Under The Cherry Moon


In gutbürgerlichen Verhältnissen wuchsen Neneh Cherry und ihr Halbbruder Eagle-Eye sicher nicht auf. Aber dafür lernten sie von ihrer schwedischen Mutter Moki und vom Trompeter Don Cherry, das Leben zu meistern.

Auf der Bühne des Continental Divide in New Yorks East Village steht eine schlaksige Figur. Der Mann betrachtet das antike Dekor des Clubs und die zweitklassigen Boheme-Typen im Publikum und lacht vor sich hin. Dann beginnt er zu singen. Zur Unterstützung spielt er einige Akkorde auf einem elektrischen Klavier und bläst Noten-Cluster aus einer kleinen Taschentrompete, die aus dem Requisitenfundus von Josephine Bakers historischer Pariser Revue stammt.

Als er vor 30 Jahren seine legendären Platten mit dem Saxophonisten Ornette Coleman aufnahm, galt der Trompeter Don Cherry zwar als ein junger Musiker mit harmonischer Vorstellungskraft – doch mit seinem dünnen, fast zaghaften Ton entsprach er nicht gerade dem Idealbild eines Virtuosen. Jetzt ist er 53 und entspricht diesem Bild noch weniger.

Er singt einen Blues von John Lee Hooker und begleitet sich auf der Doussn’gouni. einer sechssaitigen afrikanischen Gitarre aus Mali mit dem Klang einer Snare-Drum. „Wo hast du denn dieses Instrument aufgetrieben“, fragte ihn Hooker einst. Cherry antwortete: „Es hat von sich aus seinen Weg zu mir gefunden.“ Und er sagt: „Viele Leute fragen mich, was eine Doussn’gouni mit Jazz zu tun hat. Dann erkläre ich ihnen, daß Jazz zwar aus New Orleans kam, daß er aber auch aus Afrika stammt wie dieses Instrument.“

Den ganzen Abend bewegt sich Don Cherry zwischen diesen beiden Polen: sein eigenes ethnisches Gebräu und moderner amerikanischer Jazz. Doch irgendwann, als sich an der Bar des Clubs plötzlich die Leute drängeln, stimmt er einen Song mit dem Text an: „She is here and everybody knows it.“ Stimmt, sie ist da, und sogar in einem Jazzkonzert zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich, vor allem wenn sie auch noch ihr gerade vier Monate altes Baby Tyson im Arm wiegt: Neneh Cherry. Don beendet sein Spiel, um das Baby auf den Arm zu nehmen und seine Stieftochter zu umarmen, die Tochter des afrikanischen Perkussionisten Ahmadu Jan und Dons schwedischer Frau Moki.

Im Publikum taucht jetzt auch Eagle-Eye Cherry auf und gesellt sich zu seinem Vater und seiner Halbschwester. Mit seinen Dreadlocks und dem feinen Anzug sieht der Schauspieler aus wie der Zeremonienmeister dieses improvisierten Familientreffens. Eagle-Eye und Don strahlen stolz; Don wirkt geradezu beängstigend dürr und gleichzeitig sehr attraktiv in seinem exotischen Gewand, das ihn wie eine Kreuzung aus afrikanischem Prinz und dem „Kleinen Prinz“ von Saint-Exupery erscheinen läßt.

Auch Neneh fühlt sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wohl. Und Baby Tyson hat alle Chancen, irgendwann einmal ein mindestens genauso aufregendes Leben wie seine Mutter zu führen.

Die gesamte Familie Cherry hatte im vergangenen Jahr ziemlich viel Erfolg. Die Plattenfirma A&M veröffentlichte Dons Album ART DECO auf ihrem neuen Label Modern Masters, und es verkaufte sich für eine Jazzplatte ganz hervorragend.

Vermutlich profitierte Don von Nenehs Popularität. RAW LIKE SUSHI, das Album seiner 25jährigen Stieftochter, erreichte immerhin den vierten Platz der britischen Charts, und Singles wie „Buffalo Stance“ und „Manchild“ verschafften ihr selbst unter anspruchsvollsten Rockkritikern eine Menge Respekt.

Der gerade 21 Jahre junge Eagle-Eye wurde zwar noch nicht so stürmisch gefeiert, aber immerhin trat er schon in zwei vielbeachteten Off-Off-Broadwav-Produktionen auf  und übernahm die musikalische Leitung einer Kabelfernseh-Serie.

