The Jimi Hendrix Experience


Liebend gerne berufen sich Pop- und Rockmusiker aller Schattierungen auf ihre Idole aus der Frühzeit des Blues und des Rock'n'Roll. Beinahe erstaunt muss man sich fragen, wie es bei den angeblich so grossen Einflüssen der Altmeister dann wohl kommt, dass der Unterschied zwischen Elvis Presley und — nun ja — Jimi Hendrix so gross ist, als hätten die beiden Herren sich überhaupt nicht gekannt. Wie immer die Antwort auf diese Frage lauten muss, wie sehr auch der grösste Rock-Star von seinen Vorbildern geprägt ist, Menschen wie Jimi haben mitgeholfen, die Musik vergangener Jahrzehnte an die jeweilige Gegenwart anzupassen. Jimis Aufstieg verlief parallel mit dem Anschwellen der Drogen-Welle. Sein Tod (obwohl nicht direkt durch Drogen verursacht) löste bei vielen Rauschgift-Konsumenten einen Schock aus, der die Drogen-Problematik deutlicher machte als die noch so gut organisierten 'Entwöhnungskampagnen' staatlicher Stellen. Hendrix könnte vielleicht heute als eine Art 'Drogen-Papst' angesehen werden, würden nicht seine musikalischen Fähigkeiten alles in den Schatten stellen, was er sonst so getrieben hat. In einer Zeit wie in der Gegenwätigen, wo die Richtungslosigkeit innerhalb der Rockmusik eine unübersehbare Gosse geworden ist, leuchtet uns knapp vier Jahre nach seinem Tod das Vermächtnis des Jimi Hendrix in unverändertem Glanz vom mit Glitterwolken behangenen Popmusik-Sternenhimmel herab. Die Geschichte über den Gitarristen, der schon zu Lebzeiten mit seinen kosmischen Rock-Klängen das Jenseits durchstreifte, wird sicherlich bei vielen Lesern wehmütige Erinnerungen zurückbringen — Erinnerungen an Purple Haze, Electric Ladyland, Woodstock, die Band Of Gypsies und an das Fehmarn-Festival.

Freiwillig zur US-Army

Einem gewissen James Marshall Hendrix passierte am 27 November 1942 in Seattle/Washington (USA) etwas höchst Menschliches — er wurde geboren. Sein Vater James Hendrix war Landschaftsgärtner, das heisst, er fuhr mit dem Rasenmäher durch die Gegend, solange das Gras grünte. In den Wintermonaten kam es deshalb schon mal vor, dass seine Familie am letzten Dollar knabberte. Die Kindheitseindrücke des jungen James wurden vor allem durch zwei Umstände wesentlich mitbestimmt: Seine Mutter Lucille war Indianerin und das Elternhaus befand sich in einer vornehmlich von Weissen bewohnten Gegend. Obwohl sein Vater Neger war, fühlte sich James, der von seinen Schulkameraden später nur noch ‚Jimi‘ genannt wurde, nie als ein Schwarzer — eher als ein Mensch jenseits aller Rassenordnungen. Mit zehn Jahren äusserte sich bei ihm erstmals der Wunsch, Gitarre spielen zu wollen. Er nahm sich oft Bratpfannen und ähnliches, hielt und behandelte sie wie eine Gitarre und sprang damit durch die elterliche Wohnung. An seinem elften Geburtstag ging schliesslich ein erster grosser Traum in Erfüllung, als sein Vater ihm eine akustische Gitarre schenkte. Jimi nahm nie Gitarrenunterricht. Er schaltete meist das Radio an und versuchte einfache Rock’n’Roll-Nummern nachzuspielen. Nach einem Jahr tauschte er seine akustische gegen eine elektrische Gitarre ein. Im Alter von dreizehn Jahren schloss er sich einigen lokalen Bands an, mit denen er spielte bis er drei Jahre später von der Garfield Highschool in Seattle flog, weil er während des Unterrichts mit einem weissen Mädchen Händchen gehalten hatte. Ein anderer Grund für das Verlassen der Schule war aber auch, da sein Vater ihn bei der Gärtnerarbet gebrauchte. Inzwischen war es Jimi bereits sehr klar geworden, dass es für ihn nichts anderes gab, als Musiker zu werden. Damit seine beabsichtigte Karriere nicht im entscheidenden Moment durch den Wehrdienst unterbrochen werden konnte, meldete er sich 1961 freiwillig zum Dienst in der US-Army. Er wurde in Fort Campbell (Kentucky) als Fallschirmspringer eingesetzt. Hier machte er Bekanntschaft mit Billy Cox, einem Kameraden, der ihn in der Kaserne Gitarre spielen hörte und glaubte, die Musik sei eine Mischung aus John Lee Hooker und Beethoven. Die Freundschaft zwischen Billy und Jimi sollte ein ganzes Leben lang dauern. Billy: „Damals war Jimi noch damit beschäftigt, Gitarre spielen zu lernen. Er beherrschte nicht mehr als vier oder fünf Griffe, aber es klang damals schon grossartig.“ Aus Armee-Beständen besorgte Billy sich eine Bass-Gitarre, dann traten die Beiden zusammen mit Cary Ferguson, einem Drmmer aus Toledo (Ohio), in einigen Army-Clubs auf. Kurze Zeit später bekam diese Band ein Angebot von einem privaten Club-Besitzer, das es den Dreien ermöglichte, während des letzten Dienstjahres an den freien Abenden bei ihm aufzutreten. Nach vierzehn Monaten in der Armee verletzte sich Jimi bei einem Fallschirmabsprung so sehr, dass er invalide erklärt und vom Militärdienst entlassen wurde.

