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Interview

Timon Karl Kaleyta (Susanne Blech): „Traurige Sorglosigkeit ist besser als hoffnungsvolles Elend“

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Timon Karl Kaleyta ist nicht nur Musiker. Er ist Kolumnist bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Drehbuchautor für die Serie „jerks.“, und im April dieses Jahres erschien sein preisgekrönter Debütroman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ bei Piper. Am 28. Mai 2021 veröffentlicht er gemeinsam mit Tilman Ezra Mühlenberg und seinem langjährigen Produzenten Sebastian Maier die fünfte Susanne-Blech-Platte DIE INNERE SICHERHEIT.

Die damals sechsköpfige Band brachte ihr Debüt DEUTSCHE RENAISSANCE – EIN KANON im Jahr 2008 heraus. Mit dem 2012 erschienenen TRIUMPH DER MASCHINE gelang ihnen ein kleiner Durchbruch, der Touren durchs ganze Land zur Folge hatte und sie zu Partnern wie Four Artists und Sony führte. Für die dritte Platte, WELT VERHINDERN aus dem Jahr 2014, schrieb Kaleyta Songs mit Benjamin von Stuckrad-Barre, doch die Veröffentlichung geriet nach eigenen Angaben zum finanziellen Fiasko und zum vorläufigen Ende. Vier Jahre später erschien das bisher letzte Album RAGAZZI DI VITA, das sich erstmals musikalisch von der vorherigen elektropoppigen Struktur löste.

Mit DIE INNERE SICHERHEIT entfernen sich Susanne Blech nun endgültig von dem früheren Elektropop und der musikalischen Schnelligkeit. Das neue Album glänzt mit samtweichen Synthies, deren Tempo sich auf Dreampop-Ebene bewegen und in Italo-Disko-Manier zum Tanzen auffordern. Verhandelt werden auch nicht mehr die Aufstände und Posen der Jugend; DIE INNERE SICHERHEIT dient eher als „Reflexionen aus dem gelungenen Leben“ – aber vielleicht ist ja so etwas heute die viel größere Provokation.

Ob es bei Kaleyta und Mühlenberg selbst auch so aussieht, wie es um ihr Leben, die Kunst und ihre Sorglosigkeit steht, all das wollen wir von ihnen wissen.

Musikexpress.de: Eure neue Platte heißt DIE INNERE SICHERHEIT. Warum?

Timon Karl Kaleyta: Ursprünglich wollten wir unsere neue Band so nennen! Es war schon damals, zur heißen Zeit mit Susanne Blech, immer mein geheimer Wunsch gewesen, andere Musik zu machen. Schöne Musik, die sich nicht mehr an Jugendliche, sondern an vernünftige Erwachsene wendet. Und dafür brauchte ich Tilman, den ich seit dem Studium in Düsseldorf kenne, und von dem ich wusste, dass er ein viel feineres musikalisches Gespür hat als ich.

Tilman Ezra Mühlenberg: Trotzdem war es eigentlich Zufall: Es war nämlich so, dass ich Timon ursprünglich nur gebeten hatte, doch einmal mit seinem Auto bei mir in Berlin-Köpenick vorbeizukommen, da ich kurz zuvor einen Synthesizer aus den 1980er-Jahren bei Ebay ersteigert hatte und, wie es dann oftmals so ist, bei mir nur ein riesiger Karton mit einem Haufen Schrott ankam. Weil ich leider kein Auto besitze, brauchte ich jemanden, der dieses monströse Paket zur Post bringt. Zum Dank habe ich ihn dann bei mir zum Essen eingeladen, und am Abend haben wir unseren ersten Song produziert. Das lief so überraschend gut, dass wir beschlossen haben, daraus ein neues Projekt zu machen.

„Popmusik erzählt ja gern von großen Träumen – ich habe aber zunehmend das Gefühl, das Meiste eigentlich schon erreicht zu haben.“

Jetzt ist INNERE SICHERHEIT nicht mehr der Name des Projekts, sondern der Titel der Platte. Und der Stil hat sich nun noch stärker verändert als beim vergangenen Album. Wie würdet Ihr ihn jetzt beschreiben?

Kaleyta: Es kommt mir so vor, als sei es Musik für Leute, die keine echten Probleme mehr haben – oder deren Probleme sich von existenziellen hin zu individuellen verlagert haben. Das finde ich eigentlich ganz schön, als Konzept.