Im Lauf seiner Wanderungen als Musiker verschwand Don Cherry mehr als einmal aus dem Rampenlicht des Erfolgs und genauso aus dem Gesichtsfeld seiner Familie. Seine beiden Kinder arbeiten dafür um so klarsichtiger und ambitionierter an ihrer Karriere. Don, der begabte Improvisateur, scheint das zu unterstützen und zu genießen.

So flog er beispielsweise mit Neneh nach Los Angeles, um ein Video mit ihr zu drehen. Danach aber zog er sich erst einmal in sein neues Appartment in San Francisco zurück, wo er endlich zur Ruhe kommen möchte. Nenehs und Eagle-Eyes Mutter Moki aber wird sein neues, friedliches Leben in San Francisco nicht teilen – sie hat ihre Koffer gepackt und ist zurück nach Schweden gegangen.

Jetzt sitzt Don also in seinem Gärtchen in der kalifornischen Sonne, raucht eine Camel ohne Filter und trinkt Lassis, ein indisches Getränk, das seine Freundin Pat Whitaker zubereitet. „In der Bibel heißt es zwar, der Apfel sei die verbotene Frucht“, philosophiert Don, „aber ich glaube es war Opium. „Er will in San Francisco nicht nur den Schmerz der Trennung von Moki überwinden, sondern auch seine wechselvolle Beziehung zu harten Drogen, die wie Moki zu seinem Leben in New York gehörten. Er nimmt an einem Methadon-Entziehungs-Programm teil. Und Don hat bereits neue musikalische Freunde gefunden. Er tritt in der Bay Area mit einer Gruppe auf, die sich Hieroglyphics nennt, und San Franciscos Festival Jazz In The City“ beauftragte ihn, zusammen mit dem brasilianischen Perkussionisten Nana Vasconcelos eine Messe für alle Weltreligionen zu schreiben und im nächsten Jahr aufzuführen. „Nana beschwört die Gerüche und Geräusche des Amazonas“, und das nennt Don Cherry „Weltmusik – die Musik von Leuten, die in der Welt umhergekommen sind und zugehört haben.“

Er selbst ist wahrlich viel herumgekommen. In seiner ersten musikalischen Inkarnation gehörte er zur Gruppe von Ornette Coleman, den er in den 50er Jahren in Los Angeles traf. Im Winter 1958 übten Coleman und Cherry noch zusammen mit Bassist Charlie Haden und Drummer Billy Higgins in der Garage von Cherrys Mutter. Ein Jahr später traten sie, von der Kritik gefeiert, in New York auf. In ihren besten Momenten praktizierten Coleman und Cherry musikalsiche Telepathie: Sie klingen, wenn sie wollten, wie zwei lachende alte Frauen in perfekter Harmonie.

In den Jahren nach der Freejazz- Revolution erreichte Cherry – wie alle Kollegen, die nicht schon in jungen Jahren starben oder Miles Davis hießen – in den USA den Status einer respektierten, wenn auch mehr oder weniger obskuren und armen Jazz-Größe. Aber in Europa verdiente er sich mit seiner Musik schließlich den Lebensunterhalt. Für ECM nahm er mehrere Platten als Mitglied des Ensembles Codona auf, das er zusammen mit Nana Vasconcelos und dem amerikanischen Multi-lnstrumentalisten Collin Walcott gegründet hatte. Codona löste sich auf, als Walcott 1984 durch einen Autounfall ums Leben kam.

Cherry war keineswegs der einzige amerikanische Avantgarde-Jazzer, der viel in der Welt herumkam. Aber bei ihm verband sich die musikalische Pilgerschaft auch mit familiären Veränderungen. In den frühen 60er Jahren ließ er seine damalige Frau Carletta und die beiden Kinder Jan und David in der Obhut seiner Mutter in Los Angeles zurück und machte sich auf zu seiner ersten Europa-Tournee. Als er schließlich nach vielen Jahren zurückkehrte, hatte er eine neue Familie.

Cherry traf Moki in Stockholm, als er dort mit dem Saxophonisten Sonny Rollins spielte. Moki studierte damals Design, und Don erinnert sich: „Wir blieben zusammen. Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest, daß sie meine langen Unterhosen gelb gefärbt hatte. Da verliebte ich mich in sie.“ Und in Mokis sechs Monate alte Tochter Neneh.