On Tour mit Little Richard

Ihn zog es jetzt keinesfalls wieder nach Hause. Jimi trampte kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten bis es ihm gelang, als Gitarrist in einigen namhaften Rock- und Soul-Gruppen einzusteigen. Von 1963-1966 tourte er mit so bekannten Musikern wie Jackie Wilson, die Isley Brothers, Curtis Knight, Wilson Pickett und Little Richard durchs Land. In dieser Zeit lernte er erstmals die Schokoladen- und vor allem die Schattenseiten des Showbusiness kennen.

Jimi: „Ich lernte, wie man eine Rhythm & Blues Band nicht zusammenbekommt. Das Problem bei vielen Bandleadern war, dass sie oft ihre Musiker nicht bezahlen wollten. Es kam vor, dass Gruppen-Mitglieder mitten auf dem Highway während der Fahrt von einem Konzert zum anderen gefeuert wurden, weil sie sich im Bus zu laut unterhielten oder weil der jeweilige Bandleader ihnen zuviel Geld schuldete. Die erste Gruppe, die ich selbst zusammenstellte, trat im New Yorker Greenwich Village auf. Das muss so um 1965 gewesen sein. Ich veränderte meinen Namen in Jimmy James und die Gruppe nannte ich die ‚Blue Flames‘. Nicht besonders originell, nicht wahr?“ Jimi war im ‚Village‘ gelandet, weil es sich herausgestellt hatte, dass er bei früheren Konzerten sowohl Little Richard wie auch den Isley Brokers die Show stahl. Sein letzter Job in einer ganz gewöhnlichen Sound-Band war, als er im Winter 64/65 bei Curtis Knight & The Squires einstieg. Mit dieser Gruppe trat er in den berühmtesten New Yorker Clubs auf, und eigentlich hätte er mit seinem Erfolg schon ganz zufrieden sein können — aber Jimi Hendrix, der sich in seiner Curtis Knight-Zeit Jimi Smith nannte, wollte mehr. Er fand es sehr bald langweilig, jeden Abend dieselben Soul-Hits zu spielen, deshalb zog es ihn an freien Tagen immer wieder ins ‚Cafe Wha?‘ in Greenwich Village, wo er eine ganze Menge Beziehungen anknüpfte. Hier konnte er als Jimmy James & The Blue Flames seine erste eigene Gruppe präsentieren — und hier traf er John Hammond. den man oft den weissen Taj Mahal nennt. John Hammond: „Ein Freund hatte mir erzählt, dass da ein fantastischer Gitarrist im Cafe Wha? dauernd die Songs spielte, die ich auf meinem Album ‚So Many Roads‘ aufgenommen hatte. Also machte ich mich auf ins Cafe Wha? und traf Jimi. Ich fragte ihn, warum er denn in so einem verkommenen Keller spielte, und Jimi erzählte ein paar komische Geschichten wie, dass man ihm seine Gitarre gestohlen hätte usw. Ich lud ihn ein, mit mir im ‚Cafe A Go Go‘ zu spielen, wo ich gerade für eine Woche verpflichtet worden war. Jimi war von der Idee begeistert. Im Cafe A Go Go traf sich damals alles, was in der Popwelt Rang und Namen hatte. In der Woche, in der Jimi und ich dort spielten, sahen uns die Rolling Stones, die Beatles, Bob Dylan und die Animals.“

Jimi bei den Animals?