Mühlenberg: Musikalisch hatten wir keine direkten Vorbilder, es ging uns um einen bestimmten weichen Sound. Wir haben uns dann immer Nachrichten geschrieben, wie die Platte klingen solle und wo wir sie gerne hören würden. Irgendjemand kam nach den ersten Skizzen plötzlich auf den Satz: „Musik für die Zeit nach der Eroberung. Für die Zeit, wenn die Verträge gemacht werden.“

Timon, würdest Du sagen, dass dieser Fall bei Dir nun auch eingetroffen ist?

Kaleyta: Ich habe zumindest berechtigten Grund zu der Hoffnung, dass es so sein könnte. Ich bin verheiratet und führe ein glückliches Leben. Auf dem letzten Album gab es schon diesen Songtitel „Mit dem Erreichen meiner Ziele, frei von Illusionen, beginnt nun endlich das sorgenvolle Leben, das ich mir immer gewünscht habe“ und das ist vielleicht nun die Fortführung. Popmusik erzählt ja gern von großen Träumen – ich habe aber zunehmend das Gefühl, das Meiste eigentlich schon erreicht zu haben. Ob das gut ist? Schwer zu sagen.

„Die ziellose Einsamkeit unter kalifornischer Sonne, einfach sensationell.“

Das passt jedenfalls gut zu dem Musikvideo, das Ihr zu „Stéphanie von Monaco“ veröffentlicht habt: Wir sehen einen gut gealterten Mann, der im Überfluss einer herrschaftlichen Residenz in Los Angeles lebt und Rolls Royce fährt. Es wirkt alles sehr schön, aber auch ziemlich einsam.

Kaleyta: Das stimmt, und dieses Video war ein großes Glück. Der in Kalifornien lebende deutsche Künstler Friedrich Kunath hatte vor ein paar Jahren einen Kurzfilm gedreht, und als ich ihm unseren Song vorspielte, zeigte er mir sofort diesen Film, der diese ganze Stimmung, von der wir gerade sprechen, so viel genauer abbildete, als wir das hier in Deutschland jemals hätten machen können. Die ziellose Einsamkeit unter kalifornischer Sonne, einfach sensationell.

Mühlenberg: Das Schöne ist ja: Man liest in solche Bilder das hinein, was man eben hineinlesen möchte. Ich weiß gar nicht, ob es Kunath so intendiert hat, aber ich finde vieles an dem Material auch sehr witzig. Etwa wie der Protagonist sich verzweifelt in der Kunstgeschichte zu verorten versucht, oder die Szene, in der er dem Schauspieler Jon Hamm erklärt, wie man einen Tennisschläger hält. In unserem Schnitt und unserem Song erhält der Film naturgemäß eine andere, neue Bedeutung.

Kaleyta: Kunath sagt immer, so entstehe die beste Kunst, wenn das Bestehende weitergedacht und in neuen Kontexten verwand wird. Ein Hoch auf die Postmoderne!

Die Platte bewegt sich zwischen so einer fast urlaubshaften Sorglosigkeit, kippt dann aber immer wieder in die Melancholie.

Kaleyta: Naja, es ist ja schon ein Gemeinplatz, dass im Moment des errungenen Glücks bereits alles verdammt ist und wieder ins Rutschen gerät. Der Mensch tut sich ja schwer damit, dauerhaft glücklich zu sein. Wer aber keine ganz großen Sorgen mehr hat, der wird unweigerlich schwermütig, und das mündet dann in so albernen Gefühlen wie Melancholie oder Nostalgie. Diese Nostalgie wollen wir gar nicht erst aufkommen lassen auf der Platte, eher tun wir so, als gäbe es da einen Zustand von fortdauernder Glückseligkeit, in dem man das Sehnen für immer eingestellt hat. Allerdings auch eine tragische Situation.

Du identifizierst Dich also nicht mit dem, was Du dort besingst?

Kaleyta: Doch doch, ich habe es ja so geschrieben. Ich glaube bloß nicht, dass man in der Kunst Idealvorstellungen von etwas vermitteln sollte. Identifikationspotential ist ja auch ein schrecklicher Begriff – alles soll bitte irgendwie auf Distanz bleiben. Außerdem finde ich traurige Sorglosigkeit besser als hoffnungsvolles Elend (lacht).