Cherry unternahm zwei Tourneen durch Nordeuropa und einen Abstecher nach Jujuca in Marokko, der Heimat der Pipes Of Pan, bevor er zu Moki und Neneh zurückkehrte. Die drei mieteten eine Wohnung in der Gamla Stan, der Stockholmer Altstadt. „Damals begann ich, Flöte zu spielen. Wir wohnten in der Nähe des Völkerkundemuseums, wo ich viele neue ethnische Instrumente kennenlernte. Im Museum hatten sie auch ein ganzes Gamelan-Orchester aus Indonesien, und ich durfte mit all diesen Instrumenten üben.“ 1970 zogen die Cherrys aufs Land, ins ehemalige Schulgebäude des südschwedischen Dorfs Tagarp. 1975 mieteten sie ein Loft in Long Island dazu und pendelten zwischen Europa und Nordamerika hin und her.

Das Zigeunerleben aktiver Musiker wirkt sich normalerweise nicht gerade positiv auf den Zusammenhalt der Familie aus. Doch Cherry ging nie ohne Neneh oder Eagle-Eye auf Tournee. „Viele junge Leute wollen keine Kinder, weil sie glauben, sie mußten dadurch auf zu viel verzichten“, erklärt er. „Das ist grundfalsch. Wenn wir unterwegs waren, war es fiir mich immer sehr wichtig, Zeit für die Kids zu haben, um ihnen etwas vorzulesen oder mit ihnen vor dem Einschlafen zu relaxen. Eagle-Eye habe ich immer Geschichten von Krishna vorgelesen, denn wenn er mich ansah, erinnerte er mich an Balarama, Krishnas Freund aus der indischen Mythologie. „

In Stockholm hatte Cherry die Bekanntschaft tibetanischer Mönche gemacht, und seine Trips in eine magische, mystische neue Welt wollte er mit den Kindern teilen. „Eagle-Eye und ich haben sogar einmal den Dalai Lama getroffen“, erzählt er, ganz der stolze Vater.

Szenenwechsel: In einem Straßencafe im East Village sitzt Eagle-Eye in der Sonne, nippt an einem Martini und sieht aus wie ein zufriedener Rastafari-Chorknabe. Er hat den ganzen Sommer über hart im Theater gearbeitet. Der Martini, sagt er, ist die Belohnung für seinen Streß.

Eagle-Eye hat mit 21 bereits einen Agenten und viele Pläne. Er schmiedete schon immer Pläne. Mit neun Jahren organisierte er zusammen mit Schulfreunden in Tagarp Theater-Aufführungen; mit 13 tourte seine Truppe durch Schweden und erhielt Zuschüsse vom Kultusministerium. Eagle-Eye ist ein guter Organisator. Vor jedem Familientrip saß er bereits eine Stunde vorher auf seinem fertig gepackten Koffer, während es seine Eltern früher nie rechtzeitig zum Flughafen schafften, um ihren gebuchten Flug zu erreichen.

Mit zehn Jahren fand Eagle-Eye, daß er zu viel Unterricht versäumte, wenn er immer mit seinen Eltern auf Tournee ging, und deshalb entschloß er sich, in Schweden zu bleiben, als die Familie nach New York zog. Er wollte in Tagarp seinen Schulabschluß machen. Er hatte eben schon früh erkannt, daß er am besten für sich selbst sorgen mußte.

„Mein Vater wurde im Grunde nie wirklich erwachsen“, sagt Eagle-Eye. „Als ich vier oder fünf Jahre all war, waren wir wie zwei Brüder, die zusammen aufwuchsen. Don war dabei immer der waghalsigere, der die verrücktesten Sachen anstellte, während ich ihn immer zu bremsen versuchte. Das war auf musikalischem Gebiet genauso. Er gab mir beispielsweise mitten auf der Straße eine Flöte, mit der ich spielen sollte, und ich traute mich nicht wegen der Leute.“

Don Cherry interessierte sich stets für alles, was mit Musik zu tun hatte. Obwohl das Album ART DECO eher eine seriöse Retrospektive seiner Entwicklung als Jazztrompeter bietet, ließ er sich stets auf alle musikalischen Abenteuer ein, die sich ihm anboten. So sang er auf der LP HOME BOY (1985) einen Reggae über einen weintrinkenden Schmetterling („Butterfly Friend“) und servierte sein Spezialrezept für einen guten Kartoffelsalat als flotten Rap.

Doch heutzutage sieht es so aus, als sei weder der Kartoffelsalat-Rap noch der Schmetterlings-Reggae sein wichtigster Beitrag zur internationalen Popszene – sondern die Tatsache, daß er in den späten 70er Jahren seine Stieftochter Neneh auf die Londoner Szene losließ. Neneh hatte in Schweden die Schule mit 14 verlassen und sich mit 16 zusammen mit Don nach London aufgemacht, wo sie sich schnell in der späten Punkszene heimisch fühlte.

