Gedanken zum Gegenwärtig*innen

Verwöhnt, verdrängt, verschreckt: Warum wir die seltsamsten Menschen der Welt sind

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. a hard rain is gonna fall

„Europa“, die Single von Die Nerven, klingt wie Jochen Distelmeyers Single „Ich sing für Dich“. Schriftsteller*innen wie Juli Zeh und Schauspieler*innen wie Lars Eidinger haben einen offenen Brief der „Emma“ unterschrieben, in dem sie sich aus Angst vor einem Atomkrieg gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aussprachen. Der Hamburger Indie-Labelbetreiber Wolfgang Müller hat eine viel geteilte Gegenrede geschrieben.

Der 1975 Geborene beginnt sie mit Erinnerungen an seine Kindheit zu Zeiten des Kalten Krieges: Da waren „die Hände, die ich auf meine Ohren drückte, wenn wieder zwei Kampfjets im Tiefflug über unser Dorf donnerten. (…) Regelmäßig wurde ABC-Alarm geprobt. (…) Ich hatte immer höllische Angst, dass es dieses Mal keine Übung sein könnte, sondern wirklich gleich eine Atombombe über uns explodiert. (…) Für die letzten dreißig Jahre war diese Bedrohung verschwunden, wer erst Mitte/Ende der 80er-Jahre geboren wurde, kennt das nicht.“

„Eine Kindheit eine Jugend, ein Turm aus Elfenbein / Alle sagen immer wieder, so wird’s nie mehr sein“, singt der 1993 geborene Max Rieger von den Nerven in „Europa“. Und Jochen Distelmeyer singt, er singe für dich, „wenn rings um dich nur Krieg und Krise tobt / Und auch auf deine Welt ein harter Regen fällt“.

2. verwöhnt, verdrängt, verschreckt

In der „Zeit“ schreibt die Autorin Anna Mayr über das Paradox des Lebens in Wohlstand und Sicherheit: „Es ist unmöglich, ein glückliches Leben zu führen, wenn man gleichzeitig bei vollem Bewusstsein über die Umstände dieses Lebens ist.“ Der westlichwohlständige Mensch hatte seine Normalität lange gut sortiert: Krisen, Kriege, Katastrophen passieren woanders. Uns können nur individuelle Krisen passieren: Arbeitslosigkeit, Trennung, Krankheit. Aber mit Fleiß, guter Ernährung, Sport und dem einen oder anderen offen Brief lassen die sich schon umgehen.

Diese praktische Einteilung ist nun zusammengebrochen. Nachdem man eine Pandemie ausgehalten hat, wird man auch gar nicht mit „noch größerer Nähe“ belohnt, wie Charli XCX – 1992 geboren – noch in „Anthems“, ihrem 2020er Lockdown-Song, annahm. Unser Leben Prä-Corona und Kriegsbedrohung war keine Normalität, sondern nur eine wohlsituierte Verdrängungs-Perspektive, die uns normal vorkam. Es waren Scheuklappen, die man sich – obwohl sie sinnvolle Psycho-Hygiene waren – als weißer, westlicher, „ab Mitte/Ende der Achtziger geborener“ Mensch nun vorwirft.

Man hasst sich für seinen Rassismus und sein Anspruchsdenken. Während man natürlich gleichzeitig hofft, das alles – bitte schön – schnell wieder so werde, wie es war. WEIRD, also „western, educated, industrialized, rich und democratic“, nennt uns der ebenfalls weirde kanadische Anthropologe Joseph Henrich in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Sachbuch: „Die seltsamsten Menschen der Welt“.

3. weird

Bei Henrich erfährt man, dass westliche Menschen gerne von sich auf andere schließen – auch in der Psychologie. Ohne dass das aber lückenlos möglich wäre. Da Kultur das Gehirn maßgeblich verändere. Lesefähigkeit beispielsweise baue das Gehirn derart um, dass lesenden Menschen Gesichtserkennung schwerer falle, als Menschen, die nicht alphabetisiert seien. Auch sei den Westler*innen die Überzeugung zu eigen, dass der Mensch ein klar abgrenzbares Individuum sei, und nicht „nur“ ein Knoten in einem Netzwerk.

Würden wir uns als solche Knoten begreifen, würde es uns wahrscheinlich leichter fallen, Rassismen – wie das Wegsortieren von Krisen, Kriege und Katastrophen an „andere Orte“ – zu bewältigen. Persönlicher Selbsthass ist gar nicht angebracht. Es ist die Programmierung unseres Netzes, die mitunter hassenswert ist. Unterdessen wird den in Russland ansässigen Knoten per Staatsfernsehen erklärt, wie man mit nur einer einzigen Atomrakete ganz Großbritannien auslöschen könnte. „So lock all the windows and shut all the doors and get into the house and lie down on the cold, hard floor“ schreit Dana Margolin auf dem neuen Porridge-Radio-Abum.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 07/2022.


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