„In der Popmusik geht es ja häufig um Ausbruchsfantasien, um Sehnsucht, darum, sein altes Leben zu verlassen und irgendwo in der Ferne neu anzufangen. Bei uns geht es um das Gegenteil […]“

Ist Sicherheit denn ein wichtiger Faktor in Eurem Leben?

Kaleyta: Das ist eine delikate Frage. Ich glaube, dass für alle Menschen Sicherheit ein wichtiges Gut ist – man sagt es nur nicht so laut als moderner Mensch, weil es natürlich spießig klingt. Dieses Dilemma ist auch ein wichtiger Teil meines Romans, da sagt der junge Held in der Blüte seiner Jugend, während andere rebellieren, dass sich bitte niemals etwas ändern solle – denn er denkt sich: Die Gefahr ist mir zu groß, dass eine Änderung auch alles schlechter machen könnte.

Mühlenberg: Das ist natürlich ein sehr konservativer Gedanke. In der Popmusik geht es häufig um Ausbruchsfantasien, um Sehnsucht, darum, sein altes Leben zu verlassen und irgendwo in der Ferne neu anzufangen. Bei uns geht es um das Gegenteil, nämlich darum, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass alles mehr oder weniger so bleibt, wie es ist. Es gibt meines Wissens kein Gegenteil zur Sehnsucht – Zufriedenheit oder Gleichgültigkeit trifft es nicht. Wir versuchen uns musikalisch an der Lösung dieses Problems.

„Ich hätte entweder ganz aufhören müssen mit der Musik oder etwas ganz Neues machen müssen. Man darf ja niemals zu lange so tun, als sei man noch jung…“

Timon, Tilman ist ja seit dem vorherigen Album dabei…

Kaleyta: Ja, man hörte schon auf der letzten Platte seine Mitarbeit heraus. Zwei darauf hatte ich bereits komplett mit ihm geschrieben. Das war, sehr spät dann, eigentlich die Musik, die ich schon früher gern gemacht hätte.

…also ist es tatsächlich vor allem sein Einfluss, dass es anders klingt als vorher?

Kaleyta: Absolut. Seine musikalische Welt ist sehr viel größer als meine – immer nur Leonard Cohen, The Notwist, Bryan Ferry, Nick Cave und so weiter. Und damit hat er natürlich vollkommen recht. Ich hätte entweder ganz aufhören müssen mit der Musik oder etwas ganz Neues machen müssen. Man darf ja niemals zu lange so tun, als sei man noch jung. Ohne Tilman wäre das nicht möglich gewesen alles, dieser neue Sound.

Mühlenberg: Das ist sehr nett, aber ganz so ist es natürlich nicht. Ich habe die Platte ja nicht allein produziert, sondern mit Sebastian Maier, der schon für die alten Alben verantwortlich war. Ob das, was wir da nun aufgenommen haben, einen Wert hat, können wir selbst ohnehin nicht beurteilen. Was ich aber sagen kann, ist, dass es uns erstaunlich leicht von der Hand ging. Ich glaube, ich kann für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass es ja oft eine ziemliche Qual ist, so ein Album zu produzieren.

Weil man im Entstehungsprozess einiges nochmal umwirft und neu aufnimmt? Da sprichst Du gewiss einigen Musiker*innen aus dem Herzen.

Mühlenberg: Das war in diesem Fall überhaupt nicht so. Wir sind mit dem Rohmaterial an einem bestimmten Punkt zu Sebastian Maier nach Herne gefahren, um in seinem Studio gemeinsam daran weiterzuarbeiten. Und wenn ich mich recht erinnere, dann haben wir eigentlich nichts mehr verworfen. Die Platte besteht also nur aus First Takes, auch Text und Gesang, und ich bilde mir ein, dass man das auch hört. Vielleicht sind wir allerdings auch einfach genügsam geworden.

Timon, es hört sich so an als würdest Du nie mehr zum alten Susanne-Blech-Stil zurückkehren?

Kaleyta: Musikalisch geht das ja auch gar nicht. Die Zeit hat uns alle eingeholt und zugerichtet. Ich bin gefühlt ein alter Mann.

Willst Du denn wieder zurück auf die Bühne?