Danach kehrte sie alleine nach London zurück, hatte mit der Tochter Naima ihr erstes Kind und nahm Platten mit den Slits, mit Rip, Rig & Panic und Float Up CP auf. Von dieser Phase hört man auf ihrem Album zwar nicht mehr viel, aber, so sagt sie, jene Tage waren wichtig für ihre soziale Entwicklung: „Das gab mir eine Identität, hinter der ich mich verstecken konnte. Dadurch konnte ich mir erlauben, keine Furcht zu haben. So versuchte ich, meinen eigenen Stamm zu finden.“

Als Tochter einer schwedischen Künstlerin und eines afrikanischen Musikers und als Stieftochter eines schwarzen amerikanischen Jazzers stecken in Neneh mindestens drei verschiedene Stämme. Mit dem afrikanischen Erbe schloß sie ihren Frieden, bevor sie nach England ging: Ihr Vater hatte sie zu einem Familientreffen in den westafrikanischen Staat Sierra Leone eingeladen. „Dort findest du zwangsläufig deine Roots. Es war, als fände ich zurück zu meiner alten Seele.“

Nenehs Mutter arbeitet viel mit allerlei Stoffresten, die sie in neuen und überraschenden Designs kombiniert. Nenehs Album RAW LIKE SUSHI erinnert in gewisser Weise an diese Patchwork-Arbeiten: Sie verbindet beispielsweise rauhen Street-Rap mit gefälligen Pop-Melodien.

Aber ihre ganz spezielle Stärke liegt darin, daß sie ihre Messages – wie das Verantwortungsgefühl in der Mutterschaft oder das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis – mit ungekünstelter Erotik verbindet.

So hat sie also die Erfindungsgabe von ihrer Mutter. Ihr starkes Selbstbewußtsein als Frau und Mutter speist sich vielleicht aus den afrikanischen Roots. Der Vamp hingegen ist Nenehs eigene Kreation. Sie ist mütterlich und verführerisch zugleich. Sie ist schön und sanft.

1989 war ein turbulentes Jahr für sie. Sie vollendete ihr Album, brachte ihr zweites Baby zur Welt und gab Interviews bis zur Erschöpfung. Im August übte sie auf dem Land rund um die Uhr für die erste große Tournee mit den Fine Young Cannibals.

Auf dieser Tour erlitt sie einen Kollaps. Die Ärzte diagnostizierten angeblich Hirnhautentzündung, übertragen durch Zecken während der Proben auf dem Land. Ob die Diagnose stimmte oder nicht, tut im Endeffekt nichts zur Sache – Neneh stand so oder so am Rand der physischen Erschöpfung. Sie sagte die restlichen Konzerte ab, um sich auf den Bahamas zu erholen.

Mittlerweile versucht Don Cherry, in den USA endlich die Anerkennung zu finden, die er nach 30 Jahren wohl verdient hat. Er begann als Tellerwäscher in Los Angeles und gehört längst in die obersten Ränge progressiver amerikanischer Musik. Die typische Tellerwäscher-Karriere hat er dennoch nicht hinter sich: Noch immer muß sich Don Cherry Gedanken darüber machen, wovon er seine Miete bezahlen soll. Das scheint ihn bisweilen ein wenig zu verbittern. „Ich könnte ein brauchbares Studio in Europa besitzen und vernünftig arbeiten. Aber ich möchte es endlich hier in Amerika schaffen“, sagt er ungehalten.

„Ich kann gut verstehen, daß sich Don schlecht behandelt fühlt „, meint sein einstiger Partner Ornette Coleman. „Vielen Jazzern geht es in den USA so: Du lebst in einem reichen Land mit der besten Technologie der Welt, dir fehlen aber die Mittel, sie zu nutzen. “ – Vielleicht spricht Cherry deshalb so leidenschaftlich über sein Bedürfnis, mit moderner Technologie zu arbeiten. Meint er die digitalen Sampler, die Neneh und ihre Freunde benutzen, um ihren speziellen Sound zu kreieren? Jedenfalls sagt er: „Die Technologie steht längst bereit. Erst jetzt können wir uns richtig um die Obertöne und die himmlischen Sphären kümmern.“

Aber vielleicht wird der Patriarch der Cherry-Familie zu seinen Lebzeiten den Bereich der himmlischen Musiksphären nicht mehr erreichen. Wahrscheinlich bleibt das der nächsten Generation vorbehalten: Eagle-Eye, der mit sich selbst besser klarkommt als sein Vater, oder Neneh, die selbstsicherer und pragmatischer mit ihren Bedürfnissen umgeht.