Chas Chandler, der Bass-Gitarrist der Animals, hatte einen Narren an Jimi Hendrix gefressen. Er besuchte ihn, als Jimmy & The Blue Flames ein paar Tage nach den Gigs im Cafe A Go Go wieder im Cafe Wha? auftraten. Hammond erinnert sich weiter: „Chas Chandler und Mike Jeffery, der Manager der Animals. wollten Jimi aus dem Wha? direkt mit nach England nehmen, um ihn mit den Animals, die gerade ein Come-Back planten, Plattenaufnahmen machen zu lassen. Ich schlug Jimi vor, mit ihnen mitzugehen.“ Hendrix hielt sich an Hammonds guten Rat und befand sich schon wenige Tage später auf dem Flug nach England. Es war das erste Mal, dass Jimi Grossbritannien besuchte. Er war ziemlich aufgeregt, und er hatte seine Entscheidung bis zum letzten Augenblick hinausgezögert. Seiner Blitz-Karriere stand jedoch nichts mehr im Wege. Die Musik-Presse war informiert und weltberühmte Musiker warteten darauf, Hendrix in London zu treffen. Chas Chandler erinnert sich daran, wie er Jimi davon überzeugte, dass er nirgends besser aufgehoben sei als in England: „Keith Richards Freundin Linda Keith brachte mich in New York mit Jimi zusammen. Sie hatte gehört, dass ich Plattenproduzent werden wollte, und sie meinte, es gäbe da im ‚Village‘ einen Typen, der unglaublich sei. Bevor Jimi im Cafe Wha? mit seinen Blue Flames zu spielen begann, setzten wir uns zusammen und sprachen miteinander. Ich hatte bereits beschlossen, dass ich ihn unbedingt mit nach England nehmen wollte, als er noch gar nicht zu spielen begonnen hatte. Die Animals hatten gerade ihre letzte Amerika-Tournee begonnen und es war Juli. Jimi sagte nicht einfach, „Yeah, man, ich komm‘ mit nach England“, er wollte genau wissen, was für Anlagen die englischen Gruppen benutzen, und was die Musiker dort für Typen waren. Eins der ersten Dinge, die er mich fragte, war, ob ich Eric Clapton persönlich kennen würde. Nun, ich antwortete, dass ich Eric sehr gut kannte und dass wir uns recht häufig treffen würden. Schliesslich fragte Jimi, ob ich ihn, wenn wir in England wären, zu Clapton mitnehmen würde. Darauf sagte ich, „wenn Eric dich spielen hört, dann wird er nichts anderes mehr wollen als dich besser kennenzulernen“. Diese Aussicht war dann der ausschlaggebende Grund, der Jimi’s Entschluss nach England zu gehen untermauerte. Nach unserem Gespräch spielte Jimi. Natürlich klang das alles noch nicht so wie mit Experience, aber einige der Songs aus seiner New Yorker Zeit haben wir später weiter ausgearbeitet. Er spielte Blues und sang überhaupt nicht. Seine Stimme gefiel ihm selbst ganz und gar nicht, und er glaubte lange, dass er überhaupt nicht singen konnte.“ Die verrückte Idee, dass Jimi mit den Animals spielen sollte, wurde nie verwirklicht; stattdessen kam nach den ersten Probe-Sessions in London etwas viel Aufregenderes zustande: The Jimi Hendrix Experience.

Vier-Stunden-Jam-Session

Chas Chandler: „Nachdem wir zwei Wochen in England waren, sass Jimi gerade in unserem Büro in der Gerrard Street, als ein Typ reinkam, der sich um den Lead-Gitarristen-Posten bei den Animals bewerben wollte. Ich sagte ihm, dass die Animals-Sache gar nicht mehr aktuell sei und dass wir stattdessen einen Bassisten für Jimi brauchten. Daraufhin lieh ich dem Typen, der meinte, er habe schon auf einigen Sessions mit Tom Jones mitgespielt, meine Bass-Gitarre und schickte die beiden zum Üben weg. Nun, der Typ war Noel Redding, und er spielte zum ersten Mal in seinem Leben Bass. Jimi mochte ihn auf Anhieb und war auch musikalisch ganz mit ihm zufrieden. Noel meinte nur noch, „Ich glaube, ich steige um auf Bass, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen Menschen auf der Welt gibt, der Jimi auf der Lead-Gitarre was vormachen kann.“ Noel hatte keinen Pfennig Geld in der Tasche, ich musste ihm sogar fünf Pfund für den Weg nach Hause leihen. Dann hörte ich, dass Mitch Mitchell bei Georgie Fame’s ‚Blue Flames‘ (Ein irrer Zufall, dass Jimi Hendrix‘ Band in New York auch Blue Flames hiess, nicht wahr? Die Red.) herausgeflogen war. Er hatte mir immer sehr gut gefallen als Drummer, deshalb rief ich ihn an. Das erste Mal, das er mit Noel und Jimi zusammenspielte, dauerte nonstop vier Stunden.

