine bittersüße Ostploitation voller holzschnittartiger Klischees: Walter-Ulbricht-Gespenst, Volkspolizei und obligatorische Banane vs. „Bild“-Zeitung und Verlockung durch die bunte Welt des betäubenden Konsums. Ossis tauschen ihre Trabis gegen BMWs ein und rasen sich, von deren Geschwindigkeit überfordert – und damit dem Versprechen des Kapitalismus –, zu Tode. Eine musikalisch plakativ umgesetzte Bewertung der Wiedervereinigung als fataler Clash unvereinbarer Lebensweisen. bjs

3. Feeling B – Ich Such Die DDR (1991)

Eine Vermisstenanzeige – vor Ironie triefend, wie man annimmt.

DDR-Punk war weniger verbohrt als jener im Westen, stilistisch offener und begegnete den grotesken Verhältnissen im siechenden Land oft nahe an Dada und absurdem Theater. Hier finden wir ein feines Beispiel: Die Rammstein-Keimzelle Feeling B, 1983 in Ost-Berlin gegründet, gibt eine Vermisstenanzeige für ihre abgewickelte Heimat auf. Beginnt wie eine kernige Dead-Kennedys-Hysteria und landet bei einem lustig betröteten Kneipenchor-Refrain, zu dem das Fernsehballett seine Beine in die Luft werfen dürfte, wenn es möchte. Wer heute nichts als triefende Ironie aus dem Stück heraushört, übersieht, dass viele Oppositionelle gar keine Wiedervereinigung anstrebten, sondern die DDR zu etwas umbauen wollten, was diesen Namen tatsächlich verdiente. ogö

4. Advanced Chemistry – Fremd Im eigenen Land (1992)

Migrantenkinder suchen Halt und Heimat – und werden wenigstens im HipHop fündig.

„Fremd im eigenen Land“ ist in gleich dreifacher Hinsicht ein Meilenstein der Musik aus und über D. Der Song war ein wahrer Urknall für den deutschen Rap und schenkte einem ganzen Genre nicht nur eine akzeptable Blaupause, sondern auch eine seiner prägenden Figuren („Gestatten Sie, mein Name ist Frederik Hahn“). Er ist ein erschreckend-ewig gültiges Statement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Vor allem aber ist er ein essenzielles Stück Identifikation. In nur knapp fünf Minuten gaben Torch, Toni L. und Linguist einer ganzen Generation von Migranten und Migrantennachkommen ein wenig Halt in ihrem inneren Widerstreit der Identitäten und Kulturen, in ihrem permanenten Kampf um Anerkennung, ihrem täglichen Umgang mit Anfeindungen. Wer 1992 so gar nicht wusste, wohin mit all dem – der eigenen Hautfarbe, dieser aufregenden Musik und Mode aus Amerika, und ja, diesem verdammten „grünen Pass mit nem goldenen Adler drauf“ – dem gaben Advanced Chemistry urplötzlich ein Gefühl der Zugehörigkeit. Classic! db

5. Die Toten Hosen – Sascha … ein aufrechter Deutscher (1992) / Die Ärzte – Schrei nach Liebe (1993)

Zwei direkte Hits gegen Nazis.

Im Abstand weniger Monate veröffentlichen die prominentesten deutschen Punkrockbands überaus eingängige Stellungnahmen zum neu entflammten Rassismus und Neonazismus der wiedervereinigten BRD. Beide werden große Hits und gehen ähnlich vor: das Feindbild wird extrem klischiert, aber plastisch-didaktisch als Einzelperson, nicht als Masse oder gesellschaftliches Phänomen aufgefasst. Dass weder „Sascha“ noch das namenlose „Arschloch“ Individuen sind, sondern grobe Typisierungen und die Erklärungen ihrer Untaten teilweise arg vereinfachend, ist nicht ohne Ambivalenz und macht sie zu Tätern und Opfern ihrer Umstände: Sascha ist ein arbeits- und bildungsloser Dummkopf, die Gewalt des nach Liebe schreienden Faschisten die fehlgeleitete Ersatzhandlung eines emotional Verkrüppelten. Natürlich ist die Position, die ihnen gegenüber eingenommen wird (und werden soll), sehr eindeutig und wenn auch nicht extrem reflektiert, so waren beide Lieder doch Diskussionsbeiträge, die die Schattenseiten des neuen Deutschlands als Thema in Abertausende von Jugendzimmern brachten. bjs

 

6. Mutter – Du bist nicht mein Bruder (1993)

Zwei Teile eines Landes stoßen sich ab – das setzt heftiges Noiserock-Feedback frei.

