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The Reflektors in Berlin: Wie aus ME-Autor Malte Borgmann Win Butler wurde

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Vorm eigentlichen Konzert von Arcade Fire: Eine Band mit Masken und Mariachi-Anhang zieht ins Astra Kulturhaus ein

Dass ich für einen kurzen Moment ein internationaler Star und Grammy-Gewinner sein durfte, hat einen Grund: Ich bin ungefähr so groß wie Win Butler. „Finally! A normal sized person!“, lautet sein amüsierter Kommentar, als er mir zur Begrüßung die Hand schüttelt. Hat man die 1,90 Meter hinter beziehungsweise unter sich gelassen, freut es einen in der Regel, beim Betreten eines Raumes festzustellen, dass man heute nicht der einzige Lulatsch darin ist. Arcade Fire befinden sich gerade auf Promotour für ihr neues Album REFLEKTOR, und ich treffe den Sänger und seinen Bruder Will Butler zum Interview in Berlin. Letzterer kommt nach dem Gespräch dann angesichts meiner Körpergröße auch auf die Idee, mich für den morgigen Gig als Win Butlers Bobblehead-Double zu engagieren. Aber von vorne.

Arcade Fire treten ja dieser Tage nicht als Arcade Fire auf, sondern als „The Reflektors“, sozusagen eine glitzernde Prom-Night-Disco-Version ihrer Selbst. Es gibt mysteriöse, karnevaleske Geheimgigs in kleinen Clubs mit Kostümen und Schminke. Immer mit dabei: die sogenannten Bobbleheads. Ihren ersten Auftritt hatten sie im Video zur Single „Reflektor“ – überdimensionierte Pappmaché-Nachbildungen der einzelnen Bandmitglieder-Köpfe, die man sich aufsetzen kann wie eine Taucherglocke. Manche Fans fanden, dass sie ein bisschen gruselig aussehen.

Arcade-Fire-Bobbleheads: Spiel, Performance, Metapher – und Drill

Fester Bestandteil dieser durchinszenierten Reflektors-Shows ist die Ankunft der Bobblehead-Band am Venue. Komplett mit wartenden Fans, Limousine, Kameras, rotem Teppich und Mariachi-Band. Glasklar: Eine Reflexion über Berühmtheit, Image, Oberfläche. Arcade Fire wird schließlich gerne mal ein Hang zum Verkopften nachgesagt, und wer mit David Bowie kollaboriert, muss solche Kostümnummern in petto haben, logisch. Ein Spiel, eine Performance, eine Metapher. Und die ahnungslose Menge jubelt, ohne sicher sein zu können, wer wirklich unter der Maske steckt. Klingt nach einem großen Spaß, Win Butlers Bobblehead-Double zu spielen, natürlich sage ich zu.

Am nächsten Abend dränge ich mich an wartenden Fans vorbei zum verschlossenen Haupteingang des Astra Kulturhaus. Asita holt mich ab. Sie ist eine Managerin. Was sie genau managed, ich weiß es nicht. Zu berühmten Künstlern gehört ja immer ein ganzer Tross von Menschen, die permanent ihr Smartphone in den Händen halten, und alle managen sie irgendwas. Asita ist höflich, äußerst kurz angebunden, ständig in Bewegung und militärisch klar in ihren Ansagen. Eine Art höflicher Drill-Seargant mit ausgezeichnetem Modegeschmack. Sie ist offensichtlich eine gute Managerin.

In der Halle warten fünf weitere Freiwillige, die bunten Karnevalsjacketts bereits übergezogen, ihren Bobblehead in der Hand. In aller Kürze werden wir instruiert, die Zeit ist knapp. Der Plan sieht vor, dass wir uns unsere großen Pappmaché-Köpfe aufsetzen und zusammen mit einer dreiköpfigen Mariachi-Band in eine Limousine steigen, die am Hinterausgang für uns bereit steht. Darin werden wir dann vor die Halle kutschiert, wo Fans, Fotografen und Kameramänner warten. Wir winken, die Mariachi-Band spielt auf. Wir gehen an der Schlange vorbei über den roten Teppich zum Haupteingang, winken noch ein bisschen mehr, gehen rein, fertig.   