Kaleyta: In der alten Form mit den lauten, schweißtreibenden Konzerten, bei denen ich mich voll und ganz verschwendet habe, ist das nicht mehr möglich. Ich hatte neulich, ganz im Ernst, einen Hexenschuss. Man kann das Vergangene nicht einholen, es lediglich billig nachäffen. Davor aber muss man sich hüten.

Wollt Ihr in der neuen Formation auftreten?

Mühlenberg: Was wir vielleicht noch schaffen würden, wären so schöne kleine Konzerte für ein sitzendes saturiertes Wohlstandspublikum mit erlesenem Geschmack. Vielleicht bei Vernissagen, in Kunstmuseen, übertragen von ARTE. Oder mit dem Goethe Institut in Shanghai, wo sich dann keiner für uns interessiert. Sowas würde ich gern noch machen.

Kaleyta: Oh, ja. Unbedingt. Und wir spielen die Konzerte dann ebenfalls im Sitzen.

„In dieser Welt, von der wir da erzählen, gibt es nichts außerhalb der Sicherheit. Hier ist alles sicher oder sehr sicher.“

In Deinem Buch hat der Protagonist auch eine Band, allerdings spielt sie keine so große Rolle, und niemand darin – außer dieser Sebastian – trägt einen Namen. Wieso?

Kaleyta: Naja, es ist halt ein Roman und damit Fiktion. Genau genommen ist es nicht mal ein Roman über einen Musiker, sondern die Lebensgeschichte eines Typen, der nicht wahrhaben will, nichts Besonderes zu sein, und der sich nur zufällig auch in der Musik versucht. Es gibt ein paar Ähnlichkeiten zwischen dem Protagonisten und mir, aber vielleicht auch nur, weil ich mir große Recherche ersparen wollte.

Zurück zum Album: Ihr habt die vier verschiedenen Tracks in zweifacher Ausführung auf der Platte. Als „sichere“ und „sehr sichere“ Version. Wieso das?

Mühlenberg: Für mich ist das nur logisch. Die Platte erzählt ja von dieser ominösen „inneren Sicherheit“, von einem Seelenzustand. Und da wir aus rein ästhetischen Überlegungen heraus zu jedem der Songs zwei Varianten aufnehmen wollten, haben wir das Spiel mit der Sicherheit noch etwas weitergedacht: Dann gibt es einmal die „sicheren“ und einmal die „sehr sicheren“ Versionen. In dieser Welt, von der wir da erzählen, gibt es nichts außerhalb der Sicherheit. Hier ist alles sicher oder sehr sicher.

„Was für eine Verschwendung von Lebenszeit. Was hätte ich werden können? Arzt oder Rechtsanwalt oder Diplomat?“

In dem Roman gibt es eine Stelle, die den Protagonisten in dem Moment zeigt, bevor er auf die Bühne geht. Er ist extrem unsicher. War das bei Dir jemals so?

Kaleyta: Absolut. Jedes einzelne Mal habe ich es gehasst. Ich dachte bei jedem Auftritt: Ich habe da auf der Bühne nichts verloren. Ich wäre jetzt lieber zuhause. Allein deswegen bin ich auch so froh, dass ich heute nicht mehr 50 Konzerte im Jahr spielen muss, sondern Stand jetzt: gar keins!

Und doch bist Du jahrelang aufgetreten.

Kaleyta: Ja. Ich habe mich gezwungen für den ganz großen Erfolg, der dann leider nicht wirklich eingetreten ist. Ein Wahnsinn, wenn man darüber nachdenkt. Vor allem nach der heißen Zeit dachte ich: Wofür der ganze Unsinn? Was für eine Verschwendung von Lebenszeit. Was hätte ich werden können? Arzt oder Rechtsanwalt oder Diplomat? Im Grunde genau wie der Protagonist am Ende von meinem Roman.

Also ist alles nochmal gut gegangen?

Kaleyta: Irgendwie schon. Erschreckend, dass es am Ende doch einfacher war als zwischenzeitlich befürchtet.

Album-Artwork DIE INNERE SICHERHEIT, 2021, Susanne Blech

DIE INNERE SICHERHEIT von Susanne Blech erscheint am 28. Mai 2021 digital und als limitierte Vinyl über Z-Muzic/Grzegorzki Records.

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