Kritik

„Die Discounter“ (Staffel 2) auf Amazon Prime Video: Arschlöcher sind auch nur Menschen

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Seit dem 11. November 2022 strahlt Amazon Prime Video die zweite Staffel der vielleicht kurzweiligsten (und leider kürzesten) deutschen Serie dieser Tage aus: In den neun neuen Folgen von „Die Discounter“ sehen wir erneut den unmotivierten Mitarbeiter*innen der fiktiven Hamburg-Altonaer Supermarktfiliale „Feinkost Kolinski“ voller Fremdscham dabei zu, wie sich gegenseitig verarschen, ihren Chef auf die Palme bringen, Kund*innen beleidigen, gegen sämtliche Hygieneregeln verstoßen, den Filialrivalen aus Eppendorf eines auswischen wollen und zwischendurch auch ihr eigenes Leben und Arbeiten infrage stellen. Das ist erneut hochamüsant, politisch unkorrekt und – unterm Strich – sehr menschenfreundlich geraten.

So gut kann Impro-Mockumentary funktionieren

Ein Blick zurück: In Staffel 1 (Dezember 2021) der von unter anderem Christian Ulmen produzierten Mockumentary-Serie „Die Discounter“ lernten wir das Kolinski-Team als bunten Haufen überwiegend junger Leute kennen, die in einem heruntergekommenen Supermarkt jobben und chillen, mitunter aber gar Karriere machen wollen. Von der Zukunft hat fast niemand einen Plan, alltagsschlau sind sie aber fast alle. Da wäre Flora, überzeugend gespielt von Rapperin Nura, die gerne kifft und im Kühlhaus, pardon, bumst. Peter ist der Proll der Runde, Samy dessen kleiner Buddy, Lia die eigentlich zu gebildete Feministin, in die der freundliche Titus halb heimlich verknallt ist. Pina ist das, was man früher ein Mauerblümchen nannte und die einzige, die ihre Arbeit ordentlich und damit auch täglich besser als ihr cholerischer Chef Thorsten erledigen will. Der tragischste Charakter ist der des Jonas, Supermarkt-Detektiv aus Mitleid, innerlich und äußerlich komplett fragil und obendrein auch noch schwul – nicht leicht, wenn man so introvertiert wie er ist und Typen wie Thorsten und Peter um sich herum weiß. Neben einigen weiteren Charakteren überzeugte Staffel 1 zudem mit Cameo-Auftritten von Peter Fox und Fahri Yardim.

„Die Discounter“ basiert auf der niederländischen Vorlage „Vakkenvullers“ und erinnert darüberhinaus an die US-Serie „Superstore“. Ihr USP ist nicht allein der Mockumentary-Stil, der an „Stromberg“ erinnert oder die Mischung aus Fremdschäm-Dialogen und Gastauftritten wie in Christian Ulmens Serie „jerks.“. Die jeweils knapp 20-minütigen Folgen sind deshalb so beeindruckend, weil ein Großteil ihrer Handlungen improvisiert sein soll. Dafür kann man den Regisseuren, den Zwillingsbrüdern Emil und Oskar Belton, Tribut zollen – vor allem aber dem Cast selbst, der teilweise aus erfahreneren Schauspielern besteht (Ludger Bökelmann etwa, der Peter spielt, ist bekannt als junger Ulrich Nielsen im Netflix-Hit „Dark“; Wolfgang Michael, der Hausmeister Wilhelm spielt, ist Theaterprofi), teilweise aber auch aus Rookies, also noch vergleichsweise unbeschriebenen Jungschauspielern. Oder, wie im Falle von Nura, aus einer zwar erfahrenen Rapperin, die die Schauspielerei aber nie „klassisch“ gelernt hat.

Großteil des Teams von „Feinkost Kolinski“

Das Gute im Menschen

In den neun neuen Folgen von „Die Discounter“ lassen die Belton-Brüder, die als Mitarbeiter von Kolinski Eppendorf erneut auch selbst am Rande mitspielen, ihre Truppe noch tiefer und überzogener in einen Sumpf aus (teilweise arg stumpfem) Fäkalhumor, Sexismus, Inzest, Mobbing und Gewalt, aber eben auch Zusammenhalt eintauchen. Mindestens einmal pro Folge möchte man als Zuschauer*in laut „Nein, bitte nicht auch das noch!“ rufen, lacht sich aber ob der Dummheit und Naivität mancher Figuren gleichzeitig kaputt – während man auch Mitleid haben muss. Die Gefahr, dass hier Jungregisseure und Schauspieler*innen aus überwiegend privilegiertem Hause eine nach unten tretende Comedy über die ach so einfachen und schlecht bezahlten Menschen machen, die nicht nur im Nebenjob, sondern im Hauptberuf kassieren und Regale einräumen, unterwandern sie durch tatsächliches Einfühlungsvermögen und Selbsthumor: Das wahre Verdienst aller Beteiligten ist es, wie leichtfüßig und beiläufig und in nur jeweils so kurzen Episoden sie es hinkriegen, den Charaktern eine Tiefe zu verschaffen, die die Zuschauer*innen mit der je nach Perspektive opti- oder pessimistischen Erkenntnis entlässt: Alle tragen ihre Geschichten mit sich – und selbst das größte Arschloch ist auch nur ein Mensch. Mit Erfahrungen, Bedürfnissen und einer Existenzberechtigung. Ein Eindruck, der sich vor allem in Filialchef Thorsten, besonders strombergig von Marc Husemann gespielt, manifestiert. Thorsten ist ein sexistisches, drückebergerisches Arschloch, an dem jeder Betriebsrat seine wahre Freude hätte – und damit und trotz seiner eigenen Faulheit die miese Fratze des Kapitalismus und seinen Auswirkungen.

Spielt in Folge 1 der 2. Staffel „Die Discounter“ sich selbst: Kida Khodr Ramadan

Eine Randnotiz, dass es auch in Staffel 2 ein paar Cameos gibt, etwa vom seit „4 Blocks“ unzertrennlichen, aber mittlerweile schon drüberem Proll-Duo Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan, von Influencerin Caro Daur oder, für zwei Sekunden, von Fußballprofi Mats Hummels. Über die kann man lachen oder auch nicht, die machen an der grundsätzlichen Gelungenheit von „Die Discounter“ keinen Unterschied. Das größte Manko von Staffel 2 bleibt lediglich, dass man sie an einem halben Abend weggeguckt hat. Eine dritte Staffel wurde noch nicht angekündigt. Ausreichend genug über die Kolinski-Truppe gäbe es aber gewiss noch zu erzählen – und zumindest die Streamingzahlen deuten einen Erfolg an: Nach dem ersten Wochenende steht die 2. Staffel von „Die Discounter“ bei Amazon Prime Video noch immer auf Platz 1 der Top 10 der meistgesehenen Serien – vor Blockbuster-Hits „Ringe der Macht“ und „Peripherie“.

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