Win Butlers Reflektors-Kopf ist unbequem und unangenehm

Mit unseren Masken auf dem Kopf werden wir danach hektisch zum Hinterausgang gebracht und in die elegante, weiße Stretchlimousine verfrachtet. Wirklich genießen können wir die kurze Fahrt um die Halle herum nicht, der Grund dafür lässt sich klar benennen und ist aus Pappmaché. „Get used to them. It can be a little bit scary at first“, hatte die Managerin gesagt. Und tatsächlich, wohl fühlt man sich unter dem Bobblehead nicht. Es ist stickig und dunkel. Der starre Kopf sitzt lose und wacklig auf den Schultern, das Sichtfeld beschränkt sich auf zwei runde Lichtpunkte, die einem vor der Nase herumtanzen. Man kauert in unbequemer Haltung unter dem niedrigen Dach der Limousine und hat nach kürzester Zeit kein Gefühl mehr dafür, wie weit und wohin man gefahren ist. Es hat ein bisschen was von Entführung mit Sack über dem Kopf, nur dass man durch die zwei winzigen, ständig verrutschenden Gucklöcher kurze Blicke auf ein Kaminfeuer erhaschen kann, das auf einem LCD-Bildschirm in der Ecke des Wagens flackert.

Mehr und mehr wird klar, dass dieser Spaß hier auf unsere Kosten geht. Ich bin bislang noch nie aus einer Limousine gestiegen, daher weiß ich nicht, wie einfach oder schwer sich dieser Vorgang unter normalen Umständen gestaltet. Mit einer Körpergröße von knapp zwei Metern und dazu einer überdimensionalen Pappmaché-Glocke auf dem Kopf ist es jedenfalls nahezu unmöglich, sich dabei nicht wie ein sehr großer, unbeholfener Idiot anzustellen. Irgendwann zerrt man mich mit Gewalt aus dem Wagen.

„Bevor ich die Win-Butler-Maske abnehmen kann, renne ich noch einmal mit voller Wucht gegen den Türstock“

Die Kameramänner haben sich bereits in Position gebracht, die Mariachi-Band beginnt zu spielen, irgendwo warten die Fans, wir können sie nicht sehen. Ich winke ein bisschen. Jemand dreht mich: „This direction! This direction!“, ruft er oder sie. Ich habe wohl ins Nichts gewunken. Dann setzt sich unser Tross in Bewegung. Die riesige, sperrige Schandmaske der Berühmtheit auf dem Kopf stolpern wir halb taub und blind durch die Körper, Lichter und Geräusche. Kamerablitze, Objektive, Geschrei. Arme, die einen in irgendeine Richtung bugsieren. Absperrgitter, roter Teppich. Die Maske reflektiert den Schall, unter ihr kommt jeder einzelne Klang von allen Seiten zugleich, hohl und dröhnend. Man hat absolut keine Ahnung, wo man gerade ist und wohin man geht. So fühlt es sich also an, ein Star zu sein? Ist es das, was ihr mir sagen wollt, Arcade Fire? Eine rauschartige, bedrohliche Mischung aus Tunnelblick und sensorischem Overkill? Man trägt einen starren, glänzenden Panzer, der einen zum hilflosen Behinderten macht und winkt tapfer in die Richtung, in der man die Menschen vermutet? Und irgendwo spielt eine Mariachi-Band ihr Lied von Liebe und Leid?

Hände strecken sich mir erwartungsfroh zum Abklatschen entgegen. Manche treffe ich. Oft sehe ich nicht, wohin ich greife. Ich spüre menschliches Fleisch. Ist das eine Brust? Ein Gesicht? Eine Metapher? Irgendwann haben wir es geschafft. Mir schwirrt der Kopf, als wir aus dem Sichtfeld der Wartenden heraus in die Konzerthalle taumeln. Bevor ich die Maske abnehmen kann, renne ich noch einmal mit voller Wucht gegen den Türstock.

Später am Abend, kurz vor Ende des – übrigens grandiosen – Konzertes, setzt sich auch Win Butler noch einmal den Bobblehead auf. Er performt einen kompletten Song mit diesem furchtbaren, stickigen, klobigen Ding auf dem Kopf, und es scheint ihm keinerlei Mühe zu bereiten. Souverän ragt er über das Publikum und hält seine Maske mit triumphaler Würde ins Scheinwerferlicht. Seht her, scheint er zu sagen: So macht man das!

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Unsere Schnappschüsse des Berliner Konzerts von Arcade Fire aka The Reflektors findet Ihr übrigens auf Twitter und Instagram – folgt uns dort ebenso gerne wie bei Facebook!

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