Hey Joe

Noel erinnert sich an das erste Mal, als er mit Jimi zusammenjammte: „Als Jimi und ich zum ersten Mal probten -— Mitch Mitchell war zu dem Zeitpunkt noch nicht dabei -— sagte er zu mir, „ich hab diesen Song gemacht“, dabei zeigte er mir die Griffe zu ‚Hey Joe‘. Ein paar Tage lang haben wir nur diesen Song eingeübt, dann kam Mitch dazu, und wir machten die ersten Aufnahmen. Wir spielten ungefähr dreissig verschiedene ‚Hey Joe‘ Versionen in drei verschiedenen Studios ein, bevor wir wirklich zufrieden waren. Tja, wir haben wie die Verrückten gearbeitet.“ Alles was die Beatles oder die Stones in jener Zeit in London über neue Trends sagten, wurde von der popmusikbegeisterten Jugend wie ein biblische Prophezeihung aufgenommen. John Lennon, Paul Mc Cartney und Mick Jagger haben mit ihrer Begeisterung für bestimmte amerikanische Künstler wie Bob Dylan, James Brown — und Jimi Henrix nicht unwesentlich dafür gesorgt, dass diese in England erfolgreich wurden. Den Eindruck, den Jimi bei seinen ersten Gigs in Londoner Clubs hinterliess, konnte man nicht mit etwas vergleichen, das THE JIMI HENDRIX STORY

durch übergrossen Reklame-Rummel künstlich in den siebten Himmer gepriesen wurde. Sowas wie ihn hatte es einfach in der Geschichte der Rockmusik überhaupt noch nicht gegeben. Er spielte eine normale, für Rechtshänder konstruierte Gitarre linkshändig, liess das Instrument über seinen Rücken gleiten, während er die wahnsinnigsten Solos spielte — und er bearbeitete die Saiten zeitweilig mit den Zähnen!

Frankreich-Tour mit Johnny Halliday

Chas Chandler: „Eines Abends gingen wir in einen Londoner Club, in dem Brian Auger gerade auftrat Jimi jammte ein wenig mit, und der Zufall wollte es, dass Johnny Halliday im Publikum sass. Er fragte Jimi, ob er ’ne feste Gruppe hätte und verpflichtete die Experience für eine Frankreich-Tour. Mit einer Plattenfirma steckte ich schon in fortgeschrittenen Verhandlungen über einen Plattenvertrag für die Jimi Hendrix Experience, als Kit Lambert (Co-Manager der Who) Jimi im Scotch Of St. James Club spielen sah. Kit freakte total aus, als er Jimi hörte, und er schmiss ein paar Tische um. Er wollte Hendrix um jeden Preis für das neugegründete Who-Plattenlabel ‚Track‘ haben. Wir einigten uns darauf, dass Jimis erste Platte auf Polydor erscheinen sollte, weil das Track-Label erst ein paar Wochen später eröffnet werden sollte und dann ohnehin mit Polydor zusammenarbeiten würde. Nachdem wir den ersten Song aufgenommen hatten, brachten wir das fertige Band zu Decca, aber die Leute dort konnten nichts damit anfangen. Der verantwortliche Mann dort meinte zu mir, „Dieser Gruppe fehlt doch das gewisse Etwas“. Es handelte sich bei der Aufnahme um ‚Hey Joe‘. Ich brachte sie anschliessend zu Kit, und der meinte, „Falls wir irgendwelche Schwierigkeiten kriegen, liefere ich die Platten höchstpersönlich an jeden einzelnen Schallplattenladen.“