Die große Lüge von der gefühlten Wiedervereinigung, wer könnte sie besser entlarven als Max Müller und seine Band Mutter. Gegründet im noch eingemauerten West-Berlin, und ausgestattet mit dem richtigen Feingefühl für Gefühlsschwankungen, hatten sie die sinnstiftende Perspektive und das notwendige Instrumentarium zur Hand, um den Deutschen ihre Psychoanalyse zu liefern: Zynisch und traurig, scharf und mitfühlend blickt Müller auf den brutalen Boxkampf, den sich die Bevölkerungen aus Ost und West lieferten, den so zu benennen aber als unschick galt. Ein Sittenbild einer Nation, die keine ist. tv

7. Westbam – Celebration Generation (1993)

Für ein besseres Morgen heute nur an heute denken!

Der gebürtige Westfale Westbam alias Maximilian Lenz transportiert schon in seinem Künstlernamen, der angelegt ist an Afrika Bambaataa, eine gesunde Distanz zur deutschen Herkunft. Das war ursprünglich dem Punk geschuldet, dem Sound seiner Musiksozialisation, aber das ließ sich natürlich auch treffend in die explodierende House- und Technoszene des Post-Wende-Deutschlands einbringen. Während Westbam mit seinem DJ-Kofferträger Rainald Goetz die Verhältnisse analysierte, setzten er und seine Mayday-/Love-Parade-Mitstreiter Dr. Motte, Marusha und Co. mit ihren Veröffentlichungen und Partys auf Love, Peace und Happiness als Gegenentwurf zum neuen deutschen Realismus auf den Straßen. Natürlich ist „Celebration Generation“, ebenso wie beispielsweise das identitätsstiftend gemeinte „Der Klang der Familie“ von 3 Phase feat. Dr. Motte, nur eine naive Negation dieser gefährlichen neuen Verhältnisse (siehe „Das bisschen Totschlag“). Aber es ging ihnen doch auch um mehr als nur ums Geschäft. Damals glaubten für einen kurzen Moment tatsächlich viele, dass der alle Schichten und Klassen ignorierende Hedonismus zum einen ein Grundrecht sei, und zum anderen der Nährboden für eine bessere Wirklichkeit. tv

8. Die Goldenen Zitronen – Das Bißchen Totschlag (1994)

Ätzende Worte, ätzende Orgel, wegen dem, was sie „Asylkompromiss“ nennen.

Im wiedervereinigten Deutschland erstarkt die Rechte, die „Überfremdung“ durch Kriegsflüchtende aus Jugoslawien und „Russlanddeutsche“ dient ihnen als Schreckgespenst, bald brennen Asylbewerber-Wohnheime. Die Politik reagiert, indem sie 1993 das Grundrecht auf Asyl einschränkt. Diese zynischen Zustände machen die Ex-Funpunker von den Goldenen Zitronen endgültig zur Polit-Band. Schorsch Kamerun ätzt sich in „Totschlag“ zu einer noisy Variante von Funk fast schon im Public-Enemy-Stil durch die Geschehnisse in Mölln und Rostock-Lichtenhagen, im Bundestag und bei der Großdemo im November 1992 unter dem Motto „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, bei der Eier auf politische Würdenträger fliegen. Der hysterische Refrain kippt dann ins Ironische (und macht das Stück absurderweise auch noch zu einem Ohrwurm): „Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um, hier fliegen nicht gleich die Löcher aus dem Käse, sagt mein Mann.“ Denn keiner darf dem deutschen Bürger das Grundrecht auf Ruhe einschränken – damals wie heute. tw

9. Atari Teenage Riot – Deutschland (Has Gotta Die!) (1996)

Der Digital Hardcore feuert aus allen Rohren.

Alec Empire und Hanin Elias fordern über sägende E-Gitarren und dem zu Tode gesampelten „Amen Break“ mit verzerrten Stimmen dazu auf, Deutschland anzuzünden und die „bloody wankers“ in die Luft zu jagen. Mit Unterstützung durch das Beastie-Boys-Label Grand Royal erscheint das für damalige Hörgewohnheiten superextreme Stück weltweit. Vor allem in den USA und im UK bildet sich eine Gefolgschaft der von ATR gegründeten „Digital Hardcore“-Szene. In Deutschland bleibt die Revolution aus. In linksalternativen Jugendzentren läuft  weiterhin die gefälligere Sozialkritik eines Bob Marley und bald schon lösen die inhaltlosen Limp Bizkit Rage Against The Machine ab. „Hauptsache, es rockt!“ Die Texte konnte man, vor allem bei ATR, ohnehin schlecht verstehen. 2002 gewann dann der Staat die Schlacht: Fünf Jahre nach Veröffentlichung setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien das Album zum Skandalsong, THE FUTURE OF WAR, auf den Index. scr


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