Die letzte Gitarre verkauft

Als wir aus Frankreich zurückkamen, wurde es sehr still. Es war schwierig, Auftritte zu bekommen, und keiner wollte was mit Jimi zu tun haben. Mein Geld wurde auch immer weniger. Ich besass sechs Gitarren, wovon ich fünf verkaufte, um einen Presseempfang bezahlen zu können. Dann gab es doch noch ein paar Auftritte im Vorprogramm der ‚New Animals 1 , bei denen die Experience ganze DM 250,— pro Abend verdiente. Nach jedem Gig sassen wir stundenlang zusammen und diskutierten darüber, wie man die Show noch verbessern könnte. Der Wahnsinns-Act, der Jimi später so berühmt machen sollte, musste in dieser Zeit erst noch ausgearbeitet werden. Beim ersten Gig im Vorprogramm der New Animals wussten die Konzert-Besucher absolut nichts mit der Experience anzufangen. Man war sich nicht sicher, ob man diese neue Gruppe nun gut oder schlecht finden sollte. Beim nächsten Konzert zerbrach Jimis Gitarre. Ich besass keinen Pfennig Geld mehr, also verkaufte ich meine letzte Bass-Gitarre, damit Jimi sich eines neues Instrument holen konnte. Zwei Tage später tauchte ‚Hey Joe‘ in den Hit-Paraden auf. Das war sowas wie die Rettung in letzter Sekunde. Im Radio war die Single bis jetzt eigentlich überhaupt nicht gespielt worden. Der Hitparaden-Erfolg basierte allein auf den wenigen Gigs und auf Mundpropaganda. Bevor das erste Geld von den Plattenverkäufen hereinkam, hatte ich noch ganze DM 25,— in der Tasche.“

>h3>Are You Experienced?

Von jetzt ab ging es steil bergauf.Es folgte eine England-Tour zusammen mit den Walker Brothers, die damals sowas wie Sex-Idole waren. Um ihnen die Show zu stehlen, bewegte sich Jimi so sexy auf der Bühne, dass die Konzertsaal-Besitzer drohten, den Auftritt zu stoppen, falls Jimi sich weiterhin so obszön benehmen würde. Diese Auseinandersetzungen, die sich fast jeden Abend wiederholten, brachten Schlagzeilen in der Musik-Presse, aber auch sonst wurde die Tournee ein Bomben-Erfolg. Die Jimi Hendrix Experience war jetzt eine Top-Band. ‚Hey Joe‘ war am 16. Dezember 1966 auf dem Plattenmarkt erschienen. Die Single sorgte auf Anhieb dafür, dass Jimi ein regelrechter Underground-Held wurde. Man betrachtete ihn als eine Persönlichkeit voller Widersprüche, und es waren die Poster mit seinem Bild drauf, die sich in dieser Zeit in London am Besten verkauften. Purple Haze‘, Jimis zweite Single, erschien am 18. März 1967. Danach folgten in kurzen Abständen ‚The Wind Cries Mary‘, ‚Burning Of The Midnight Lamp‘ und das erste Hendrix-Album ‚Are You Experienced‘, das am 19. Mai 1967 auf den Markt kam. In dieser Zeit muss es gewesen sein, als Jimi, der jahrelang keinen Kontakt mehr mit seiner Familie gehabt hatte, ein Telefongespräch mit seinem Vater führte, der noch immer in Seattle (Washington) wohnte. Jimis Mutter war bereits gestorben, als er noch ein kleiner Junge war. Ausserdem hatte Jimi noch einen Bruder namens Leon, der fünf Jahre jünger war als er. Als die Telefonverbindung zustande kam, muss sich ein unbeschreibliches Gespräch abgespielt haben. Jimi erzählte seinem Vater, der keine Ahnung hatte, wo sein Sohn steckte, dass er in London war und kurz davor stand, ein Welt-Star zu werden. Sein Vater war vor lauter Freude darüber so aufgeregt, dass er vollkommen vergass, Jimi zu erzählen, dass er zum zweiten Mal geheiratet und inzwischen zwei Töchter dazubekommen hatte.

Jimi im Beat-Club

Der erste Fernsehauftritt der Jimi Hendrix Experience wurde für’s Deutsche Fernsehen aufgenommen. Regisseur Mike Lekebusch hätte zu dem Zweck den Marquee Club in London gemietet, wo im Rahmen einer Live-Aufzeichnung für den Beat-Club‘ von Radio Bremen unter anderem auch Jimi, Mitch und Noel spielten. Mike erinnert sich noch erstaunlich genau an das Zusammentreffen mit Hendrix, das heute immerhin schon beinahe acht Jahre zurückliegt: „Als ich eine Voranpressung der ‚Hey Joe‘-Single in die Finger bekam, war mir auf Anhieb klar, dass diese Gruppe im Beat-Club auftreten musste. Damals war es natürlich keine Schwierigkeit, Jimi Hendrix für eine Fernsehsendung zu bekommen — der stand ja noch ganz am Anfang seiner Karriere. Wie sich herausstellte, sollte es der erste Fernseh-Auftritt für ihn überhaupt werden. Als Hendrix dann ins Marquee kam, machte er einen ziemlich weggetretenen Eindruck auf mich. Ich hatte damals von solchen Sachen wie Hasch wohl schon gehört, aber ich hatte keine Ahnung, wie das wirkt. Und so, wie der aussah, ich dachte, Mensch, da kommt aber ein Rabauke — ich war überrascht, aber er war sehr nett und es war unheimlich gut mit ihm zu arbeiten“.

Dass Jimi Rauschgift zu sich nahm, war »in offenes Geheimnis. Eric Berret, der für die Nice arbeitete, bevor er mit der Experience als Tour-Manager durch Europa und die Vereinigten Staaten reiste, weist übertrieben aufgemachte Presse-Artikel, die Hendrix als Heroin-Süchtigen abstempelten, eindeutig zurück: „All die Jahre, in denen ich mit Jimi zusammen auf Tour war, habe ich es nicht ein einziges Mal erlebt, dass er sich ’ne Spritze gesetzt hat. Natürlich rauchte er ‚Grass‘, nahm hin und wieder Aufputsch-Tabletten und begab sich gelegentlich auf die LSD-Reise. Jim war nicht der Typ, der auf Drogen ausflippte. Er hat sich mit Rauschgift nicht kaputtgemacht“.

100 000 Dollar für einen Auftritt

Im Juni 1967 begab sich die Jimi Hendrix Experience erstmals auf Amerika-Tournee, nachdem sie im Stockholmer Tivoli mit 14.500 verkauften Eintrittskarten für zwei Shows einen neuen Besucher-Rekord aufgestellt hatten. Im Anschluss an den Tivoli-Gig traten die Drei übrigens auch noch in der ausverkauften Sport-Arena in Kopenhagen auf. Sie waren die zweite Gruppe nach den Rolling Stones, die es geschafft hatte, diese Arena bis auf den letzten Platz zu füllen. Den Höhepunkt der ersten USA-Tour stellte der Auftritt beim Monterey-Festival dar. Die Jimi Hendrix Experience wurde dort von Brian Jones angekündigt, und das liess die Festival-Besucher aufhorchen, denn während Jimi Hendrix in Europa bereits ein gefeierter Star war, kannte ihn in den Staaten so gut wie keiner. Er begann den Auftritt dort mit seiner Version der englischen und der amerikanischen National-Hymne, was wie ein Blitz in die Köpfe der fünfzigtausend Festival-Besucher einschug. Jimi schien zu ahnen, dass dieses Festival ihm den Ruf des weitbesten Gitarristen einbringen würde. Er führte mit seiner Gitarre Liebesspiele vor, so, als wäre sie seine intimste Freundin. Am Ende seines Auftritts zerschlug er sein Instrument, indem er es gegen die Lautsprecher-Boxen knallte. Die übriggebliebenen Reste übergoss er schliesslich noch mit Brennspiritus und zündete sie an. Wie ein religiöses Opfer-Geschenk bot er die brennende Gitarre dem blauen Himmel an (Monterey war natürlich ein Open-Air-Festival), legte sie dann auf den Bühnenboden, und während noch immer schrille Rückkopplungs-Geräusche aus den Boxen schallten, verliess er die Bühne. Jimi Hendrix hatte es geschafft. Von den Lesern des englischen ‚Melody Maker‘ wurde er zum besten ‚Musiker des Jahres‘ gewählt. Die Konzert-Gage für die Experience stieg bis zu 100 000 Dollar für einen Auftritt.

Psychisch kaputt

Jimi Hendrix war eine lebende Legende. Er jettete um den Globus und brachte Massen in Bewegung. Egal wo er auftrat, ob in grossen Hallen, auf Open-Air-Festivals oder neben einem Vulkan (wie im Film ‚Rainbow Bridge‘), überall verbreitete Jimi eine unglaubliche Ausstrahlung. Von vielen wurde er beinahe wie ein Heiliger verehrt. Das war es vielleicht auch, was ihn am Ende psychisch kaputtmachte. Zu seiner grossen Enttäuschung musste er feststellen, dass seine Fans ihm und seiner Musik gegenüber immer unkritischer wurden. Manchmal spielte er bei seinen Auftritten bewusst schlecht oder falsch, um zu testen, ob das Publikum überhaupt Notiz davon nahm. Und immer stellte sich heraus, dass, so schlecht er auch spielte, tosender Applaus auf ihn zukam. Von einem bestimmten Zeitpunkt ab weigerte er sich, seine Showeinlagen wie zum Beispiel das Verbrennen seiner Gitarre auf der Bühne vorzuführen, weil er nicht wollte, dass die Leute in erster Linie kamen, um ihn zu sehen anstatt ihn zu hören. Jimi: „Eins steht fest, ich will kein Clown mehr sein, ich will kein Rock’n’Roll Star sein -— ich bin nur ein Musiker.“

Band Of Gypsies

1968 schien es, von heute aus betrachtet, dass Jimi auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt war. Während einer Amerika-Tournee entstand das Doppel-Album ‚Electric Ladyland‘. Im Juli 1969 fiel die Jimi Hendrix Experience auseinander. Es sah so aus, als hätte sich der grösste Gitarrist aller Zeiten nach New York zurückgezogen, um ein für alle Mal vom Showbusiness Abschied zu nehmen. Überraschenderweise trat er dann aber im Rahmen des Woodstock-Festivals doch wieder ins Rampenlicht zurück. Auf diesem legendären Ereignis präsentierte er sich mit einer Session-Band. In der Sylvesternacht 1969 wurde im New Yorker Fillmore East das neue Jahrzehnt auf eine ganz besondere Art und Weise eingeläutet. Jimi Hendrix hatte den Kontakt zu seinem alten Freund Billy Cox wiederaufgenommen und mit ihm am Bass und dem Ex-Spirit-Mitglied Buddy Miles (drums) die ‚Band Of Gypsies‘ formiert. Diese gab ihr einziges inzwischen ebenfalls bereits zur Legende gewordenes Konzert in jener Nacht. Der Mittschnitt dieses Gigs wurde später eine der meistverkauftesten Hendrix-Platten überhaupt.

Cry Of Love

Doch auch die Band Of Gypsies war nicht von Dauer. Jimi beschäftigte sich mit dem Gedanken, ein Rock-Orchester aufzubauen. Jimi: „Das Schwierigste für mich in dieser Situation ist, eine neue Richtung zu finden. Aber vielleicht finde ich einen Organisten und einen zusätzlichen Sänger, sodass ich ein bisschen in den Hintergrund treten und mich aufs Gitarrenspielen konzentrieren kann.“ In Interviews nannte er die neue Musik, die ihm vorschwebte, ‚Sunshine Music‘, ‚Sweet Opium Music‘ und ‚Western Sky Music‘. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Noch einmal trommelte er die Experience-Leute zusammen, um mit ihnen sowie mit Buddy Miles und Billy Cox ein neues Album aufzunehmen. Im ‚Electric Ladyland‘ Studio, das Jimi sich inzwischen in New York eingerichtet hatte, entstand das Album ‚Cry Of Love‘, das durch Jimis Tod zur letzten von ihm zur Veröffentlichung bestimmten LP wurde. Mit Mitch Mitchell am Schlagzeug und Billy Cox am Bass zeigte sich eine neuformierte Jimi Hendrix Experience noch einmal auf zwei grossen europäischen Festivals: Auf der Isle Of Wight und auf der Ostsee-Insel Fehmarn. Jimi starb am Freitag, den 18. September 1970 auf der Fahrt ins Krankenhaus, nachdem er zuvor in der Wohnung seiner deutschen Freundin Monika Dannemann in London einen Kreislauf-Zusammenbruch erlitten hatte. Obwohl er in der Nacht zuvor einige Schlaftabletten zu sich genommen hatte, war Jimi nicht, wie tags darauf in der Sensations-Presse zu lesen war, an Drogen gestorben. Er hatte sich auf der Fahrt ins Krankenhaus übergeben müssen und ist dann an seinem Erbrochenen erstickt. So endete die Geschichte eines Gitarristen, der den Himmel küsste.

Discographie

LPs:

‚In The Beginnmg‘ (Polydor 2310 105) mit den Isley Brothers rec. 1964, ed. 1970. (Shout rec. 1966, ed. 1972)

‚Get That Feeling‘ – ‚Flashing‘ (London) mit Curtis Knight rec. 1965/66. (Beide auch bei Capitol erschienen: ‚Get That Feeling‘ ST 2856, ‚Flashing‘ SWBB 6599)

‚The Early Jimi Hendrix‘ -Vol. I & Vol. II (EMI Stateside) Vol I: 5 C 05491. 962, Vol. II 5 C 05. 92. 031. Rec. 1965 mit Curtis Knight, prod. in Holland.

‚Jimi Hendrix – Daytripper‘ (Quality Records QC 1814) ‚Friends From The Beginning‘ (Stateside) mit Little Richard. Rec. 1965, ed. 1972.

‚Are You Experienced?‘ (Polydor 2486 034), 1967.

‚The Eternal Fire Of Jimi Hendrix‘ (Hailmark SHM 732), kurz nach der Formation von ‚Experience‘ im Sommer 1967 aufgenommen. Rec. mit Curtis Knight. ‚Axis Bold As Love‘ (Polydor 2486 029), 1967.

‚Historie Performances Recorderd at the Monterey International Pop Festival‘ (Reprise), mit Otis Redding res. 1967, ed. 1970.

‚Smash Hits‘ (Polydor 1184 138), 1968.

‚Electric Ladyland‘, Teil 1 und Teil 2 (Polydor) Best.Nr.: 2447 027, 2447 028. (1969)

‚Woodstock‘, (Cotillion SD 3500) aufgenommen 15. bis 17. August 1969. ‚Woodstock II‘ (Cotillion SD 2400) aufgenommen 15. bis 17. August 1969, incl. ‚Jam Back At The House‘, Izabella‘ und ‚Get My Heart Back Together‘.

‚Experience‘, (Entertainment), Filmmusik, rec. 1969, ed. 1970.

‚More Experience‘, (Ember), Filmmusik, rec. 1969, ed. 1970.

‚Band of Gypsies‘, (Polydor 2480 005), 1970.

‚Cry of Love‘, (Polydor 2480 027), 1970.

‚Im A Man‘, (Stateside), 1970.

‚On The Killing Floor‘, (Stateside), 1970.

‚Rainbow Bridge‘, (Reprise), 1971, Filmmusik.

‚Isle Of Wight‘, (Polydor 2310 139), td. 1971, (letzte Live-LP von Jimi Hendrix).

‚The First Great Festivals Of The Seventies‘, (Columbia G3x 30805), Ausschnitte aus ‚Isle Of Wight‘. ‚Jimi Hendrix‘, (Pantonic), 1971.

‚Rare Hendrix‘, (Trip), ca. 1971.

‚Roots Of Hendrix‘, (Trip), ca. 1971.

‚In The West‘, (Polydor 2310 161), 1972.

‚War Heroes‘, (Polydor 2310 208), 1972.

‚Birth Of Success‘, (MFP), 1972.

‚Face & Place‘, (Byg), 1972.

‚Together‘, (Maple 6004) mit Lonnie Youngblood, ed. ca. 1972.

‚Jimi Hendrix‘, (Reprise), 1973, Filmmusik.

‚Pop History Vol. II‘, (Polydor 2675 013 .

‚Winfried Trenkler präsentiert Jimi Hendrix‘ (Polydor). Loose Ends‘, (Polydor 2310 301).

SCHWARZDRUCKE

‚In Hawaii‘, (Hen Records), rec. 30 Juli 1970. Aufgenommen bei Hendrix’s ‚Volcano Concert‘, incl.

‚Steve’s Walking‘ und

‚Boogie It All Together‘.

‚Live At The Formu‘, Doppelalbum.

‚Goodbye Jimi‘. ‚Experience‘.

‚Best Of Jimi Hendrix Live‘.

‚The Jime Hendrix Experience – Live At The Royal Albert Hall* 1969.

SINGLES

Auf Polydor erschienen: ‚Hey Joe / 51 st Anniversary* The Wind Cries Mary / Purple Haze‘ ‚Foxy Lady / Hey Joe‘ ‚Crosstown Traffic / Gipsy Eyes‘ ‚Burning Of The Midnight Lamp / Let Me Light You‘ ‚All Along The Watchtower‘ ‚Voodoo Chile‘ Angel Freedom‘ Einige der erwähnten LP’s sind in Deutschland nicht erschienen. Eventuell kann man sie jedoch in guten Import-Plattenläden bekommen.

Hendrix-Filme

Monterey-Pop

Woodstock

Hendrix Plays Berkeley

Rainbow Bridge

Jimi Hendrix

CHAS CHANDLER verliess die Animals 1966 und wurde Manager der Jimi Hendrix Experience. Nach Jimis Tod entdeckte er ‚Slade‘, deren Manager er heute noch ist.

MIKE JEFFREY war der Manager der Animals. Zusammen mit Chas Chandler betrieb er das Management der Jimi Hendrix Experience. Im Sommer 1973 kam Mike bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

BUDDY MILES wurde als Mitglied der amerikanischen Gruppe ‚Spirit‘ bekannt. Nach Jimis Tod brachte er eine Reihe Solo-LPs heraus, auf denen er von seiner Band ‚The Buddy Miles Express‘ begleitet wird. Zusammen mit Carlos Santana nahm er 1972 ein Live-Album auf.

NOEL REDDING gründete nach dem Verlassen der Jimi Hendrix Experience die Gruppe Tat Mattress‘.

MONIKA DANNEMANN war Jimis letzte Freundin. Sie stammt aus Düsseldorf und war zeitweise eine sehr bekannte Eiskunstläuferin.